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Iran Per Charter zur Revolution

01.02.2009 ·  Am 1. Februar 1979 entthronte ein greiser Ajatollah den mächtigsten Herrscher des Orients. An die Macht kam der politische Islam. Dreißig Jahre danach mischen im Kampf um die Deutungshoheit die Nachkommen Chomeinis weiter kräftig mit.

Von Christiane Hoffmann
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Man schätzte die Menge auf sechs, vielleicht sogar sieben Millionen. Sie füllte alle Plätze und Zufahrtsstraßen zum Teheraner Flughafen. Sie säumte die Straße zum Friedhof Beheschte-Sahra, wo er als Erstes die Toten der bisherigen Kämpfe ehren wollte. Auf halbem Weg musste er den Hubschrauber nehmen, weil kein Durchkommen mehr war. Und als er später in die Stadt hineinfuhr, standen sie auf den Dächern ihrer Häuser und riefen: „Allahu-akbar. Chomeini ist unser Führer“ und „Chomeini, du bist meine Seele“. Nachts auf den Dächern der Häuser zu stehen war in den Monaten zuvor zu einem Ritual des Widerstands geworden. Nicht wenige waren überzeugt, dass dann in den Kratern und Hügellandschaften des Mondes das bärtige Antlitz des fernen Ajatollahs aufschien.

Sie gaben ihm den Ehrentitel „Imam“, den sonst nur die zwölf schiitischen Imame aus der Zeit der Religionsstiftung tragen. Die geradezu biblische Erscheinung Chomeinis, hochbetagt mit langem weißen Bart und amimischen Gesichtszügen, umwehte eine Aura der Entrückung. Bei seiner Rückkehr aus dem Exil richtete sich auf ihn eine Heilserwartung, wie sie sonst nur Mehdi, dem 12. und letzten Imam, zuteil wird. Die Schia glaubt, dass er im 10. Jahrhundert in die Verborgenheit entrückt wurde und am Ende aller Zeiten als schiitischer Messias erscheinen wird, um die Herrschaft der Sünde zu beenden und den Entrechteten Gerechtigkeit zu bringen. So hat es auch der Ajatollah versprochen. 15 Jahre lang hatte er in der Verborgenheit in der Türkei, im Irak und in Frankreich ausgeharrt. Dass der Mehdi nun einen Charterflug der Air France genommen hatte, tat der Verklärung keinen Abbruch. Die historische Größe des einen, so heißt es bei Jacob Burckhardt, baut sich aus der Phantasie der vielen auf.

Die „islamische Revolution“ hatte gesiegt

„Chomeini ist nicht da. Chomeini sagt nichts außer nein: zum Schah, zum Regime, zur Abhängigkeit“, schrieb damals Michel Foucault. Es war diese an Starrsinn grenzende Beharrlichkeit, die Chomeinis Charisma begründete und ihn von den anderen Schah-Gegnern unterschied. Seit Anfang der sechziger Jahre hatte er mit einer Unerbittlichkeit und Klarheit, die der flexiblen, auf Kompromisse bedachten iranischen Kultur eigentlich fremd ist, an der einen Überzeugung festgehalten: „Der Schah muss weg!“

Zehn Tage nach der Rückkehr Chomeinis am 1. Februar 1979 gab Ministerpräsident Bachtiar auf, den der Schah bei seiner Flucht Mitte Januar als Statthalter zurückgelassen hatte. Das, was man später die „islamische Revolution“ nannte, hatte gesiegt. Sie war nicht einfach ein gewaltsamer Umsturz, wie sie sich im vergangenen Jahrhundert zahllos in der Dritten Welt ereignet haben, sondern eine Revolution, deren Wirkung bis heute in der islamischen Welt und über sie hinaus widerhallt. Neben Lenin, Mao, Fidel Castro steht Ruhollah Chomeini als einer der großen Revolutionsführer des 20. Jahrhunderts, das er mit seiner Lebensspanne fast ganz umfasste.

Die Regierung Gottes: Widerstand ist Blasphemie

Mit den Vorstellungen, die er während Jahrzehnten des Widerstands von einer islamischen Herrschaft entwickelte und an deren Umsetzung er sich nun machte, trat der Islamismus in die Reihe der wirkmächtigen Ideologien. „Politik und Religion sind eins“ - lautete Chomeinis radikale Absage an den westlichen Säkularismus. Und als er wenige Tage nach seiner Rückkehr seinen Ministerpräsidenten vorstellte: „Dies ist keine normale Regierung, es ist die Regierung Gottes.“ Wer der göttlichen Regierung in den Weg trat, dem drohte er mit drakonischen Strafen. Widerstand sei Blasphemie.

Chomeini war der Führer, jene große historische Persönlichkeit, die sich an die Spitze einer Bewegung stellte, die die iranische Gesellschaft erfasst hatte. Es ging um viel mehr als eine soziale Revolte. Im Zentrum stand die Auseinandersetzung der islamischen Kultur mit dem Westen und der als westlich angesehenen Moderne. Als Kind hatte Chomeini die konstitutionelle Revolution in Iran erlebt, den ersten Versuch einer iranischen Moderne, der gegen die absolute Herrschaft des Schahs, aber auch gegen den traditionellen Klerus gerichtet war. Er erlebte die forcierte Modernisierung unter den beiden vom Westen gestützten Pahlewi-Schahs, die Entschleierung der Frauen, den Verfall traditioneller Sitten, die „Westoxication“. Aus dieser Erfahrung wurde er zum Protagonisten der Gegenbewegung. Aus der Ablehnung, dem „Nein!“ entwickelte er die betörende und weit ausgreifende Mischung aus messianischen und sozialrevolutionären Verheißungen und dem Kampf um Unabhängigkeit von westlicher Einflussnahme und Bevormundung.

Exil-Botschaften über Audiokassetten im Land verbreitet

Radikal wandte er sich gegen westliche Demokratie und Säkularismus, gegen ein Mehrparteiensystem - „es gibt keine Partei außer der Partei Gottes“ - und die Menschenrechte - „eine Ansammlung von Lügen, die sich die Zionisten ausgedacht haben, um alle wahren Religionen zu zerstören“.

Fälschlicherweise ist der politische Islam oft als mittelalterlich tituliert worden. Aber Chomeini ging es nicht um eine Rückkehr ins Mittelalter oder in die mohammedanische Frühzeit. Die Islamisten in Iran wollten nie einen Taliban-Islam, sondern einen Islam, der sich die Moderne zunutze macht. Anders als im Westen sollte nicht die Moderne die Religion verdrängen, sondern die Religion sollte sich die Moderne unterwerfen. Fromm, volksnah und fortschrittlich, so präsentiert sich auch heute Präsident Ahmadineschad.

Und so war auch Chomeini, der seine Botschaften aus dem Exil über Audiokassetten in Iran verbreitete, kein Relikt des Mittelalters, sondern durch und durch ein Sohn des 20. Jahrhunderts mit seinen Totalitarismen und seinem Terror, seinen Utopien und Ideen vom neuen Menschen. Auch in Iran ging es nicht nur um die Neuverteilung von Macht und Besitz, sondern um eine kulturelle und ideologische Revolution mit totalitärem Anspruch.

Iran ist seiner Führungsrolle näher als jemals zuvor

Auch ein universalistischer Anspruch durfte nicht fehlen. Aber wie Lenin die Weltrevolution blieb Chomeini der Revolutionsexport versagt. Trotzdem sandte die iranische Revolution Schockwellen durch die arabische Welt. Heute ist Iran für deren Herrscher doppelt bedrohlich: als Bannerträger des politischen Islam und als neue Vormacht am Persischen Golf. Dank dem Sturz Saddam Husseins, dank Hizbullah und der islamistischen Radikalisierung der Palästinenser ist Iran seiner Führungsrolle unter den Muslimen heute näher als jemals zuvor. Die Ideologie des politischen Islam hat ihre Strahlkraft noch nicht verloren.

In Iran, wo sie nicht mehr das Pathos der Oppositionskraft genießt, sieht das anders aus. Hier muss sich islamistische Herrschaft seit drei Jahrzehnten in den Niederungen der Wirklichkeit beweisen. Nicht die Brutalität, die Hinrichtungen, mit denen die Islamisten nach der Revolution ihre Macht behaupteten, sind der Grund für die weitverbreitete Unzufriedenheit, die heute in der Islamischen Republik herrscht. Heute kritisieren die Iraner die Zwänge der allgegenwärtigen islamischen Regeln und - wie überall sonst auf der Welt - die Unfähigkeit der Regierenden. Die Person Chomeinis genießt dagegen selbst bei vielen Gegnern des Systems Hochachtung. In der politischen Debatte ist der Revolutionsführer noch immer ein wichtiger Bezugspunkt. Der Streit zwischen Konservativen und Reformern war immer auch ein Streit um das politische Erbe des Revolutionsführers.

Referendum über das religiöse System?

Im Kampf um die Deutungshoheit mischen auch die Nachkommen Chomeinis kräftig mit. Vor allem Enkel Hassan meldet sich in jüngerer Zeit gerne zu Wort - unmissverständlich kritisch gegen die Fundamentalisten um Ahmadineschad. „Die Revolution meines Großvaters ist von ihrem Kurs abgekommen“, sagte er. „Ihre Ziele waren Freiheit und Demokratie.“ Enkelin Sahra Eschraghi, Ehefrau des Reformpräsidenten Chatami, setzt sich für Frauenrechte ein und will den Kopftuchzwang abschaffen. Und beider Cousin Hussein tat sich hervor, als er nach dem Sturz Saddams demonstrativ in den Irak umzog und die Befreiung durch die Amerikaner bejubelte. In einem Brief an Chomeinis Nachfolger, den religiösen Führer Ali Chamenei, forderte er ein Referendum über das religiöse System.

Das wird heute - wenn man den inoffiziellen Umfragen Glauben schenkt - nur noch von einem Viertel bis einem Drittel der Iraner unterstützt. Im Alltag ist in den vergangenen zehn Jahren vor allem in den bürgerlichen Schichten eine Normalität eingekehrt, die die Revolution schon fast als fernes historisches Ereignis erscheinen lässt. Weit mehr als die Hälfte der Iraner hat die Revolution nicht mehr erlebt. Bei aller Kritik am religiösen System besteht aber die Sehnsucht nach einer eigenen, nicht vom Westen bestimmten Moderne fort.

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Jahrgang 1967, politische Korrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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