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Pädophile Priester Was wusste Kardinal Mahony?

17.07.2007 ·  Der Millionen-Vergleich zwischen der Erzdiözese Los Angeles und den Opfern von Missbrauch durch Priester ist rechtskräftig. Dass die finanzielle Wiedergutmachung in Wahrheit keine ist, weiß auch Kardinal Roger Mahony. Ihm ersparte der Handel einige unangenehme Fragen, berichtet Matthias Rüb.

Von Matthias Rüb, Washington
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Mehr als eine halbe Milliarde Dollar Schadenersatz ist selbst für die größte katholische Diözese in den Vereinigten Staaten finanziell nur schwer zu verkraften. Ohne die Veräußerung von gut vier Dutzend Liegenschaften, darunter das Verwaltungsgebäude der Erzdiözese am Wilshire Boulevard in Los Angeles, und ohne zusätzliche Kreditaufnahme wird es also nicht gelingen, die insgesamt 660 Millionen Dollar aufzubringen, mit denen die Diözese im Süden Kaliforniens den Missbrauch von 508 Jungen und Mädchen durch katholische Priester in den vergangenen Jahrzehnten zu entschädigen versucht.

Dass dies wie jede finanzielle Wiedergutmachung in Wahrheit keine ist, weiß auch Kardinal Roger Mahony, der sich am Montag in Los Angeles abermals bei den Opfern entschuldigte. Auch versicherte er, zu den unentschuldbaren Verbrechen an Schutzbefohlenen hätte es niemals kommen dürfen - und dürfe es in Zukunft nie wieder kommen.

Bezirksrichter bestätigt Vergleich

Mit dem Spruch des Bezirksrichters Haley Fromholz aus der Nacht zum Dienstag, der den nach monatelangen harten Verhandlungen zwischen Anwälten der Opfer und der Erzdiözese erreichten Vergleich als „richtiges Ergebnis“ rechtskräftig guthieß, vermeidet die Katholische Kirche 15 Musterprozesse allein in Los Angeles, die Anfang dieser Woche mit der Auswahl der Geschworenen für das vielleicht wichtigste Verfahren hätten beginnen sollen. Dabei wäre es um die finstere Hinterlassenschaft des 1987 verstorbenen Priesters Clinton Hagenbach aus Los Angeles gegangen, der über die Jahre hinweg offenbar mehr als ein Dutzend Jungen missbraucht und vergewaltigt hatte.

Nicht nur in diesem Verfahren wäre es auch um die Frage gegangen, was Kardinal Mahony, der 1985 Erzbischof der Diözese Los Angeles und 1991 Kardinal wurde, von den Fällen gewusst hat - und vor allem darum, was er wann zum Schutz der Opfer unternommen hat. Vertreter der Missbrauchsopfer, etwa die Selbsthilfeorganisation „Survivors Network of those Abused by Priests“ (SNAP), werfen Mahony vor, er habe dem Vergleich mit der beispiellosen Schadensersatzsumme nur deshalb zugestimmt, um selbst nicht in den Zeugenstand geladen zu werden.

Mahony hält dem entgegen, er habe zwar Fehler gemacht und etwa zu leichtgläubig des Kindesmissbrauchs verdächtige Priester nach durchlaufener Therapie wieder in Dienst gestellt. Er hätte aber ohne Schwierigkeiten in den anstehenden Verfahren ausgesagt, versicherte er.

Zwischen 100.000 und vier Millionen Dollar

Dazu wird es nun nicht kommen. Wenn alles nach Plan läuft, werden die mehr als 500 Opfer ihre Entschädigungen noch vor dem Amerika-Besuch von Papst Benedikt XVI. im kommenden Jahr wenigstens teilweise ausgezahlt bekommen. Die Höhe der Zahlungen richtet sich je nach Schwere und Dauer des erlittenen Missbrauchs und beträgt zwischen 100.000 und vier Millionen Dollar.

Selbstredend verdienen auch die Anwälte der Opfer nicht schlecht an den Vergleichen, denn gewöhnlich geht ein Drittel bis die Hälfte der Summe an die Rechtsvertreter der Opfer. Dass der Papstbesuch in den Vereinigten Staaten am gleichen Tag angekündigt wurde, an welchem auch die Einzelheiten des Vergleichs von Los Angeles bekannt wurden, mag schierer Zufall sein - oder ein Zeichen des Himmels oder auch der historisch verbürgten Symbolsicherheit des Vatikans.

Laut Angaben Mahonys wird die mit etwa fünf Millionen Seelen größte und wohlhabendste amerikanische Diözese 250 Millionen Dollar aus eigenen Haushaltsmitteln beibringen; 227 Millionen Dollar kommen von den Versicherungen der Diözese; 60 Millionen werden Orden wie Franziskaner, Jesuiten und Karmeliter beisteuern, deren Priester ebenfalls in die Missbrauchsskandale verwickelt waren. Die restlichen 123 Millionen Dollar schließlich sollen aus Guthaben und Krediten finanziert werden.

Die Summe stellt andere Vergleiche in den Schatten

In früheren Vergleichen hatte die Erzdiözese schon die Zahlung von 114 Millionen Dollar zugesagt, so dass allein die Diözese Los Angeles 774 Millionen Dollar Schadenersatz zu tragen hat. Diese Summe stellt die 85 Millionen Dollar weit in den Schatten, mit welchen die Erzdiözese Boston im Jahr 2003 die Missbrauchsfälle von 550 Männern und Frauen mit einem Vergleich juristisch geregelt hatte. Als Grund für die weit höhere Vergleichssumme von Los Angeles wird genannt, dass Geschworenengerichte bei Verfahren im Bundesstaat Kalifornien Verbrechensopfern wesentlich höhere Schadenersatzzahlungen zuzusprechen pflegen als zum Beispiel in Massachusetts.

Insgesamt hat die Katholische Kirche in den Vereinigten Staaten seit Beginn der Prozesswelle wegen der Missbrauchsfälle vor zwei Jahrzehnten der Zahlung von mehr als zwei Milliarden Dollar Schadenersatz zugestimmt. Fünf Diözesen in den Bundesstaaten Arizona, Kalifornien, Iowa, Oregon und Washington mussten deswegen Bankrottverfahren mit Schutz vor Gläubigerforderungen einleiten.

Amerika führt bei der Aufarbeitung der Vergangenheit

Nach einer von der Katholischen Kirche in den Vereinigten Staaten selbst in Auftrag gegebenen Untersuchung, deren Ergebnisse im Februar 2004 veröffentlicht wurden, haben sich in den vergangenen 50 Jahren mehr als 4000 amerikanische Priester an gut 10.000 Kindern vergangen. Die Opfer waren in der Mehrzahl Jungen.

Gegenstand des Vergleichs von Los Angeles sowie ähnlicher Vereinbarungen in anderen amerikanischen Diözesen ist auch die Offenlegung vertraulicher Akten der Kirche über beschuldigte Priester. Jeder weiß, dass ein Verbrechen solchen Ausmaßes den Bischöfen und Kardinälen nicht entgangen sein kann - weder in den Vereinigten Staaten noch anderswo auf der Welt, wo die „Aufarbeitung“ dieser dunklen Vergangenheit und Gegenwart der Römisch-Katholischen Kirche (noch?) nicht so offen geführt wird wie in Amerika.

Anders als die traditionellen protestantischen Kirchen in den Vereinigten Staaten wie Lutheraner und Presbyterianer sowie auch die (anglikanische) Episkopalkirche, die seit Jahren einen Mitgliederschwund verzeichnen, wächst die Seelenzahl der Katholischen Kirche. Mit etwa 62 Millionen Mitgliedern sind die Katholiken die mit Abstand größte Kirche in den Vereinigten Staaten, und ihre Zahl nimmt um etwa zwei Prozent jährlich zu. Grund ist vor allem die anhaltende Einwanderung von Latinos aus Mittel- und Südamerika.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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