24.02.2010 · Die EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann tritt mit sofortiger Wirkung von allen ihren Ämtern zurück. „Mein Herz sagt mir ganz klar: Ich kann nicht mit der notwendigen Autorität im Amt bleiben“, sagte sie. Bundeskanzlerin Merkel drückte „Respekt und Bedauern“ über den Schritt aus.
Die EKD-Ratsvorsitzende, Margot Käßmann, tritt mit sofortiger Wirkung von allen ihren Ämtern zurück, bleibt aber Pastorin der Landeskirche. „Mein Herz sagt mir ganz klar: Ich kann nicht mit der notwendigen Autorität im Amt bleiben“, sagte sie am Nachmittag auf einer Pressekonferenz in Hannover. Die 51 Jahre alte Käßmann, seit 1999 Landesbischöfin der größten evangelischen Landeskirche und seit Oktober vorigen Jahres als Ratsvorsitzende Sprecherin der deutschen Protestanten, bezeichnete ihre Fahrt als erheblichen Fehler, aus dem sie nun die Konsequenzen ziehe.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat den Rücktritt „mit Respekt und Bedauern aufgenommen“. Nach Angaben von Regierungssprecher Ulrich Wilhelm sagte Merkel: „Ich habe die Zusammenarbeit mit Bischöfin Käßmann sehr geschätzt.“ Die EKD-Synodenpräsidentin Katrin Göring-Eckardt und der stellvertretende EKD-Ratsvorsitzende, Nikolaus Schneider, erklärten: „Ihr Rücktritt ist ein schwerer Verlust für den deutschen Protestantismus. Die Gradlinigkeit und Klarheit in ihren theologischen, soziopolitischen und gesellschaftlichen Positionen werden der Evangelischen Kirche in Deutschland fehlen.“
Nach Informationen der F.A.Z. leitet der 62 Jahre alte Schneider, der auch Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland ist, bis zur Wahl eines Nachfolgers die EKD. Dieser wird voraussichtlich bei der Synode im Herbst bestimmt.
Die Staatsanwaltschaft hatte ein Ermittlungsverfahren gegen Käßmann eingeleitet, weil sie am Samstagabend auf der Rückfahrt von einem Kinobesuch mit einem hohen Alkoholwert im Blut (1,54 Promille Alkohol) gefahren war. Am Dienstagabend hatten die 14 Mitglieder des EKD-Rates ihr in einer bisher in der EKD-Geschichte einmaligen Telefonkonferenz „in ungeteiltem Vertrauen“ die Entscheidung überlassen, welcher „Weg gemeinsam eingeschlagen“ werden soll.
Sie werde sich auch dem erwarteten Strafbefehl stellen, erfuhr die F.A.Z. aus EKD-Kreisen. Die Bischöfin war die erste weibliche EKD-Ratsvorsitzende. In den vergangenen Monaten kam sie mehrfach in Turbulenzen, etwa nach einer deutlichen Kritik am Afghanistankrieg.
Der Rücktritt hat großes Bedauern ausgelöst und Käßmann erntete zugleich viel Respekt für ihre Entscheidung. Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, sagte: „Ich kenne Frau Käßmann seit langem als einen Menschen, der bereit ist, Verantwortung zu übernehmen, respektiere gerade deshalb ihre Entscheidung und kann diesen Schritt verstehen. Ich wünsche ihr in dieser schwierigen Stunde Gottes Segen.“
Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) betonte: „Die niedersächsische Landesregierung bedauert den Rücktritt von Margot Käßmann. Sie hat hinsichtlich ihrer persönlichen Entscheidung meinen Respekt. Für uns in Niedersachsen war sie die ideale Besetzung, da sie sich als engagierte Christin in Wort und Tat, mit Herz und Verstand für die Hannoversche Landeskirche, für die gesamte evangelische Kirche in Deutschland und für die Menschen eingesetzt hat.“
Die Nordelbische Kirche hat betroffen auf den Rücktritt reagiert. „Wir bedauern diesen Schritt jedoch zutiefst, weil sie als Bischöfin und Mensch in beachtenswerter Weise authentisch ist“, sagte der Vorsitzende der Kirchenleitung Nordelbiens, Bischof Gerhard Ulrich, am Mittwoch in Kiel. Käßmann habe sich mit ihrer alkoholisierten Autofahrt „zweifellos rechtlich und moralisch schuldig gemacht“, erklärte Ulrich. „Es ist aber nicht in Gottes Wille, dass der Mensch an einer einzigen Tat gemessen wird.“ Der Vorfall dürfe nicht entwerten, was sie als Seelsorgerin und Bischöfin geleistet habe.
Die Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck, Maria Jepsen, betonte, Käßmann zeige mit der Entscheidung, „dass sie die eigene Authentizität und Glaubenskraft auch in diesen Tagen durchhalten konnte“.