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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Kritik am Vatikan Der Papst und die „Ultras“

 ·  Jahrzehntelang hatte Rom gehofft, der Traditionalisten-Spuk würde von allein vergehen. Vergebens. Im Vatikan bemüht man sich zu unterscheiden, was passiert ist, was man als Medien-Spektakel hinnehmen muss und was die nächsten Schritte sind zwischen der Großkirche und der kleinen Minderheit der Ultras.

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Verdächtig wirkt inzwischen jeder, der sich nicht aufregt und empört über den Papst, der für seine Kirche eine Exkommunikation - auch für einen „Revisionisten“ - aufheben ließ. Die davon begünstigten Traditionalisten sahen einst durch das Konzil der sechziger Jahre den „Geist Satans“ in die Kirche eindringen. Nun fürchten Katholiken, dass die erzkonservativen „Pforten der Hölle“ Rom überwinden. Einer der vier traditionalistischen Bischöfe, Bernard Tissier de Mallerais, kündigte schon an, nun wollten die Traditionalisten „Rom bekehren“.

Aber in den zuständigen vatikanischen Ämtern, in der Bischofskongregation unter dem italienischen Kardinal Ré, in der für die „Traditionalisten“ zuständigen Kommission „Ecclesia Dei“ unter dem Kolumbianer Castrillon Hoyos, im „Rat für die Einheit der Christen“ mit der „Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum“ unter dem Deutschen Kasper und schließlich in den Arbeitsräumen des Papstes selbst bemüht man sich zu unterscheiden, was wirklich passiert ist, was man als Medien-Spektakel hinnehmen muss und was die nächsten Schritte sind zwischen der Großkirche und der kleinen Minderheit der Ultras.

Was Bischöfe zu tun und zu lasse haben

Kardinal Ré hat am 21. Januar das Dekret unterschrieben, mit dem der Bitte von vier Personen entsprochen wurde, die als Priester 1988 von dem französischen Erzbischof Lefebvre zu Bischöfen geweiht worden waren und sich dadurch automatisch eine „Exkommunikation (latae sententiae)“ zugezogen hatten. Sie hatten in einem Brief vom 15. Dezember 2008 ihr „leidvolles“ Bedauern über den Kirchenausschluss, ihren Wunsch nach Rückkehr in die Kirche des Papstes und ihren Willen zur Besserung bekundet. Es ist fraglich, ob eine solche Bitte kirchenrechtlich und nach katholischem Verständnis von Reue und Vorsatz überhaupt prinzipiell abgelehnt werden kann. Aber - darauf wies Kardinal Ré jetzt hin - die Aufhebung des Kirchenausschlusses ist nicht der Schlusspunkt unter eine Affäre, sondern der Anfang eines langen Prozesses. In diesem wird klargestellt, was katholische Bischöfe öffentlich zu tun und zu lassen haben.

Das von Erzbischof Lefebvre angewandte Erpressungsmittel des Schismas - stets ein Albtraum für die römische Kirchenführung - haben die vier erst einmal nicht mehr. Sie müssen sich nun wohlverhalten; die Gemäßigten unter ihnen fangen damit langsam an. Die Traditionalisten können schwerlich noch einmal eine (unerlaubte) Bischofsweihe als Erpressung für ihre Duldung einsetzen. Weder Kardinal Ré (Jahrgang 1934) noch sein Nachfolger würde noch einmal ein Dekret zur Rücknahme der Exkommunikation unterschreiben. Dann wäre Schluss mit der „väterlichen Barmherzigkeit“ des Papstes, wie es jetzt hieß.

Rom hatte gehofft, der Spuk würde von alleine vergehen

Kardinal Hoyos war der Adressat des (partiellen) Bekehrungs-Briefes und zweifellos erfreut darüber, dass er die kirchenrechtliche Sanierung hatte herbeiführen können. Und dies nach Jahrzehnten, in denen die Traditionalisten die Konzilskirche und ihre Hauptvertreter durch befremdliche Ideen und Verstocktheit - wie man sie bei religiösen Sektierern findet - geärgert und die Päpste und Kardinäle brüskiert und verprellt hatten.

Jahrzehntelang hatte Rom gehofft, der Traditionalisten-Spuk, der gewaltige Kultaufwand um die alte (Tridentinische) Messe und die rechtsextremen Ansichten einiger Abweichler würden von allein vergehen. Und jahrzehntelang hatten die Ultrakonservativen auch die Bischöfe in verschiedenen Ländern, besonders in Frankreich und Deutschland, mit ihren bizarren Forderungen behelligt und gestört, dazu Unfrieden unter den Gläubigen gestiftet.

Die 1988 eingerichtete Kommission ist keineswegs überflüssig geworden und muss sich nun erzieherischen Aufgaben widmen, mit Hilfe der Bischöfe in den jeweiligen Ländern. Sie und andere Engagierte müssen nun neuerlich einen Dialog mit den Traditionalisten führen, sie von den Vorzügen der Konzilsreformen überzeugen, wissend, dass es „im Haus des Herrn viele Wohnungen gibt“. Um die Einheit der Kirche muss neu gekämpft werden. Offen ist, ob die Kirche ihre Rechtsaußen zu integrieren imstande und willens ist und ob sich weltweit die Gläubigen dadurch bedroht fühlen.

Besonders in Deutschland führt das Verhalten zu Erklärungsnot

Am meisten betroffen ist der deutsche Kurienkardinal Kasper, der von Amts wegen die „religiösen Beziehungen zum Judentum“ fördert. Bei der Sensibilität von Juden, wenn es um den Holocaust geht, muss er zunächst wieder erklären, dass es „nicht so gemeint“ war, dass es keine Beziehung zwischen der „Ex-Exkommunikation“ des Bischofs Williamson und seinen antisemitischen Äußerungen gibt. Kasper kann die Rabbiner, seine Gesprächspartner, darauf hinweisen, dass es einer besonderen Wahrnehmung bedürfe, bei jenem Papst Antisemitismus zu vermuten, der am 28. Mai 2006 im Vernichtungslager Auschwitz erschüttert, fast verzweifelnd an seinem Gott, des millionenfachen Mordes an den Juden gedachte.

In der vatikanischen Fachkommission kennt man die jüdischen Dialogpartner gut, ist auch über ihr Befremden nicht verwundert. Aber dieses Verständnis findet man nicht überall in der römischen Zentralverwaltung der Weltkirche. Da hört man zuweilen, wozu man einen Dialog führe, wenn jüdische Vertreter jeden möglichen Vorwurf gegen die Kirche aufnähmen. Wüssten sie denn nicht, heißt es, welchen zuverlässigen Verbündeten sie in den Päpsten und der Weltkirche mit der eindeutigen Verurteilung des Antisemitismus hätten?

Das Weiheamt wird er nicht mehr ausüben dürfen

Pater Lombardi, der Direktor des vatikanischen Presseamts, konnte wohl nicht mehr tun, als mit einer sofortigen Erklärung, noch am Tag der Dekretsveröffentlichung, und durch Interviews zu erklären und zu beschwichtigen. Dabei zeigte sich, dass der Vatikan informiert, doch keine aktive Presse-Politik betreibt: Er manipuliert nicht Journalisten, um die Öffentlichkeit einzustimmen, wie es in demokratischen Regierungszentralen üblich ist. Der Papst hat einen Privatsekretär, aber kein Präsidialamt mit Staatsministern, Stäben, Fachabteilungen und vielen Fachleuten, die ihm ständig zuflüstern, wie dies oder jenes „wirkt“.

Sein oberster Mitarbeiter, der Kardinal des Staatssekretariats, Tarcisio Bertone, verfügt über einen seit Jahrhunderten eingespielten kurialen Apparat, aber nicht über Richtlinienkompetenz. Die Kardinal-Chefs der einzelnen Kongregationen, Räte oder Kommissionen sind eigenverantwortlich für ihren Bereich. Eine Koordination kann in den Kardinals-Räten stattfinden, aber nicht erzwungen werden. So ist etwa der jetzige Präfekt der Glaubenskongregation, der Amerikaner Kardinal Levada, zwar in der Traditionalisten-Kommission, aber nur zuständig für „doktrinale Irrlehren“.

Dass Kardinal Ré die bestehende Suspension des Bischofs Williamson aufheben könnte - so dass dieser sein Weiheamt in der katholischen Kirche ausüben dürfte -, ist schwer vorstellbar. Von Benedikt ganz zu schweigen.

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