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Ökumenischer Kirchentag Applaus bekommen die Kritiker

14.05.2010 ·  Der Weg zum Frieden ist noch weit: Auf dem Ökumenischen Kirchentag in München ist ohne Tabus über sexuellen Missbrauch diskutiert worden. Der Trierer Bischof Ackermann zeigte sich erschrocken über den Versuch, mit dem Thema Kirchenpolitik zu betreiben.

Von Daniel Deckers, München
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Unser Friede – ihr Friede? Eigentlich sollte der Trierer Bischof Stefan Ackermann an diesem Freitagvormittag auf einem Podium des Ökumenischen Kirchentags sitzen und über das Verhältnis von staatlicher Sicherheitspolitik und kirchlicher Friedensarbeit diskutieren. Doch seit drei Monaten steht der Bischof weniger als Vorsitzender der Kommission Iustitia et Pax der Deutschen Bischofskonferenz im Fokus der Öffentlichkeit denn als Beauftragter für Fälle sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche in Deutschland.

Gleichwohl hätte „Unser Friede – ihr Friede“ auch als Motto über der Veranstaltung stehen können, in der Ackermann auf eigenen Wunsch eine Hauptrolle spielt. In einer der größten, für sechstausend Zuhörer ausgelegten Halle auf dem Gelände der Münchner Messe geht es um den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche. Zum Bersten gefüllt ist die Halle nicht. Doch die drei-, vielleicht viertausend überwiegend der mittleren Generation angehörigen Kirchentagsbesucher, die das Interesse an diesem Thema und vielleicht auch die widrige Witterung in die Halle C1 verschlagen hat, werden Zeuge einer leidenschaftlich ausgetragen Debatte über die institutionelle Dimension des – so die Moderatorin – tausendfachen Missbrauchs durch katholische Geistliche in Deutschland.

Drei Risikofaktoren sexuellen Missbrauchs in der Kirche

Auftritt Klaus Mertes, Priester, Jesuit, Direktor des Berliner Canisiuskollegs. Philosophisch geschult, intellektuell brillant und rhetorisch versiert verwendet Mertes keine Minute auf die Nacherzählung der Ereignisse der vergangenen Monate und Jahre. Mit wenigen Sätzen schlägt er den Bogen von der Erfahrung der Opfer, als Person von einer Person missbraucht worden zu sein, zu deren Bedürfnis, ihr Verhältnis zu der Institution zu klären, in deren Schutz, wenn nicht in deren Namen das Unfassbare geschah. „Der zweite Aspekt schmerzt heute oft noch mehr als der erste Aspekt“, sagt der Jesuit, der im Januar mit der Aufforderung an ehemalige Schüler, die von Jesuiten missbraucht worden waren, die Mauer des innerkirchlichen Schweigens zum Einsturz gebracht hatte. Damit nicht genug. „Wer nicht hören kann, der kann nicht sprechen“, fährt er fort, um die Unfähigkeit der Institution, die Perspektive der Opfer einzunehmen, als systemisches Versagen zu entlarven.

Für den Priester ist das jahrzehntelange Verdrängen und Vertuschen von Verbrechen an Kindern und Jugendlichen die Kehrseite einer auf Tabus, Verboten und Verdrängungen gegründeten katholischen Sexualmoral – einschließlich des Themas Homosexualität. Auch das mache zusammen mit dem Missbrauch der geistlichen Vollmacht durch Priester den „speziell katholischen Geschmack des Missbrauchs“ aus. Der Beifall, der dem Jesuiten immer wieder entgegenbrandet, klingt nicht nach Jubel. Der Schuldirektor hat sich nicht nur zum Sprachrohr der Opfer gemacht, sondern auch die Gefühle der meisten Zuhörer ins Wort gebracht.

Auftritt Wunibald Müller, Theologe und Psychotherapeut, seit vielen Jahren Leiter eines Kriseninterventionszentrums für Geistliche, die aus der Bahn geworfen wurden. Auch er spricht zur Sache, nimmt kein Blatt vor den Mund, nennt drei Risikofaktoren sexuellen Missbrauchs in der Kirche. Der erste: die Tatsache, ein Mann zu sein. Anders gewendet: „Von einer Priesterschaft, die aus Männern und Frauen bestünde, ginge eine andere Ausstrahlung aus.“ Vor allem wäre eine solche Priesterschaft nicht länger für manche attraktiv, die sich in einer monosexuellen Gruppe und einer monosexuellen Hierarchie besonders wohl fühlten. Und: „Stünde die Kirche anders da, wenn in der Vergangenheit auch Frauen an verantwortlicher Stelle hätten mitentscheiden können, wie im Fall sexuellen Missbrauchs vorzugehen wäre?“ Wieder brandet Beifall auf, nicht hämisch, nicht schadenfroh – Müller spricht vielen aus der Seele.

Ackermann möchte über Aufklärung und Prävention sprechen

So geht es weiter: Ohne Umschweife spricht Müller von einem Zusammenhang zwischen Homosexualität und Pädophilie – aber nur bei „sexuell unreifen homosexuellen Priestern“. Ein Verdikt gegen die „ohnehin starke Gruppe“ homosexueller Priester wird daraus nicht. Im Gegenteil. Müller hält die Tabuierung von Homosexualität in der Kirche und die „Pathologisierung der homosexuellen Liebe“ für Wurzeln des Übels. Es wäre ein großer Verlust für die Kirche, würden homosexuelle Männer nicht mehr zum Priester geweiht werden dürfen, sagt Müller und bricht im selben Atemzug eine Lanze für die zölibatäre Lebensform der katholischen Priester als „Ausdruck einer reifen Entscheidung“. Jedoch lasse diese Voraussetzung den Kreis von geeigneten Männern noch kleiner werden als bisher. Auch seinem abschließenden Plädoyer für eine Priesterschaft aus zölibatären und verheirateten Männern brandet Beifall entgegen.

Das Wort hat Bischof Ackermann. Er gibt sich über Wortmeldungen des Jesuiten und des Therapeuten erschrocken, erkennt in ihnen einen Versuch, mit dem Thema Missbrauch Kirchenpolitik zu betreiben. Er möchte über die Themen Aufklärung und Prävention sprechen, nicht über Homosexualität und die Zugangsmöglichkeiten zum kirchlichen Amt. Für dieses Anliegen zollen ihm im Verlauf der Debatte auch diejenigen Respekt, die jetzt wie gelähmt auf ihren Papphockern sitzen, stumm den Kopf schütteln oder ihrem Unmut auch lautstark Luft machen. Doch gibt es bis zum Ende der neunzigminütigen Debatte in Strukturfragen kein Weiterkommen. Es hilft nicht, dass sich Pater Mertes unter Berufung auf seine Gespräche mit den Opfern gegen die Mutmaßung wendet, deren Leid sollte kirchenpolitisch instrumentalisiert werden: „Sie stellen die Fragen nach den Strukturen der Kirche selbst.“

Es hilft auch nichts, dass Müller nicht nur die Kirche in der Pflicht sieht, demütiger zu werden. Am Ende bleibt es bei der wechselseitigen Versicherung, dass eine bessere, pressionsfreiere Debattenkultur in der Kirche nötig sei. Zu dieser könnten nach Worten Ackermanns sogar die Medien beitragen: „Helfen Sie uns Bischöfen“, sagt er in seinem Schlusswort, „mit einer Mischung aus Vertrauen und Druck.“ Der Weg zum Frieden ist noch weit.

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