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Missbrauch an Jesuitenschulen „Die Kirche hat nicht zugehört“

06.02.2010 ·  Drei Patres der „Societas Jesu“ werden beschuldigt, sich an Zöglingen vergangen zu haben. Im F.A.Z.-Interview spricht der Rektor des Berliner Gymnasiums Canisius-Kolleg, Pater Klaus Mertes, über die Missbrauchsfälle, die Würde der Opfer und den Jesuitenorden.

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Drei Patres der „Societas Jesu“ werden beschuldigt, sich an Zöglingen vergangen zu haben, mit denen sie betraut waren. Rektor des Gymnasiums Canisius-Kolleg in Berlin Pater Klaus Mertes über die Missbrauchsfälle, die Würde der Opfer und den Jesuitenorden.

Herr Mertes, Sie sind Rektor des Berliner Jesuitengymnasiums Canisius-Kolleg und haben Fälle von Kindesmissbrauch durch jesuitische Patres öffentlich gemacht. Wollen Sie mit Ihrem Vorgehen vor allem den Ruf der Schule retten oder den Ruf Ihres Ordens?

Natürlich weder den Ruf der Schule noch den Ruf des Ordens, sondern es geht ausschließlich darum, dass den Opfern Gerechtigkeit wiederfährt. Genauer geht es zunächst darum, dass sie überhaupt gehört werden, nachdem ihnen das Zuhören verweigert worden ist.

Hat Ihnen Ihr Orden Grenzen auferlegt?

Nein, ich überschreite keine einzige Grenze, die zu überschreiten mir verboten wäre. Ich könnte mir gar nicht vorstellen, dass der Papst oder irgendein Kirchenoberer bei allen nachvollziehbaren Bedenken letztlich etwas dagegen haben könnte, dass ich an dieser Stelle so agiere. So hätte doch Jesus auch agiert.

Unterstützt Sie Rom?

Ich bekomme von Seiten der Kirche sehr viel Unterstützung. Aber es ist klar, dass eine solche Sache riesige Angst auslöst, in der Kirche und auch bei mir. Wenn der Missbrauch nicht nur in der einzelnen Missbrauchstat besteht, sondern auch in dem Verdecken und Nichthören in dem Moment, wo die Opfer anfangen zu sprechen, stellt sich uns als Kirche die Frage, was uns daran hindert, den Opfern zuzuhören. Die Opfer greifen die Kirche nicht an. Wenn ich wiedergebe, was die Opfer fragen, greife auch ich die Kirche nicht an. Mehrere Opfer haben 1981 in einem Brief an die Kirche, der unbeantwortet geblieben ist, einige Punkte deutlich benannt. Sie forderten, dass endlich auch Mädchen stärker beteiligt werden sollen, mehr Jugendarbeit, sie wandten sich gegen den autoritären Führungsstil, und sie haben sich auch gegen die Benachteiligung von homosexuellen Jugendlichen, die offensichtlich schwerem Druck durch den Leiter ausgesetzt gewesen seien, gewehrt. Wir müssen uns fragen, was hat uns daran gehindert, das zu hören? Warum konnten wir die Frage allein schon nicht vertragen?

War an diesem Weghören auch die Elternschaft beteiligt?

Ich kann dazu nichts sagen. Ich würde die Opfer entwürdigen und den Übergriff fortsetzen, wenn ich mich dazu äußern würde. Ich vertrete die Täterseite. Aber jeder, der mit Missbrauch zu tun hat, weiß, dass die Tat immer zwei Aspekte hat, nämlich den Täter und die Institution, zum Beispiel die Familie, die nicht hinhört und Strukturen schafft, die so sind, dass die Opfer erst gar nicht sprechen wollen. Der Missbrauch ist ja deshalb so schrecklich, weil er in einem Vertrauensverhältnis stattfindet. Es ist der Lieblingsonkel, der Lieblingspater, vielleicht auch noch ein Pater, der besonders eng mit der Familie befreundet ist. Und das Opfer weiß, dass es in dem Moment, wo es spricht, sein gesamtes soziales Netzwerk bedroht. Opfer fühlen sich wie Aussätzige. Rühr mich nicht an, denn sonst wirst du krank. Wenn ich spreche, zerstöre ich alles. Das ist die ungeheure Last, die Opfer tragen. Die wird natürlich bestätigt, wenn das Opfer beim Sprechen die flackernde Angst in den Augen der Hörer sieht.

Sie sagten, Sie seien erst an die Öffentlichkeit gegangen, als Ihnen klar war, dass in den Missbrauchsfällen an Ihrer Schule mit System vorgegangen worden sei. Was meinen Sie mit System?

Die Einzeltäter hatten jeweils ein System. Die ersten beiden Opfer, die sich 2006 und 2008 gemeldet hatten, wollten überhaupt nicht an die Öffentlichkeit. Sie wollten auch nicht, dass die Täter bestraft werden. Sie wollten für sich selbst die Sache abschließen, indem sie mit jemandem sprechen, der sagt, wenn ihr darüber reden wollt, seid ihr bei mir an der richtigen Adresse, denn ich stehe für die Täterseite. Dann kann auch etwas wie Versöhnung stattfinden. Ob die Systeme miteinander vernetzt waren, weiß ich nicht.

Aber es wurde doch fotografiert? Das berichtet ein Opfer.

Ich habe das noch nicht alles gelesen. Die Missbrauchstat selbst kann ein System haben. Wenn zum Schlagen auch das Fotografieren beim Schlagen gehört, ist das Teil des Systems, das da offensichtlich praktiziert wurde. Das ist natürlich grausig. System bedeutet für mich auch, es sind keine emotionalen Übersprungshandlungen, sondern das sind gezielte strategisch und taktisch vorbereitete Dinge, die dann durchgeführt werden.

Sind die drei Patres, die von ehemaligen Schülern beschuldigt werden und gleichzeitig am Canisius-Kolleg lebten, gemeinsam vorgegangen?

Das weiß ich nicht. Ich vermute sogar, dass sie alle drei voneinander nichts wussten. Das ist so in solchen Institutionen. Ich habe oft genug erlebt, dass Mitbrüder auch in der nachträglichen Reflexion die Taten Dritter völlig anders erlebt haben. Ich schließe aber nicht aus, dass die Täter voneinander gewusst haben.

Waren die bevorzugten Opfer homosexuelle Jugendliche?

Nicht vorwiegend. Wenn man den Brief von 1981 aufmerksam liest, könnte man sagen, es waren Mädchen Opfer – von denen es damals am Kolleg noch nicht viele gab –, es waren Jungen Opfer. Homosexuelle Jungen stellten allerdings eine spezielle Opfergruppe dar. Das ist das, was ich aus dem Brief der Schüler von 1981 lese. In Berlin betraf es hauptsächlich Jungen, in Göttingen sind vielleicht mehr Mädchen ins Visier gekommen. Aus dem Brief ergibt sich, dass die Opfer des Missbrauchs eine spezielle Abneigung des Täters gegen homosexuelle Jugendliche erlebt haben. Die große Schuld, die die Institution auf sich geladen hat, ist, dass sie nicht genauer hingeschaut hat, als sie etwas davon hörte. Ein unglaublicher Vorgang.

Die meisten Patres kamen ans Canisius-Kolleg aus dem Osten?

Ja, das war die ehemalige sogenannte Ostprovinz der Jesuiten. Der Berliner Katholizismus stammt mehrheitlich aus Schlesien. Darin findet sich eine stark schlesisch geprägte Frömmigkeit und Art zu fühlen – die ich übrigens sehr lieben gelernt habe. Schlesien ist natürlich mit dem Trauma der Vertreibung verbunden. Daraus bildete sich ein rückwärtsgewandter Mythos, der von manchen Mitbrüdern selbst mitgetragen wurde. Auch Eltern haben das übernommen, zumal es oft zwischen ihnen und den Mitbrüdern eine große Verbundenheit gab. Vielleicht eine zu große. Mich hat vor allem der Satz „Wir sind eine Familie“ gestört. Schule ist keine Familie. Schule ist eine Institution mit einem begrenzten Auftrag. Punkt. Schule kann kein Familienersatz sein. Das ist auch ein Fehler, den die Bildungspolitik heute macht. Je mehr die Politik davon ausgeht, Schule sei das Leben, und das Leben in die Schule hineinholt, desto mehr wird die Schule tendenziell wieder anfällig für totalitäre Substrukturen in der Kommunikation. Ich sehe da einen gefährlichen Trend wiederkommen. Dagegen habe ich immer protestiert. Da ist man ganz schnell auf der Rebellenseite. Wir sind auch gar keine Eliteschule. Unser Schulgeld beträgt nur 70 Euro. Die Berliner Katholiken sind einfache Leute. Das waren Arbeiter. Aber es gehört zum Mythos, dass wir eine Elite ausbilden. Das gehört allerdings zum Mythos, der von außen kam. Wir haben vietnamesische Gemüseverkäufer-Familien genauso wie Arbeiterfamilien bei uns. Natürlich haben wir seit der Wiedervereinigung auch verstärkt westlich geprägte Familien.

Die Jesuiten sehen sich ja selbst als Elite.

Das ist natürlich auch ein Mythos. Wenn wir als Schule – oder als Orden – aber auch noch stolz auf den Mythos sind, gibt es immer mehr zu verlieren, wenn sich ein Opfer meldet.

Es wird nun viel von Homophobie geredet, der Infragestellung des Zölibats, es wird aber kaum offen von Pädophilie geredet, also dem eigentlichen Problem.

Es geht konkret um Ephebophilie. Ephebophilie bedeutet eine Neigung zu jungen Menschen im pubertierenden Alter. Sokrates und Alkibiades, also Schüler und Lehrer, hatten in der Antike ein erotisches Verhältnis, das kann man in Platons Symposion nachlesen. Es geht nicht um die Liebe zu Kleinkindern, sondern um die Liebe zu Heranwachsenden. Das Problem ist, dass sich die öffentliche Debatte schnell zuspitzt auf die Täter und dadurch der zweite Aspekt des Missbrauchs überhaupt gar nicht in den Blick kommt. Und deswegen vermeide ich es, mich allzu sehr über die Täter zu äußern. Ich war nicht dabei, ich kenne sie nicht. Mich interessiert nicht der individualpsychologische Blick, ich bin am systemischen Blick interessiert. Der geht auf den zweiten Aspekt der Tat, das Vertuschen. Warum wird vertuscht? Doch nicht, weil die Vertuscher pädophil sind! Weil das vertuschende System Interessen hat und Ängste.

Jährlich schwören etwa zehn Männer in Deutschland das Jesuiten-Gelöbnis, das sie zu Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam gegenüber den Oberen verpflichtet. Wer wird Jesuit?

Wer von Gott dazu berufen wird. Ich kann das nur religiös beantworten und nicht soziologisch.

Wird sich der Orden durch diesen Schulskandal auf irgendeine Weise reformieren?

Der Orden hat sich in den letzten Jahren unendlich stark reformiert, wenn man das mit der Zeit vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil vergleicht. Es ist aber auf jeden Fall ein Einschnitt in die Geschichte der Jesuiten in Deutschland. Allein schon, wenn man bedenkt, was das für die Beziehung der Mitbrüder untereinander bedeutet. Ich werde mich auch nicht mit Fingerzeigen von meinem Mitbruder distanzieren, auch wenn er Täter geworden ist. Die Taten sind verabscheuungswürdig, aber es ist mein Bruder, ich stehe neben ihm, er gehört zu mir.

Der Missbrauchsskandal um die Jesuiten: „Es tut mir sehr leid“

„Es ist besser, ein Licht anzuzünden, als über die Dunkelheit zu klagen“: Mit diesem Sinnspruch würdigte im Jahr 2003 die Präsidentin der hessischen Ärztekammer den Jesuitenpater Bernhard E.; damals wurde ihm das Ehrenzeichen der deutschen Ärzteschaft verliehen. Heute herrschen tiefe Zweifel, ob E.s Leben nicht auch sehr dunkle Momente hatte.

Er und zwei andere Patres der „Societas Jesu“ werden beschuldigt, sich an Zöglingen vergangen zu haben, mit denen sie betraut waren. Den Priestern wird vorgeworfen, als Jugendseelsorger und Lehrer an kirchlichen Einrichtungen Schüler geschlagen, gedemütigt und zu sexuellen Handlungen gezwungen zu haben. Über 30 Personen haben sich bisher gemeldet, die sagen, sie seien von den Jesuiten missbraucht worden.

Hoffnung auf Vergebung

Öffentlich wurde die Affäre, als sich der Leiter des Canisius-Kollegs in Berlin, Klaus Mertes, im Januar an ehemalige Schüler des Gymnasiums wandte und sie um ihre Mithilfe bei der Aufklärung von Missbrauchsvorwürfen bat. Mertes reagierte damit auf Vorwürfe von Betroffenen, die sich an ihn gewandt hatten. Die Fälle sollen sich in den siebziger und achtziger Jahren an der Berliner Schule abgespielt haben. Auf erste Medienberichte hin meldeten sich auch Betroffene an drei anderen Jesuitenkollegs - in Bonn, St. Blasius im Schwarzwald und in Bad Godesberg - sowie von anderen Einrichtungen des Jesuitenordens in Hamburg, Göttingen, Hannover, Hildesheim, an denen die Patres tätig waren.

Ein vormaliger Schüler soll einen der Beschuldigten im Jahr 1986 mit einem Messer attackiert haben. Der Pater entkam mit Verletzungen, meldete die Attacke jedoch nie. Kurz darauf tötete der Angreifer sich selbst. Bereits 2004 hatte Miguel Ostrowski in seinem Erinnerungsbuch „Sacro Pop“ seine Erfahrungen mit Missbrauch und Gewalt als Schüler am Bonner Jesuitenkolleg berichtet. Damals erregten die Enthüllungen jedoch wenig Aufsehen.

Besondere Aufmerksamkeit in der Affäre richtet sich auf E., 70, der 1983 den Verein „Ärzte für die Dritte Welt“ gründete; dieser vermittelt deutsche Mediziner in Entwicklungsländer. E. war weit über Kirchenkreise hinaus angesehen. Vor vier Jahren gab er die Geschäftsführung des Vereins ab. Gegenüber der „Bild“-Zeitung zeigte er sich nun reumütig: „Es tut mir außerordentlich leid, was ich getan habe. Ich hoffe, dass mir die Betroffenen verzeihen.“

Das Gespräch mit Klaus Mertes führte Antje Schmelcher.

Quelle: F.A.Z.
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