Home
http://www.faz.net/-gct-ve4w
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Konvertiten Von militanten Islamisten gelockt

07.09.2007 ·  Die Zahl der Konvertiten in Deutschland wächst stetig. Bei Sicherheitsbehörden kursiert schon lange das Bild vom deutschen Muslim, dessen Übereifer in Kadavergehorsam und religiös-politischen Fanatismus umschlägt. Die Figur des verhafteten Fritz G. passt dazu. Von Christoph Ehrhardt.

Von Christoph Ehrhardt
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Die Figur Fritz G. passt ins Bild. Der mutmaßliche Rädelsführer der islamistischen Extremisten, die in einer Garage in der deutschen Provinz offenbar Anschläge einer hier bisher nicht gekannten Dimension planten, ist deutscher Konvertit.

Fritz G. stand wohl über Jahre unter dem Einfluss radikaler Islamisten im baden-württembergischen Ulm, dass den Sicherheitsbehörden als ein „Biotop“ deutscher Dschihadisten gilt. Zwar hatten militante Islamisten, die in Deutschland geboren wurden und aufwuchsen, hier bisher noch nie zugeschlagen. Doch Innenminister Schäuble (CDU) hatte schon seit vielen Monaten immer wieder vor radikalisierten Konvertiten wie Fritz G. oder auch Daniel S., einem seiner Kumpanen, gewarnt.

„Reiseaktivitäten“ haben zugenommen

Auch am Mittwoch, als der Minister sichtlich erleichtert den Erfolg der Polizeiaktion gegen die mutmaßlichen Terroristen lobte, wies Schäuble auf den sogenannten Home-grown-Terrorismus hin, der zunehmend zum Problem werde. Tatsächlich beobachten deutsche Staatsschützer Landsleute, deren Weg zum Islam nicht in der Moschee endet, sondern im Dschihadistenmilieu.

„Es ist schwer zu beurteilen, ob es mehr werden“, sagt ein Islamfachmann des Verfassungsschutzes dieser Zeitung. „Wir schauen inzwischen natürlich auch genauer hin.“ Mit Sicherheit könne er sagen, dass die „Reiseaktivitäten“ - etwa nach Pakistan - zugenommen hätten.

Sie müssen sich besonders beweisen

In den Sicherheitsbehörden kursiert schon lange das Bild vom deutschen Muslim, dessen Übereifer in Kadavergehorsam und religiös-politischen Fanatismus umschlage. Es ist eine gängige Erklärung der Sicherheitsfachleute, dass es unter den Konvertiten solche gebe, die glaubten, sie müssten sich besonders beweisen, und die daher besonders radikal und möglicherweise gefährlich seien - und sie sind offenbar begehrt.

Konvertiten sind unauffällig, im Besitz eines heimischen Passes und daher schwer auszumachen und zu fassen. Trotzdem kennen sie sich mit dem kulturellen Gegebenheiten im islamisch geprägten Ausland gut aus.

Monotheismus statt umständlicher Trinitätslehre

„Inzwischen werden Konvertiten gezielt von militanten Islamisten gelockt“, sagt Johannes Schmalzl, Präsident des baden-württembergischen Verfassungsschutzes, der sich intensiv mit der Ulmer Dschihadistenszene beschäftigt. Oft werden sie zunächst mit einfach gestrickten Erbauungsschriften für den Islam gewonnen und dann im zweiten Schritt radikalisiert. Der Verfassungsschutz beobachtete nach eigenen Angaben in den vergangenen Jahren „Dutzende“ Konvertiten, die nach Studienaufenthalten in Saudi-Arabien radikalisiert und antiwestlich ideologisiert in die Heimat zurückkehren.

Nicht zuletzt durch die Warnungen der Staatsschützer ist die deutsche Gemeinschaft der zum Islam Bekehrten ins Rampen- und auch ins Zwielicht gerückt worden. Die Schätzungen über ihre Zahl schwanken zwischen knapp 20.000 und 100.000.

Die meisten Deutschen treten nach wie vor zum Islam über, weil sie einen muslimischen Partner heiraten. Für andere ist der Islam als eine tiefere spirituelle Erfahrung oder auch als eine absolute Wahrheit attraktiver als das Christentum: reiner Monotheismus statt umständlicher Trinitätslehre.

Die „Einladung“ ist laut Koran religiöse Pflicht

Im Frühjahr kursierten Berichte von einer Konversionswelle, die durch Deutschland schwappe. Es seien 2006 etwa 4000 Deutsche zum Islam konvertiert - viermal so viele wie im Vorjahr - hieß es damals in einem Bericht des Islam-Archivs in Soest. Die von der Einrichtung, die mehr oder weniger ein Einmannbetrieb ist, ermittelte Zahl fußte auf der jährlichen Frühjahrsumfrage bei den muslimischen Verbänden.

Mehrere Verbände, etwa der türkisch-islamische Dachverband Ditib, ließen jedoch wissen, dass sie den an sie gesandten Fragebogen gar nicht beantwortet hätten. Zudem war zu erfahren, dass die Verbände empirisch begründete Zahlenangaben über Konversionen zum Islam gar nicht hätten machen können, weil sie über solche nicht verfügen. So war die vermeintliche Konversionswelle wohl eher eine gefühlte Konversionswelle. Was die Sicherheitsbehörden jedoch mit Sorge registrieren, ist, dass die Rufe der islamischen Missionare lauter werden.

Nach dem 11. September 2001 habe es für islamische Missionare eine gewisse Schamgrenze in Deutschland gegeben. Inzwischen werde selbstbewusster und aggressiver denn je für den Islam geworben, sagt ein ranghoher Islamfachmann des Verfassungsschutzes. Daawa, die „Einladung“ ist laut Koran religiöse Pflicht. Sie besteht darin, den Islam zu erklären und Überzeugungsarbeit für einen unumkehrbaren Übertritt zu leisten.

Resultat einer persönlichen Krise

Mit dem Selbstbewusstein der muslimsichen Prediger wächst derweil das Unbehagen bei Beobachtern der Szene wie Staatsschützern oder Fachleuten der Kirchen. Es wird wahrscheinlich weiter wachsen. Mit jedem neuen deutsch-islamischen Bekehrten, der sich dem islamistischen Terrorismus zuwendet - wie zum Beispiel im März der Oberhausener Michel N., der in Pakistan aufgegriffen worden war. Oder wie jetzt im Fall von Fritz G.

Was ihn getrieben hat, was die anderen deutschen Dschihadisten trieb und treibt, darüber lässt sich nur spekulieren. G.s Übertritt zum Islam, sagen Staatsschützer, sei - wie bei anderen radikalisierten Konvertiten - unter anderem Resultat einer persönlichen Krise. Sie deuten auch an, dass als eine vermeintliche Lösung der Krise auch der Tod bei einem Selbstmordanschlag gewählt werden könne.

Das Schlagwort, dass die Motivlage der meisten radikalisierten Konvertiten trifft, ist Entfremdung. Beiträge in einschlägigen Internetforen zeugen von Entfremdung von der Familie, Entfremdung von Freunden, Entfremdung von der Mehrheitsgesellschaft und ihrem Wertesystem. Dass sich in der deutschen Öffentlichkeit zunehmend ein Bild festsetzt, wonach der Islam und die westliche Welt im Kulturkampf aufeinanderprallen, macht den Übertritt zum Islam dann zur größtmöglichen Abgrenzung.

Gegenmodell zur westlichen Gesellschaftsordnung

Welcher Aspekt der islamistischen Ideologie letztlich verfängt, auch darüber lässt sich nur spekulieren. Das kann der Gemeinschaftsgeist, ausgeprägter Antiamerikanismus sein - oder womöglich nur der Umstand, dass der (politische) Islam neben Rechtsextremismus und Linksextremismus als eine weiteres Gegenmodell zur westlich geprägten Gesellschaftsordnung angesehen wird.

Als in den neunziger Jahren der Konvertit Abu Bakr Rieger zusammen mit seinem Mentor, dem Führer der vom sufistischen Islam inspirierten Murabitun-Sekte, Scheich Abdalqadir (ein schottischer Schauspieler, der einmal Ian Dallas hieß), erfolglos versuchte, eine islamische Kommune in Thüringen einzurichten, hieß es in dem Prospekt zum „Dar al Islam Siedlungsprojekt“: „Nach dem Fall des Kommunismus und der folgenden Enttäuschung über den Kapitalismus sind die Menschen einem neuen umfassenden Lebensmodell gegenüber aufgeschlossen, und ein solches Modell ist, wie wir Muslime wissen, nur im Islam verwahrt.“

„Jesus ist nicht der Sohn Gottes

Abu Bakr Rieger ist jedoch kein fundamentalistischer Eiferer. Er ist eine von vielen schillernden Persönlichkeiten in der deutschen Konvertitenszene. Eine ihrer einflussreichsten Figuren ist nach der Einschätzung der Sicherheitsbehörden der frühere Boxer Pierre Vogel. Der Deutsche, der sich Abu Hamza nennt, bewege sich „an der Grenze des Verfassungsgemäßen“, sagen Staatsschützer.

Vogel studierte in Saudi-Arabien an der Universität von Mekka, wo der puritanische wahhabitische Islam gelehrt wird. Entsprechend klingen seine Lehrsätze. In den unzähligen Internetvideos, die Konversionen unter seiner Regie zeigen, sagt Vogel - der andererseits auch Zwangsehen als unislamisch kritisiert -, wichtig sei, dass man mit dem islamischen Glaubensbekenntnis auch sage, „dass es falsch ist, Jesus anzubeten. Jesus ist nicht der Sohn Gottes.“ Der Koran ist nach seinen Worten eine Berichtigung der in der Christen-Bibel verfälschten Offenbarung.

Sie verstehen sich als Avantgarde

Es ist dieses elitäre Selbstverständnis, zu einer Gemeinschaft der Wissenden zu gehören, was die Verfassungsschützer beunruhigt. Die radikalisierten Entfremdeten (Gharib) verstünden sich als Avantgarde - angetrieben von einem erhabenen Idealismus und einem persönlichen Gerechtigkeitsempfinden.

Ein Beobachter der Dschihadistenszene der Sicherheitsbehörden berichtet, einzelne Personen mit Kontakt zur Dschihadistenszene seien auch bei Vogels Vorträgen gesichtet worden. Die Grenze zum militanten Milieu sei dann nicht mehr fern. Fritz G. hat sie schon längst überschritten.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1975, Redakteur in der Politik.

Jüngste Beiträge