04.06.2007 · In Köln-Kalk kämpfen die evangelischen Gemeinden gegen ihren langsamen Niedergang. In den vergangenen 25 Jahren hat sich die Zahl ihrer Mitglieder fast halbiert. Evangelische Kinder gibt es auch nicht mehr viele, türkische schon.
Von Felix GrigatAuf einer tropischen Insel wollten sich die Jungen und Mädchen amüsieren. Dann wurden sie von Freiheitskämpfern überfallen und gefangengenommen. Wie es dazu kam und was dann noch alles passierte, das hat mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun, denn es geht um ein Musical. Aber von der rauhen Wirklichkeit von Köln-Kalk ist es dann doch nicht so weit entfernt. Werden hier nicht Jugendliche auf offener Straße und am helllichten Tag angehalten, angegriffen, „abgezogen“, ausgeraubt? Na ja, mitbekommen habe er das auch schon, sagt Martin. Ihm selbst sei es aber noch nicht passiert. „Wenn man hier aufwächst, weiß man, wie man dem aus dem Weg geht.“ Wer sich in Köln-Kalk amüsieren will, sollte lieber nach einer tropischen Insel Ausschau halten.
In dem Musical spielt Martin nur eine Nebenrolle. Einen der Terroristen. Das Musical wird für den Kirchentag einstudiert, der am Mittwoch hier in Köln beginnt. „Enttarnt - wenn die Fassade fällt“ heißt der Titel, vorbereitet von 15 Jungen und Mädchen der evangelischen Gemeinde Köln-Kalk. Text, Musik, Choreographie, Kulissen - alles selbst gemacht. Worum es in dem Stück geht? „Man kann nicht nur Spaß haben, es gibt mehr im Leben“, sagt Frank Kemper, der Jugendleiter der Gemeinde. Protestantische Askese sei damit aber nicht gemeint. Es gehe um die großen Themen Gefangenschaft und Befreiung. Zwei Worte, die in Köln-Kalk einen besonderen Klang haben.
Mehr Muslime als Protestanten
Kalk ist weder schick noch fromm. Der Ortsteil auf der „Schäl Sick“ zählt zu den sozialen Brennpunkten Kölns. Von 21.784 Kalker Bürgern im Jahr 2006 stuft die Statistik 11.914 als Einwohner mit Migrationshintergrund ein, meist italienischer und türkischer Abstammung oder Aussiedler, „Russen“, wie viele sagen. Mit 41 Prozent haben die Grundschulen in Kalk den höchsten Ausländeranteil von Köln. Auch die meisten Arbeitslosen (über 20 Prozent) trifft man in Kalk. Mehr als 26 Prozent der Kalker bekommen Sozialleistungen. Etwa 15 Prozent aller Wohnungen sind Sozialwohnungen. In mehr als der Hälfte der Haushalte lebt nur eine Person.
Das alles kennt Kurt F. Kassing zur Genüge. Seit 27 Jahren ist er Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde und hat erlebt, wie sich die Zahl seiner Gemeindeglieder in dieser Zeit fast halbierte. Als er 1980 anfing, gab es noch mehr als 4000 Protestanten, heute sind es knapp 2300, das sind etwa zwölf Prozent der Kalker Bevölkerung. Es gibt mehr Muslime (etwa 18 Prozent) und Katholiken (35 Prozent).
Nur noch 30 Gottesdienstbesucher
Viele Evangelische seien in den vergangenen Jahrzehnten aus Kalk weggezogen, sagt Kassing, andere aus der Kirche ausgetreten, weil sie ohnehin nicht zur Kirche gingen. Kinder gebe es auch nicht mehr viele. Evangelische versteht sich, türkische schon. Im vergangenen Jahr seien sie von einem „Taufboom“ mit 15 Kindern überrascht worden, sagt Kassing ein wenig stolz. Dieses Jahr wurden sechs Jugendliche konfirmiert, 2006 niemand. Anmeldungen für den neu beginnenden Konfirmandenunterricht gebe es keine.
Liegt es am Geld? Sicher, der Gemeinde fehle Geld, wie der ganzen Kirche, sagt Kassing. Mittlerweile müssten die Gemeinden alle Kosten, die Pfarrergehälter, die Kindertagesstätten und sonstige Einrichtungen selbst tragen. Die Zahl der Gottesdienstbesucher gehe zurück. Im Durchschnitt seien es etwa 30, meist ältere Protestanten, die kämen. Das ist etwas mehr als ein Prozent der Gemeindeglieder. Manchmal frage er sich, ob sich der Aufwand für die wenigen noch lohne.
Die meisten Firmen haben geschlossen
Aber Geld ist nur die halbe Wahrheit. Die „neue Sprache“ der EKD, sagt Kassing, die sie in ihrem im vergangenen Jahr veröffentlichten Zukunftspapier gebrauche, gefalle ihm nicht. Das sei zu sehr „Management“ und eine Abkehr von der Ortsgemeinde, was da überlegt werde. Der Trend, alles zu spezifizieren, aufzuteilen in „Behindertenarbeit“ oder „Krankenhausseelsorge“, sei falsch. So verliere die Kirche den ganzen Menschen aus den Augen. Heute werde nur gefragt: „Wie viel kommen hin? Wie viel Zeit wird dafür aufgewendet? Ist das effizient?“ Dazu geselle sich ein Denken in Angebot, Nachfrage und Konkurrenz. „Damit übernehmen wir diese ganze Kommerzialisierung der Welt. Ich frage mich: Welcher Gott ist dann in dieser Kirche Gott?“
Seine 1951 erbaute Jesus-Christus-Kirche sei schon einer Fabrikhalle ähnlicher als einem Sakralbau, sagt Kassing. Kalk habe schon bessere Zeiten gesehen. Ende des 19. Jahrhunderts sei es in der Welt sogar bekannter als Köln gewesen. Damals habe es hier viele erfolgreiche Firmen gegeben. Die meisten hätten mittlerweile geschlossen. Wenn am Mittwoch der Kirchentag beginnt, wird die Gemeinde Besucher betreuen, die in drei Schulen übernachten, vom Frühstück bis zur Nachtwache. Kassing sprach Leute auf der Straße an, um genügend Helfer zu finden.
Nicht missionieren
„So weit von brennenden Autos sind wir nicht entfernt. Da reicht ein kleiner Auslöser aus, und plötzlich eskaliert es“, sagt Frank Kemper, ein Jugendleiter, der seit 1994 mit Jugendlichen arbeitet, um ihnen eine Perspektive zu geben. Die Offene Tür, das Jugendcafé, der Kinderzirkus, all das sei wichtig. Freizeit koste meist Geld, auch in Kalk, in der Gemeinde könnten sie kostenlos teilnehmen. Zur Hausaufgabenbetreuung für Kinder ab sechs Jahre kämen auch viele türkische Jungen und Mädchen, die zum Schulanfang kaum ein Wort Deutsch könnten, obwohl sie hier geboren wurden. Deshalb werde hier ausschließlich Deutsch gesprochen. „Rede so leise, wie es geht, damit du andere nicht störst, und spreche Deutsch“, heißt eine der Regeln, die an der Wand zu lesen sind. Anderen Kindern muss Kemper erzählen, was ein Apfel sei und wie man ihn esse.
Auch in das Café kämen viele türkische und nordafrikanische Jugendliche. Es gebe keine Bibelarbeit, man wolle nicht missionieren, sagt Kemper „Damit würden wir ja unsere muslimischen Kinder und Jugendlichen in Teufels Küche bringen.“ Allerdings spricht Kemper mit ihnen immer wieder über Glaubensfragen. Die muslimischen Kinder wüssten sehr wohl, dass sie ein kirchliches Gebäude beträten.
Getrunken wird zu Hause und auf der Straße
Deutsche und ausländische Jugendliche, das sei in der Jugendarbeit schon deutlich getrennt, auch wenn man sich auf den Gemeindefesten begegne, gesteht die junge Presbyterin Ricarda Paas ein. Seit vier Jahren ist sie im Presbyterium. Die diakonische Arbeit sei die Hauptsache in der Gemeinde. Warum keine türkischen Jugendlichen beim Musical mitmachten? „Ich glaube, dass das etwas mit dem muslimischen Glauben zu tun hat“, sagt sie. Ein Auftritt auf dem Kirchentag werde da zum Problem. Gerade die türkischen Mädchen würden von ihren Eltern schnell zurückgeholt, wenn es ihnen zu christlich werde.
Für einen Moment bricht die Sonne durch die Wolken, ein überraschender Hauch von Süden liegt über der Kalker Hauptstraße zwischen Post und Kapelle. Orientalischer Rap hämmert aus einem vorbeifahrenden Auto, während türkische Männer entspannt auf Bänken oder vor ihren Stammcafés sitzen, manche mit Gebetsschnur in der Hand. Eine Clique Jungen mit Goldkettchen um den Hals, in Jogginghosen, Turnschuhen oder Badelatschen, schlendern am „Euro Spar Paradies“ vorbei. Hie und da zeigen sich auch alte Kalker Bürger, die beim Nachbarn vorbeischauen oder in die Kneipe „op der Eck“ gehen.
Vom „Alten Kalk“ ist nicht viel geblieben: die Schützenbruderschaft St. Hubertus Kalk 1860 e. V., denkmalgeschützte Gründerzeithäuser, viele ohne Putz, mit abgestoßenen Eingangstüren und Namensschildern, die kaum lesbar oder gar nicht beschriftet sind. Und die Kioske. In den Straßen um die Kalker Hauptstraße mögen es wohl fünfzig sein. Dort kann man das Bier billiger als in den Kneipen und vor allem rund um die Uhr bekommen. Getrunken wird zu Hause, auf der Straße oder am Spielplatz. Ab und zu spricht man dann auch dort über die großen Themen Gefangenschaft und Befreiung in Köln-Kalk.