Home
http://www.faz.net/-gct-uqhv
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Kirche und Homosexualität Umschwulung zum Ehemann

19.06.2007 ·  In Amerika wollen religiöse Gruppen homosexuellen Männern helfen, ihre Neigung zu überwinden. Das klappt nur selten. Hinter den „Hilfsangeboten“ stecken politische Absichten: Die Gruppen wollen rechtliche Freiheiten für die Schwulen verhindern.

Von Katja Gelinsky
Artikel Bilder (7) Lesermeinungen (3)

Jay Wilson war drei Jahre alt, da wurde er vom Babysitter sexuell missbraucht. „Den ersten freiwilligen sexuellen Kontakt hatte ich als Elfjähriger, mit meinem sieben Jahre alten Cousin. Mit 17 Jahren habe ich mich dann in meine erste homosexuelle Beziehung gestürzt. Ich war sehr verwirrt“, erzählt der 33 Jahre alte amerikanische Seelsorger aus Baltimore im Bundesstaat Maryland. Es folgten zahlreiche weitere homosexuelle Abenteuer.

Bis Jay Wilson sich mit zwanzig Jahren zur militärischen Eliteeinheit der Marineinfanteristen flüchtete. „Auch da fühlte ich mich weiter zu Männern hingezogen, aber ich habe die Gefühle unterdrückt.“ Wilson heiratete sogar. „Aber ich brach mein Treueversprechen und hatte mit anderen Frauen und Männern Sex.“

„Ich bin immer noch auf dem Weg“

Schließlich hielt er es nicht mehr aus und vertraute sich einem Pastor an, der für ihn zum Mentor und Ersatzvater wurde. „Ich brauchte einen Mann, der sich um mich kümmerte, der mich liebte und der mich disziplinierte, denn mein Vater war noch vor meiner Geburt auf Nimmerwiedersehen verschwunden.“ Auf Drängen des Pastors gestand Wilson seiner Frau, mit der er damals ein Kind hatte, seine Gefühle für Männer. „Ich konnte es kaum fassen, aber sie entschied sich, bei mir zu bleiben.“

Mittlerweile haben die Wilsons drei Kinder. „Aber ich bin immer noch auf dem Weg“, sagt der Seelsorger. „Und ich bin mir nicht sicher, ob ich jemals den Punkt erreiche, an dem ich keine sexuellen Gefühle mehr für Männer hege.“ Doch sei er jetzt „absolut in der Lage, der Versuchung nicht länger nachzugeben“ - „dank Jesus Christus.“

Die eigene Lebensgeschichte sowie Gebet und Zuspruch sind Jay Wilsons wichtigste Instrumente für seine Arbeit mit Homosexuellen, „die bereuen und nach einem neuen Leben hungern“. Der Seelsorger gibt Kurse der christlich-konservativen Organisation „Regeneration“ (Neuentstehung), die „Männern und Frauen, die mit Homosexualität, Sexsucht und anderen Beziehungsproblemen kämpfen“, „Gottes Heilung“ bringen will.

Enormer Zulauf von jungen Menschen

„Regeneration“ ist eine von mehr als 160 religiösen Vereinigungen, die dem evangelikalen Dachverband „Exodus International“ angehören. Dessen Botschaft lautet: „Freiheit von Homosexualität durch die Kraft von Jesus Christus.“ Denn wer homosexuellen Gefühlen nachgebe und einen homosexuellen Lebensstil pflege, der widersetze sich Gottes Willen und sündige.

Steuermann der Aktivitäten von „Exodus International“ ist Randy Thomas. Auch er kämpfte früher gegen homosexuelle Neigungen. „Aber seit 15 Jahren bin ich frei davon“, sagt der 39 Jahre alte Vorsitzende. Gelungen sei ihm der Ausstieg aus der Homosexualität mit kirchlicher Hilfe, professioneller Therapie und Gruppenarbeit. Die Mischung mache auch den Erfolg von „Exodus International“ aus, behauptet Thomas. „In den vergangenen fünf Jahren haben wir enormen Zulauf von jungen Menschen bekommen. Auch in Deutschland gibt es großes Interesse an unseren Standpunkten.“

„Aus Karrieregründen heterosexuell werden“

Was hinter dem Angebot „Befreiung von Homosexualität“ steckt, hängt allerdings davon ab, um welches der zahlreichen Programme es sich handelt. Peterson Toscano hat in dem jahrelangen verzweifelten Bemühen, seine homosexuellen Neigungen zu überwinden, alles Mögliche ausprobiert. „Genützt hat es nichts“, sagt der 42 Jahre alte Performancekünstler aus Hartford, Connecticut, der mittlerweile ein bekennender Schwuler ist. Toscano wurde mit 17 Jahren evangelikaler Christ. „Weil ich religiöse Leidenschaft suchte und einer einflussreichen Gemeinschaft angehören wollte.“ Doch seine inständigen Gebete, Gott möge seinen homosexuellen Phantasien ein Ende machen, wurden nicht erhört.

Deshalb suchte er Verstärkung bei den wöchentlichen Gruppentreffen der christlichen Vereinigung „Life Ministries“ in New York. Die meisten Teilnehmer seien aus der Unterhaltungsindustrie gekommen. „Mein Eindruck war, dass viele von ihnen aus Karrieregründen versuchten, heterosexuell zu werden. Aber am Wochenende sind etliche wieder in die Schwulenszene abgetaucht.“

„So sündig, dass ich an Selbstmord dachte“

Toscano sah sich deshalb nach kraftvollerem Beistand um, den er schließlich in einer pfingstlich-charismatischen Kirche zu finden glaubte, in der Zungenreden und Heilungsrituale praktiziert wurden. „Aber als eine der Predigerinnen mich mit in ihr Schlafzimmer nahm, um mir durch Handauflegen den Dämon Homosexualität auszutreiben, hatte ich genug.“ Exorzistische Methoden seien allerdings extreme Ausnahmen im Programmspektrum der Ex-Gay-Bewegung, fügt er hinzu.

Toscano wechselte zu einer anderen Kirchengemeinde und lernte dort eine Frau kennen, die er 1990 heiratete. Damals war er 25 Jahre alt. „Wir glaubten beide, dass Gott mich endlich befreit hätte.“ Aber das war ein Irrtum. „Ich schaffte es nur, Geschlechtsverkehr mit meiner Frau zu haben, wenn ich dabei an Sex mit Männern dachte.“ Bald hatte Toscano wieder homosexuelle Affären. Zugleich wuchs seine Verzweiflung. „Ich fühlte mich so schuldig und sündig, dass ich an Selbstmord dachte.“ Also sah er sich wieder nach Hilfsprogrammen um und stieß dabei auf „Love in Action“ in Memphis, Tennessee.

Zerstörerische Folgen von „Heilungsprogrammen“

Die christliche Vereinigung bot damals eines der ersten Vollzeit- und Langzeitprogramme für Schwule und Lesben an, „die sich in sexueller Sünde gefangen fühlen“. Zwei Jahre lang unterzog sich Toscano bei „Love in Action“ einer rigorosen Behandlung zur Stärkung von Maskulinität, Selbstdisziplin und anderen Abwehrmechanismen gegen homosexuelle Versuchungen. „Das Ganze ähnelte stark einem Drogenentzugsprogramm mit sehr strengen Regeln. Wir durften zum Beispiel nur Kontakt zu fünf überprüften Personen von draußen haben. Und die Zeit im Badezimmer war auf 15 Minuten beschränkt, damit niemand masturbierte. Außerdem bekamen wir Anleitungen, wie wir zu gehen und zu reden hätten, um nicht schwul zu wirken.“

Den Sinn derartiger Übungen stellte Toscano damals nicht in Frage. „Ich dachte, das ist Gottes Wille.“ Also tat er, was man von ihm verlangte. Die Veranstalter waren so erfreut, dass der Präsident von „Love in Action“, der ehemals homosexuelle Pastor John Smid, ihm nach Abschluss des Programms im Frühjahr 1998 eine Stelle anbot. Toscano jedoch wollte erst erproben, ob er sich „draußen“ als Heterosexueller bewähren würde. Es funktionierte nicht. Einige Monate nachdem er wieder zu Hause war, hatte Toscano sein „Coming-out“. Heute gehört der Performancekünstler zu den Aktivisten, die vor den zerstörerischen Folgen von „Heilungsprogrammen“ für Homosexuelle warnen.

Keine Störung, Krankheit oder Fehlfunktion

Aber warum stoßen die christlichen Aussteigerangebote für Schwule und Lesben überhaupt auf ein derart großes Interesse, dass Jay Wilsons Organisation „Regeneration“ händeringend zusätzliche Seminarleiter sucht? Immerhin nimmt die gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexuellen in den Vereinigten Staaten laut Umfragen zu.

„Aber Tatsache ist auch, dass Religion weiterhin eine wichtige Rolle spielt und es großes Vertrauen in religiöse Institutionen und Autoritäten gibt“, sagt der New Yorker Psychiater und Fachmann für Sexualfragen Jack Drescher. „Zahlreiche Homosexuelle, die mit Hilfe christlicher Organisationen heterosexuell werden wollen, kommen aus einem sehr religiösen Milieu.“ Den Veranstaltern wirft der Psychiater vor, „eine Botschaft zu verkaufen, die nicht auf Wissenschaft, sondern auf Wunschdenken basiert“.

Warum manche Menschen homosexuell sind, sei immer noch ungeklärt. Eine wissenschaftlich abgesicherte Therapie, die sexuelle Orientierung zu verändern, gebe es nicht. Internationale Mehrheitsmeinung sei vielmehr, dass es sich bei Homosexualität um keine Störung, Krankheit oder Fehlfunktion handele. Deshalb habe die Amerikanische Psychiatrische Vereinigung (APA) Homosexualität in den siebziger Jahren aus ihrem Krankheitskatalog gestrichen.

„Neuere Publikationen sind religiös motiviert“

Dagegen wendet eine Randgruppe amerikanischer Therapeuten ein, dass eine Behandlung von Homosexualität möglich sei und auch erfolgen solle, wenn Lesben und Schwule den Wunsch danach äußerten. Die „National Association for Research & Therapy of Homosexuality“ (NARTH) wirft APA vor, damals auf Druck linksliberaler Kreise entschieden zu haben, dass Homosexualität weder behandlungsbedürftig noch behandlungsfähig sei.

Diesen Vorwurf wollte der psychiatrische Fachverband jedoch nicht auf sich sitzen lassen und konterte: „Neuere Publikationen, die Homosexualität wieder zur Krankheit erklären wollen, indem sie behaupten, sie könne geheilt werden, sind oft nicht von ernsthafter wissenschaftlicher oder psychiatrischer Forschung motiviert, sondern von religiösen und politischen Kräften, die sich gegen volle Bürgerrechte für Schwule und Lesben richten.“

„Christliche Mitarbeiter werden politisch ausgenutzt“

Der Streit über Heilungsangebote für Homosexuelle ist also hochpolitisch. Seine gesellschaftliche Bedeutung lässt sich auch an der Allianz zwischen „Exodus International“ und dem einflussreichen christlich-konservativen Familienverband „Focus on the Family“ ablesen, der Präsident Bush zu seinen Wahlsiegen verholfen hat. Die „routinemäßig verschwiegene Wahrheit“, dass Homosexualität überwunden werden könne, müsse „endlich ans Licht gebracht werden“, fordert „Focus on the Family“. Das verwundert nicht, denn wichtige Positionen innerhalb des Verbandes werden von „Ex-Gays“ mit engen Beziehungen zu „Exodus International“ bekleidet.

Mit den politischen Aktivisten der „Ex-Gay-Bewegung“ gehen Kritiker wie Jack Drescher hart ins Gericht: „Hier werden Mitarbeiter christlicher Vereinigungen, die Homosexuellen in guter und ehrlicher Absicht helfen wollen, zu politischen Zwecken ausgenutzt.“ Mit den sogenannten Befreiungsprogrammen werde der Eindruck erweckt, als sei Homosexualität ein selbstgewähltes Laster, um so Gesetzesinitiativen zugunsten von Schwulen und Lesben, insbesondere die Anerkennung der Homosexuellen-Ehe, zu hintertreiben.

Randy Thomas von „Exodus International“ zahlt mit gleicher Münze zurück. Die Schwulen- und Lesbenbewegung betreibe ja ebenfalls Lobbyarbeit. „Wieso sollen wir dann nicht für unsere Überzeugungen fechten?“

„Umpolen“ in Deutschland

Können homosexuelle Männer und Frauen umgepolt oder „entschwult“ werden? Sollten sie ihre sexuelle Orientierung verändern, wenn sie gute Christen sein wollen? Fragen, die auch hierzulande unter Fundamentalisten diskutiert werden. Bekannt geworden ist der Verein „Wüstenstrom“ mit Sitz in Tamm bei Stuttgart. Inhaltlich orientierte sich die Initiative anfangs an der amerikanischen „Living waters“-Bewegung. Seelsorge, christliche Psychotherapie sowie das „Freibeten“ durch „berufene“ Gläubige gehörten zu deren Instrumentarium. In den etwa 25 „Wüstenstrom“-Selbsthilfegruppen mit 400 ehrenamtlichen Mitarbeitern hierzulande wird aber nach Aussagen des Vorsitzenden Markus Hoffmann schon längst nicht mehr nach diesem Vorbild gearbeitet.

Man berate ergebnisoffen bei verschiedensten Konflikten, heißt es, spricht aber auch von Veränderung und der „Möglichkeit, dass Homosexualität dann veränderbar ist, wenn bestimmte damit verbundene traumatische (. . .) Inhalte gelöst werden können“.

Aufmerksam verfolgt wird diese Arbeit von der ökumenischen Arbeitsgruppe „Homosexualität und Kirche“. Deren Sprecher Reinhold Weicker hält Umpolungstherapien grundsätzlich für unseriös. Zwar wolle man die Freiheit des Einzelnen, entsprechende Versuche zu unternehmen, nicht beschränken, aber doch die Motivation dazu kritisch hinterfragen.

Skeptisch äußert sich auch Günter Baum, früherer Leiter von „Wüstenstrom“: „In all den Jahren bei Wüstenstrom hat sich an meinen schwulen Gefühlen nichts geändert.“ Das Ganze erinnert ihn an Haartönungen: „Man kann sich so viel Blond ins Haar schmieren, wie man will - die eigentliche Haarfarbe kommt immer wieder durch.“

Links: wuestenstrom; zwischenraum; huk

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.06.2007, Nr. 24 / Seite 59
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen