09.03.2010 · Auch in Limburg, Österreich und Holland soll es Missbrauchsfälle an Kindern gegeben haben. Die Deutsche Bischofskonferenz sagte den staatlichen Institutionen inzwischen volle Unterstützung zu, der Vatikan ist für einen Runden Tisch.
Angesichts der Missbrauchsfälle vor allem in katholischen Schulen hat Bayerns Justizministerin Beate Merk (CSU) eine Erhöhung der Mindeststrafe gefordert. „Jeder sexuelle Missbrauch muss wieder als das Verbrechen gebrandmarkt werden, das es nach früherem Recht war und im Verständnis der Bürger immer geblieben ist“, sagte Merk in der Dienstagausgabe der „Welt“. Die Mindeststrafe müsse von zurzeit sechs Monaten auf ein Jahr angehoben werden. „Sexueller Missbrauch gehört zu den abscheulichsten Dingen, die ein Mensch einer unschuldigen Kinderseele antun kann“, sagte Merk.
Die Deutsche Bischofskonferenz sagte den staatlichen Behörden inzwischen volle Unterstützung zu. „Die Kirche unterstützt die staatlichen Strafverfolgungsbehörden bei der Verfolgung sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Geistliche vorbehaltlos“, hieß es in einer am Dienstag in Bonn veröffentlichten Erklärung des Sprechers der Bischofskonferenz, Matthias Knopp.
„Unabhängig von dem staatlichen Verfahren gibt es ein eigenes kirchliches Strafverfahren, das vom Kirchenrecht geregelt wird“, erklärte Kopp weiter. Der sexuelle Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche sei nach kirchlichem Recht eine besonders schwere Straftat. Die Akten der kirchlichen Verfahren werden in Rom geführt und werden vertraulich behandelt (Secretum Pontificium). „Die kirchliche Unterstützung der staatlichen Strafverfolgungsbehörden bleibt davon unberührt.“
Vatikan für Runden Tisch gegen Kindsmissbrauch
Kopp stellte klar: „Im Fall des Verdachts sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch einen Geistlichen gibt es ein staatliches und ein kirchliches Strafverfahren. Sie betreffen verschiedene Rechtskreise und sind voneinander völlig getrennt und unabhängig.“ Selbstverständlich sei das kirchliche Verfahren dem staatlichen Verfahren nicht vorgeordnet. Der Ausgang des kirchlichen Verfahrens habe weder Einfluss auf das staatliche Verfahren noch auf die kirchliche Unterstützung der staatlichen Strafverfolgungsbehörden. Dies solle bei der Überarbeitung der Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz klarer dargestellt werden.
Der Vatikan sprach sich derweil für einen Runden Tisch gegen Kindesmissbrauch aus. Dies sei ein richtiger Weg, um das Problem des Missbrauchs „umfassend und angemessen“ mit sozialen und in der Erziehung tätigen Gruppen anzugehen, sagte Sprecher Federico Lombardi am Dienstag in Rom. „Natürlich ist die Kirche bereit, daran teilzunehmen und sich zu engagieren“, fügte er an. „Wahrscheinlich kann ihre schmerzliche Erfahrung ein nützlicher Beitrag auch für andere sein.“ Sich dabei allein auf die Kirche zu konzentrieren, führe jedoch dazu, die Sicht zu verfälschen, hieß es in der Stellungnahme Lombardis für Radio Vatikan außerdem. Die Missbrauchsfälle beträfen schließlich nicht allein die Katholische Kirche.
Fälle auch in Limburg, Österreich und den Niederlanden
Am Dienstag wurde bekannt, dass auch bei den Limburger Dom-Singknaben sexuellen Missbrauch gegeben haben soll. Nach Informationen der „Nassauischen Neuen Presse“ hat ein ehemaliges Chormitglied einen Bischof angeschrieben und ihm von Übergriffen des damaligen Dirigenten in den 60er und 70er Jahren berichtet.
Ein Erzabt in Salzburg trat wegen eines Jahrzehnte zurückliegenden Falls von Kindesmissbrauch zurück. Bruno Becker vom Benediktinerstift St. Peter gab zu, dass es durch ihn vor mehr als 40 Jahren zu einer einmaligen sexuellen Handlung an einem damals Minderjährigen gekommen sei. Das berichtet die österreichische Nachrichtenagentur APA.
Auch in den Niederlanden weitet sich ein Skandal um sexuellen Missbrauch von Kindern in Einrichtungen der katholischen Kirche weiter aus. Neben etlichen Priestern werden jetzt erstmals auch Nonnen beschuldigt, sich an kleinen Jungen vergangen zu haben, berichtete die Zeitung „De Telegraaf“ am Dienstag.
In den Niederlanden haben bisher mehr als 200 mutmaßliche Opfer von sexuellem Missbrauch innerhalb der katholischen Kirche bei Behörden und Hilfsorganisationen entsprechende Beschwerden eingelegt. Die Aufdeckung sei auch durch die Missbrauchsskandale in Deutschlands gefördert worden, hieß es in Medienberichten.
Diskussion um Entschädigung und längere Verjährungsfristen
In Deutschland wollen Politiker der schwarz-gelben Koalition die Rechte der Opfer auf finanzielle Entschädigung deutlich stärken. Die Verjährungsfrist für Schadenersatz- und Schmerzensgeldansprüche soll demnach auf 30 Jahre verlängert werden. „Die regelmäßige Verjährungsfrist von drei Jahren, um Schmerzensgeld und Schadenersatz geltend zu machen, ist deutlich zu kurz“, sagte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesjustizministerium, Max Stadler (FDP) der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ vom Dienstag. Dieser Forderung schloss sich der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick an. „Das Wichtigste sind die Opfer. Ihnen muss die Justiz Gerechtigkeit zukommen lassen“, forderte Schick am Dienstag in Bamberg.
Der ehemalige Regensburger Domkapellmeister Georg Ratzinger (86) distanzierte sich derweil von früheren Prügel-Praktiken in der Internatsvorschule der Regensburger Domspatzen. Die „brachialen Methoden“ des früheren Internatsdirektors Johann M. seien ihm nicht bekannt gewesen, sagte der Bruder von Papst Benedikt XVI. der „Passauer Neuen Presse“. „Wenn ich gewusst hätte, mit welch übertriebener Heftigkeit er vorging, dann hätte ich schon damals etwas gesagt.“
Ratzinger: Hin und wieder eine Ohrfeige verteilt
Ratzinger gab zu, bis Ende der 1970er Jahre in den Chorproben selbst hin und wieder Ohrfeigen verteilt zu haben, doch habe er nie jemanden „grün und blau“ geschlagen. „Früher waren Ohrfeigen einfach die Reaktionsweise auf Verfehlungen oder bewusste Leistungsverweigerung.“ Doch sei er froh gewesen, als zu Anfang der 1980er Jahre körperliche Züchtigungen vom Gesetzgeber ganz verboten wurden: „Daran habe ich mich striktissime gehalten, und ich war innerlich erleichtert.“
Ratzinger bekräftigte, dass er von den bekannt gewordenen Fällen sexuellen Missbrauchs bei den Regensburger Domspatzen nichts gewusst habe. Auch gerüchteweise sei „bei uns im Haus über diese Dinge nie gesprochen worden“.
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