08.02.2009 · Wieso muss sich der Papst plötzlich jedem erklären? Zweifellos haben die Ereignisse der vergangenen Woche der katholischen Kirche geschadet - doch der Vorwurf, Benedikt XVI. habe eine restaurative Gesinnung, schlägt fehl. Umso mehr ist jetzt die Solidarität der Katholiken mit dem Papst vonnöten.
Von Robert ZollitschAllein durchschritt Papst Benedikt XVI. am 28. Mai 2006 das Tor des Vernichtungslagers Auschwitz. Er ging die Steine des Gedenkens an die Opfer entlang; dann hielt er inne: „Da ist der Gedenkstein in hebräischer Sprache. Die Machthaber des Dritten Reiches wollten das jüdische Volk als Ganzes zertreten, es von der Landkarte der Menschheit tilgen.“ Erschüttert über das Böse, habe er lieber nicht sprechen wollen: „An diesem Ort des Grauens, einer Anhäufung von Verbrechen gegen Gott und den Menschen ohne Parallele in der Geschichte, zu sprechen ist fast unmöglich – ist besonders schwer und bedrückend für einen Christen, einen Papst, der aus Deutschland kommt.“ Seine Zuflucht nahm der Papst bei einem Psalm, der Juden und Christen gemeinsam ist.
Neun Monate zuvor hatte Benedikt in der Kölner Synagoge versprochen, das Erbe seines Vorgängers Papst Johannes Paul II. fortzusetzen. Eindringlich legte er dar, wie sich das Zweite Vatikanische Konzil, die große programmatische Bischofsversammlung des 20. Jahrhunderts, zu den gemeinsamen Wurzeln von Christen und Juden bekannt hatte. Er wandte sich gegen jede Form von Antisemitismus und appellierte an die Verantwortung der Gegenwart, dafür zu sorgen, dass „nie wieder“ das Böse die Herrschaft erlange. Noch vor wenigen Tagen erinnerte er an die Shoah, die dazu anstifte, darüber nachzudenken, welch unvorhersehbare Macht das Böse habe, wenn es das Herz des Menschen ergreife.
Was ist geschehen?
Angesichts der mehrfach geäußerten Haltung des Papstes zum Holocaust stellt sich die Frage: Was ist geschehen, dass ihm, der immer wieder seine tiefe Erschütterung über den Holocaust zum Ausdruck gebracht hat, unisono ein Chor entgegentönt, der fordert, er möge sich endlich einmal erklären?
Eine erste Antwort, die aber an der Oberfläche bleibt, lautet: die Rücknahme einer Sanktion. Ein Straferlass habe den Falschen Nähe angeboten und alles verdunkelt; seinetwegen müsse sich der Papst erklären. Ein Straferlass? Die katholische Kirche kennt Kirchenstrafen, zu denen die Exkommunikation gehört. Gegen wen sie verhängt wird, der darf die Sakramente nicht mehr empfangen. Die obersten Würdenträger der separatistischen Bruderschaft St. Pius wurden so bestraft, weil 1988 gegen ein ausdrückliches Verbot des Vatikans Bischöfe geweiht wurden, die den Fortbestand der Gruppe sichern sollten.
Was aber sind die Gründe für diesen Straferlass? Papst Benedikt XVI. bewegt das große Interesse an einer schrittweisen Wiederannäherung zwischen der katholischen Kirche und den Separatisten, die bessere Chancen hat, wenn jene Bischöfe nicht mit der Exkommunikation belegt sind. Diese zurückzunehmen ist das Recht des Papstes.
Zu wenig differenzierte Vorwürfe
Wohlgemerkt, und hier wurde in den Medien wenig differenziert: Nicht enthalten ist in diesem Beschluss die Erlaubnis, als katholische Bischöfe und Geistliche zu wirken; sie haben keinen amtlichen Auftrag in der Kirche. Sie sind außen vor. Sollten sie jemals mit allen priesterlichen wie bischöflichen Rechten und Pflichten in der Kirche tätig werden wollen, so müssen sie zunächst ohne Wenn und Aber ihren oft unsinnigen und teils empörenden Ideen abschwören und die Lehre der Kirche, wie sie sich gerade im Zweiten Vatikanischen Konzil spiegelt, in vollem Umfang annehmen. Daran hat der Vatikan nicht den leisesten Zweifel gelassen. Ob es jemals so weit kommen wird – man darf es bezweifeln. Für Papst Benedikt war dieser Zweifel kein ausreichender Grund, diesen Versuch nicht zu wagen.
Was ist der tiefere, theologische Grund für das Handeln Benedikts? Es geht um das Zweite Vatikanische Konzil. Einen Hinweis kann seine Ansprache an die römische Kurie 2005 geben. In ihr betont Benedikt XVI., dass alles von der „korrekten Auslegung des Konzils“ abhänge. Dabei nennt er zwei Auslegungswege dieses Konzils, die er die „Hermeneutik des Bruches“ und die „Hermeneutik der Reform“ nennt. Die erste macht der Papst als Gefahr aus: „Die Hermeneutik der Diskontinuität birgt das Risiko eines Bruches zwischen vorkonziliarer und nachkonziliarer Kirche in sich.“ Er legt dar, wie die Anhänger dieses Verständnisses auf immer neue Reformschritte und theologische Aufbrüche drängen und dafür den „Geist des Konzils“ beschwören.
„Benedikt ist mitnichten der ,Entrückte'“
Benedikt bekennt sich zum Konzil, ohne Einschränkung. Es gilt ihm als ein kirchengeschichtlich wichtiger Schritt auf dem Weg der Reform, „der Erneuerung des einen Subjekts Kirche . . . unter Wahrung der Kontinuität“. Und weiter: „Die Kirche ist ein Subjekt, das mit der Zeit wächst und sich weiterentwickelt, dabei aber sie selbst bleibt.“ Ungeschichtlich denkt Benedikt also keineswegs. Er ist mitnichten der „Entrückte“, der fernab der Geschichte und der Menschen eine starre Glaubenslehre um jeden Preis verteidigt. Wohl aber will er die Kontinuität und verwendet viel Scharfsinn und Energie darauf, die vor- und die nachkonziliare Kirche als die eine, mit sich identische Kirche Jesu Christi zu erweisen.
Wer so denkt und sich mit Verve zum Anwalt der Kontinuität macht, dem muss die Abspaltung der Piusbrüder ein Dorn im Auge sein. Die Piusbruderschaft ist eine Art ständiger Frage, ob das Konzil eine Reform und nicht einen Bruch gebracht hat. Daher fordern die Piusbrüder den früheren Kardinal und heutigen Papst heraus. Er will ein Äußerstes aufwenden, um sie für das Konzil zu gewinnen und sie von ihren falschen, unkatholischen Sichtweisen abzubringen. Es gibt für Papst Benedikt so etwas wie einen Albtraum: dass es während seines Pontifikats zum endgültigen Bruch kommen könnte. Vielleicht ist das der eigentliche Grund für die Aufhebung der Exkommunikation.
Vorwurf einer restaurativen Gesinnung schlägt fehl
Man darf über dieses Engagement des Papstes diskutieren und durchaus der Meinung sein, dass die Einheit mit der Piusbruderschaft kein vorrangiges Thema einer Kirche inmitten einer pulsierenden, nach Orientierung und Halt rufenden Welt ist. Auf keinen Fall aber verdient der Papst den jetzt so oft erhobenen Vorwurf einer restaurativen Gesinnung. Er handelt aus Verantwortung, und ihm, nicht den Vielen, ist es in besonderer Weise aufgelastet, für die weltweite Kirche Entscheidungen zu treffen, wie die großen Themen des Konzils heute verlebendigt werden sollen. Die schwierigen Auseinandersetzungen der letzten Tage haben uns ganz nebenbei nochmals neu die großen Errungenschaften des Zweiten Vatikanischen Konzils erkennen lassen. Was wäre die katholische Kirche heute ohne ihre Lehre von der Gewissens- und Religionsfreiheit und ohne eine erneuerte Vorstellung von Staat und Gesellschaft? Wo stünde sie ohne die Gesten der Versöhnung gegenüber den Juden und die Wertschätzung für die Religionen? Was wäre sie ohne das stetige Bemühen um die Ökumene? Und was ohne die Mobilisierung der Laien?
Unübersehbar liegt ein wesentlicher Grund für das entstandene Durcheinander darin, dass die römischen Behörden weitgehend unverbunden nebeneinanderher arbeiten und ihre Vorschläge machen, ohne zunächst untereinander darüber zu sprechen, wie diese sich ins Ganze einfügen. Die Aufhebung der Exkommunikation ist eben nicht nur ein kirchenrechtlicher Gnadenakt, sondern sie hat auch politische Aspekte, die es im Vorfeld zu bedenken gilt. Ob man in Rom nicht lernen und Verfahren einüben muss, wie die adäquate Abstimmung und entsprechende Zuarbeit für den Papst auszusehen hat?
Solidarität mit dem Papst nötig
Zweifellos haben die Ereignisse dieser Wochen der katholischen Kirche geschadet. Sie haben den falschen Eindruck erweckt, die Kirche sei vorschnell um die Nähe ziemlich finsterer Menschen bemüht und auf dem Weg zurück in die Vergangenheit. Das schmerzt jeden, der sich der Kirche verbunden weiß und die Kraft des christlichen Glaubens schätzt. Darum scheint wichtig, sich innerkatholisch nicht auseinanderdividieren zu lassen – weder durch die doch sehr geringe Zahl der Anhänger der Piusbruderschaft noch durch die öffentliche Meinung – und sich nicht in gegenseitigen Ratschlägen zu verheddern. Vielmehr braucht es die wechselseitige Solidarität untereinander wie auch mit dem Papst.
Ich habe keine Zweifel, dass der Papst die richtigen Schritte gehen und entsprechende Zeichen setzen wird, um alle Befürchtungen über eine kirchliche Restauration zu zerstreuen. Zwei Reisen stehen bevor: nach Afrika und ins Heilige Land. Papst Benedikt wird Juden und Muslimen wertschätzend und auf Augenhöhe begegnen, um in die Tat umzusetzen, was das Konzil wollte. Gesten sind nötig, die zeigen, dass die Kirche in frischer Weise nach vorne schaut und die Nähe ganz besonders auch zu den modernen Menschen sucht, die oft ohne eine katholische Erziehung und mit Vorstellungen und einem Freiheitsbewusstsein leben, das kirchlichen Vorstellungen eher fern ist. Auch das gehört zum Konzil. Beides, der Blick zurück und nach vorn, ist wichtig.
Wir deutschen Bischöfe werden uns an der Seite des Papstes dafür einsetzen, dem Evangelium und dem christlichen Glauben in der modernen Welt einen guten Klang zu geben, der ebenso mit der langen Geschichte der Kirche in Konsonanz steht, wie er die aktuellen Herausforderungen ernst nimmt. Darin bestärken die jüngsten Debatten auch mich persönlich als Vorsitzenden der Bischofskonferenz, der wie alle anderen diese Debatte bewegt und bisweilen mit Sorge miterlebt hat. Die Sorge unseres Papstes, die Kirche aus ihren Wurzeln lebendig zu halten, statt diese Wurzeln zu kappen, ist ohne Alternative. Ihre Beachtung verlangt nach den turbulenten Wochen der bisweilen (vor)schnellen Kommentare und Urteile neues Nachdenken und vielleicht auch manche neuen Schritte.
Der Autor ist Erzbischof von Freiburg und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.