12.11.2010 · Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet, heißt es im Evangelium nach Matthäus. Das Versagen der Kontrollen in der Diakonie zeigt, wie zerrüttet der Verband ist.
Von Reinhard Bingener, Hannover„Ich hätte vielleicht eine Frage gestellt“, meint einer der evangelischen Bischöfe süffisant, als es keiner der EKD-Synodalen für nötig befindet, zum Bericht des Diakonischen Werkes eine Frage zu stellen. Nicht nur die Öffentlichkeit, auch die Kirche und sogar die diakonischen Einrichtungen selbst scheinen sich im Laufe der Zeit damit abgefunden zu haben, dass die Diakonie ein weitgehend unbeachtetes Dasein fristet - trotz ihrer immensen Größe: Denn die evangelische Kirche ist über ihre Diakonie Träger von 28.000 Einrichtungen mit mehr als 400.000 Beschäftigten und ebenso vielen Ehrenamtlichen. Pflege, Fürsorge und soziale Beratung in Deutschland wären ohne diese Einrichtungen kaum denkbar.
Die Verborgenheit dieses „unbekannten Riesen“ hat Gründe: Das Führungspersonal des Diakonischen Werkes ist wenig bekannt; seine sozialpolitischen Appelle verhallen bisher ohne größere Resonanz, und das Gestrüpp aus kleineren und größeren Werken sowie einander beargwöhnenden Landes- und mehreren Dutzend Fachverbänden ist schwer zu überschauen. Ausgelöst durch einen Bericht der „Stuttgarter Zeitung“, erfährt die Diakonie derzeit allerdings ungewohnte Aufmerksamkeit: Die Zeitung deckte auf, dass der Theologe Walter Merz noch zu einer Zeit als Partner der Beratungsfirma Dithmar und Partner eingetragen war, als er schon der persönliche Referent des Präsidenten des Diakonischen Werks, Klaus-Dieter Kottnik, war und diese Firma von der Diakonie Aufträge erhielt. Inhaberin der Firma ist die Theologin Christiane Dithmar, früher persönliche Referentin von Kottniks Vorgänger Jürgen Gohde, den die EKD 2006 aus dem Amt drängte. Frau Dithmar verfügt über glänzende Kontakte in der Diakonie, hat sich dort aber auch Feinde gemacht. Bis April dieses Jahres war Frau Dithmars Partner bei Dithmar und Partner der frühere CDU-Politiker Hermann-Josef Arentz. Man trennte sich im Unfrieden.
EKD-Synode sichtlich wenig interessiert
Die Diakonie reagierte im August zwar umgehend auf die Informationen der „Stuttgarter Zeitung“ - der Referent wurde freigestellt, die Zusammenarbeit mit der Firma, so wie es Frau Dithmar auch von sich aus angeboten hat, beendet und eine unabhängige Wirtschaftsprüfung eingeleitet. Doch einige Wochen später geriet die Diakonie durch den Rücktritt des Präsidenten Klaus-Dieter Kottnik - „aus gesundheitlichen Gründen“ - abermals in Turbulenzen. Dass Kottnik schwere gesundheitliche Probleme hat, war bekannt. Ebenso, dass ihm auch seine Gegner in der Diakonie heftig zusetzen. Die Gremien der Diakonie berieten während der Tagung der an all diesen Vorgängen sichtlich wenig interessierten EKD-Synode im Tagungshotel am Hannoveraner Flughafen über das weitere Vorgehen. Bereits am Sonntagabend wurde der württembergische Landesbischof Frank Otfried July mit einem prall gefüllten DIN-A4-Briefumschlag gesichtet, in dem sich der kurz zuvor fertiggestellte Bericht der Wirtschaftsprüfer befand. Bischof July ist seit Sommer Vorsitzender des Diakonischen Rates, der den Präsidenten und die drei anderen Vorstände des Diakonischen Werkes beaufsichtigt.
Es dauerte bis Montagabend, bis sich der Diakonische Rat in der Lage sah, mit Ergebnissen vor die Presse zu treten. Man gab bekannt, dass die Diakonie insgesamt 713.000 Euro für Beratungsleistungen an Dithmar und Partner gezahlt hat. Frau Dithmar bestreitet die Höhe dieser Summe allerdings. Vom Verdacht der Korruption sieht der Rat die Spitze der Diakonie nach der Wirtschaftsprüfung vollständig entlastet. Man sei erleichtert, dass es „weder Hinweise auf korruptes Verhalten noch auf persönliche Bereicherungen“ gebe. Allerdings seien Mängel im „Controlling der Gesamtkosten“ festgestellt worden. Diese Aussage bezog sich auf den Auftrag, einige Strukturen des Diakonie-Bundesverbands zu evaluieren. Dafür wurden 275.000 Euro an Dithmar und Partner bezahlt. Dabei blieb es allerdings nicht: Für Folgetätigkeiten, etwa Präsentationen und die Umsetzung von Vorschlägen, sollen später laut Diakonie weitere 340.000 Euro an die Firma gezahlt worden sein, ohne dass dafür ein neuer Auftrag beschlossen wurde.
Bericht soll unter Verschluss bleiben
Bislang liegt allerdings nicht mehr als die Interpretation des Prüfberichts durch die Diakonie vor. Nicht einmal die angekündigte, von den Prüfern autorisierte Kurzfassung der Untersuchungsergebnisse ist zugänglich, obwohl die Untersuchung durch die Prüfer schon mehr als zwei Monate dauert. Der gesamte Bericht der Prüfer - zu deren Auftrag es gar nicht gehörte, wie zu hören ist, auch „Dithmar und Partner“ zu der Angelegenheit zu befragen - soll ohnehin unter Verschluss bleiben. Fürchtet man, dass dann selbst die Synodalen ihr Interesse für die Diakonie entdecken könnten, wenn sie erfahren, wie viel Geld für die Beratung bei den immer neuen Strukturreformen in der Diakonie ausgegeben wird - auch von Personen, die weiter im Amt sind? Dass herauskommen könnte, dass zwar keine Korruption nachgewiesen werden kann, sich die Mängel im Controlling dafür aber nicht nur auf die Beratungsaufträge an Dithmar und Partner ausgewirkt haben? Die Kirchenparlamentarier könnten sich auch für die Frage interessieren, wie weit die immer wieder vorgebrachte Begründung trägt, mit den Beratern hole man sich wirtschaftlichen Sachverstand „von außen“ ins Haus. Zumindest im Fall Dithmer und Partner kann davon aufgrund der personellen Verflechtungen kaum die Rede sein.
Die Diakonie selbst scheint, nachdem sie den Vorgang Dithmar und Partner überwunden zu haben glaubt, nun bestrebt zu sein, sich auf die angestrebte Fusion der evangelischen Hilfswerke zu konzentrieren und die Zusammenlegung der Standorte Stuttgart und Bonn in Berlin bis zum Herbst 2012 durchzusetzen. Nach dem Willen der EKD soll der Zusammenschluss dazu dienen, den organisatorischen Wildwuchs in der Diakonie zurückzustutzen und ihr ein deutlicheres, christlicheres Profil zu geben.
Ein nicht hinnehmbarer Interessenkonflikt
Dass es auf dem Weg zur Fusion tiefe innere Gräben zu überwinden gilt, streiten selbst die Beteiligten nicht ab. In der Führungsriege der Diakonie belauert einer den anderen. Auch beim Rücktritt von Kottnik dürfte das eine Rolle gespielt haben: Noch vor Bekanntwerden der Vorwürfe hieß es, Kottnik könne vielleicht nicht mehr lange gehalten werden, so groß sei der Druck aus dem Diakonischen Rat und von Vorständen gewesen, die mit ihm zusammenarbeiteten. Nach wie ungeklärt ist in der Diakonie derweil auch der Verbleib der für Sozialpolitik zuständigen Vorstandsfrau Kerstin Griese. Die SPD-Politikerin war im November des vergangenen Jahres zur Diakonie gewechselt, nachdem sie kurz zuvor den Wiedereinzug in den Bundestag denkbar knapp verpasst hatte. Im Juli 2010 konnte sie allerdings für Angelica Schwall-Düren ins Parlament nachrücken, nachdem diese im Zuge des Regierungswechsels in Nordrhein-Westfalen Europaministerin in Düsseldorf wurde. Seitdem ist Kerstin Griese sowohl Vorstandsmitglied in der Diakonie als auch SPD-Abgeordnete. Sie selbst sagt, sie könne beides gut trennen. Nicht wenige erkennen darin hingegen einen nicht hinnehmbaren Interessenkonflikt. Auseinander gehen die Schilderungen auch darüber, ob die maßgeblichen Kräfte in der Diakonie im Sommer nur nicht in der Lage waren, Frau Griese davon abzuhalten, das Bundestagsmandat anzunehmen, indem man ihr einen längerfristigen Vertrag anbot, oder ob sie daran schlicht kein Interesse hatten.
Aufschlussreich dürfte sein, ob alle Vorstandsmitglieder in ihren Ämtern verbleiben, wenn im Dezember der Hauptgeschäftsführer des Diakonischen Werkes Baden, Johannes Stockmeier, neuer Diakoniepräsident werden sollte. Der 63 Jahre alte Stockmeier soll nach dem Willen des Aufsichtsgremiums als „Kandidat des Übergangs“ bis 2013 die Überführung und den Zusammenschluss der Verwaltungen nach Berlin begleiten. Der Rat der EKD hat Stockmeier am Montag schon bestätigt - nun muss ihn die Diakonische Konferenz im Dezember noch wählen. Stockmeier bekäme dann das Amt, das er bereits 2006 anstrebte. Damals scheiterte er mit seiner Kandidatur aber gegen Kottnik.