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Margot Käßmann Öffentlich fromm, unverkrampft feminin

28.10.2009 ·  Der neuen EKD-Vorsitzenden Käßmann kommt eine eigentümliche Rolle zu: Das öffentliche Interesse richtet sich weniger auf den Inhalt ihrer Äußerungen als vielmehr auf sie selbst. Ihr Aufstieg ist das Ergebnis von Ehrgeiz, Machtinstinkt und großem Fleiß.

Von Reinhard Bingener, Ulm
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Hannovers Landesbischöfin Margot Käßmann kommt unter Deutschlands Geistlichen eine eigentümliche Rolle zu: Das öffentliche Interesse richtet sich weniger auf den Inhalt ihrer Äußerungen als vielmehr auf sie selbst. Weniger als andere wird sie als Vertreterin einer Organisation wahrgenommen; die 51 Jahre alte Bischöfin ist mehr eine öffentlich Fromme, eine exemplarisch Religiöse – ihr Glaube scheint bisweilen zum allgemeinen Gut zu werden.

Nicht nur die Kirche, auch Kirchenferne und Kirchenfremde nahmen Anteil an Erkrankung und Ehescheidung in den Jahren 2006 und 2007. Sie taten es meistens nicht gehässig, sondern mit wohlwollendem Interesse daran, wie Käßmann auch diese Hürden über- und verwinden werde.

Mit der akademischen Geschliffenheit des scheidenden Ratsvorsitzenden Huber kann sie nicht konkurrieren – dessen ist sie sich bewusst; sie strebt das auch nicht an. Dafür versteht es die Landesbischöfin besser als Huber und andere, der evangelischen Kirche, wenn es sein muss, auch im Horoskopmilieu Gehör zu verschaffen. Das tut sie selten auf anbiedernde Art, sondern indem sie an Vorhandenes anknüpft und das Besondere christlicher Frömmigkeit herausarbeitet. Manche in der Kirche bemängeln freilich, sie streife dabei zu oft das Banale.

Ehrgeiz, Machtinstinkt und großem Fleiß

Stationen ihrer Karriere waren das Gemeindepfarramt, der Ökumenische Rat der Kirchen und der Evangelische Kirchentag. Über Letzteren konnte sie sich, wie schon andere vor ihr, für ein Bischofsamt empfehlen. 1999 wählte sie die Evangelisch-lutherische Kirche Hannovers, die größte unter den 22 Gliedkirchen der EKD, zur Landesbischöfin auf Lebenszeit. In ihren Ämtern war Margot Käßmann meistens die Jüngste; überall verstand sie es, mit einem unverkrampften Feminismus für sich einzunehmen. Ihr Aufstieg in der kirchlichen Hierarchie ist das Ergebnis von Ehrgeiz, Machtinstinkt und großem Fleiß. Vier Töchter zog sie groß, ihre Doktorarbeit verfasste sie während des Mutterschutzes.

Zu den inneren Abläufen der evangelischen Kirche hat Frau Käßmann ein nüchternes Verhältnis: Der kirchliche Apparat ist für sie nicht sakrosankt, sondern Werkzeug, den Glauben nach außen zu tragen. Ihr Desinteresse am Gremien- und Tagungsprotestantismus verbirgt sie nicht, das ließ Frau Käßmann auch schon die Synode spüren.

Den unter dem Ratsvorsitzenden Huber angestoßenen Reformprozess, durch den sich die Kirche nach außen wenden soll, teilt sie im Grundsatz, legt aber ein stärkeres Augenmerk auf die Belange der Gemeinden.

Seit sie dem friedensbewegten Linksprotestantismus der achtziger Jahre, dessen Kind sie ist, entwachsen ist, hat sie sich der Aufgabe verschrieben, Anstöße für eine evangelische Spiritualität der Gegenwart zu geben. Im Amt der Ratsvorsitzenden wird sich die zierliche Margot Käßmann, die stets ebenso dezent wie geschmackvoll gekleidet ist, wieder öfter zu politischen Themen äußern. Das hohe Maß an Glaubwürdigkeit, das ihr zugeschrieben wird, und ihr ausgeprägtes Sensorium dafür, Interessantes von Uninteressantem zu unterscheiden, werden ihr dabei von Nutzem sein.

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