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FAZ.NET-Spezial: Der Papst wird 80 Der Stilist Benedikt XVI.

16.04.2007 ·  An diesem Montag feiert Benedikt XVI. seinen 80. Geburtstag. Doch päpstlichen Prunk und Pomp mag er gar nicht. Viel lieber sitzt der unermüdliche Arbeiter an seinem Schreibtisch und sucht passende Zitate und Gleichnisse. So hat der Papst sich selbst das größte Geschenk gemacht. FAZ.NET-Spezial.

Von Otto Kallscheuer
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Päpstlichen Prunk und Pomp mag er gar nicht. Der deutsche Papst wirkt manchmal ganz zart und verlegen, fast schüchtern, mit seinem so nach dem Lateinlehrer klingenden Italienisch in seiner seltsam alterslosen Stimme. Wie gut, dass Don Giorgio, der gestrenge Privatsekretär Gänswein, den Heiligen Vater vor all den Menschen schützt, die ihn immer wieder anfassen, anreden, anhimmeln wollen! Denn dass der Oberhirte mit der Masse seiner Schäflein auch physischen Kontakt hält, ist für Joseph Ratzinger - anders als für seinen charismatischen Vorgänger - Amtspflicht, keine Kür. Eigentlich zieht es ihn immer wieder an den Schreibtisch.

Benedikt XVI. ist gewiss ein unermüdlicher Arbeiter im Weinberg des Herrn. Er braucht seine Zeit auch, um an den Formulierungen zu feilen, die passenden Zitate und die rechten Gleichnisse zu finden. Das wichtigste Geschenk zu seinem 80. Geburtstag an diesem Montag hat sich Joseph Ratzinger selber bereitet: Er hat den Wissbegierigen unter den Gläubigen sein neues Buch präsentiert. Ein Buch über unseren Herrn Jesus Christus, aus der Feder des Papstes, doch mit keiner anderen Autorität als der eines Theologieprofessors.

Es geht Benedikt XVI. um die Würde seines Amts

Benedikt XVI. achtet auf Stil, nicht nur in seinen Worten, Artikeln, Reden - auch in der Kleidung. Ob der Papst nun Windjacke und Base-cap von Adidas trägt, ob seine eleganten Lederschuhe aus dem Hause Prada stammen oder von Geox, spielt wohl keine Rolle. Doch als er im Winter einmal den „Camauro“ überzog, die bequeme, hermelinbesetzte purpurne Pelzkappe der Barockpäpste oder des guten Hirten Johannes XXIII., war das durchaus eine Aussage zu seinem sachlichen Amtsverständnis: die dreifache Krone der Päpste früherer Zeiten wird ein Bischof von Rom, der sich als „Mitarbeiter der Wahrheit“ versteht, jedenfalls nicht wieder aufsetzen.

Es geht Benedikt um die sanfte Gewalt des rechten Arguments, also um die Autorität des Logos - jener Vernunft, die für den Theologen auf dem Petersstuhl von Gott ist. Und es geht ihm um die Würde seines Amts - als Priester wie als Lehrer. In der katholischen Auffassung vom Lehramt des Bischofs von Rom kommen schließlich beide Gestalten religiöser Autorität zusammen: der Priester als Zelebrant, der das Altarsakrament vollzieht, die Feier des Paschamahls der Befreiung aus der Macht von Knechtschaft und Sünde. Und der Kirchenlehrer, der die Grenzen setzt, welche den rechten Glauben, die Orthodoxie, vom Irrweg scheiden.

Hinweis auf das verlorene Gewand der Gnade“

Stilfragen waren für Joseph Ratzinger noch nie gleichgültig; und so betont Papst Benedikt auch den theologischen Sinn der Kleiderordnung. Wenn im Gleichnis vom verlorenen Sohn, wie es Jesus im Lukasevangelium erzählt, der Vater dem gefallenen und wiedergefundenen Sohn zum Freudenfest „das erste Gewand“ bringen lässt, dann belehrt uns das Jesus-Buch des Papstes auch über dessen tiefere Bedeutung, als „Hinweis auf das verlorene Gewand der Gnade, mit dem der Mensch im Ursprung umkleidet war und das er in der Sünde verloren hat. Nun wird ihm dieses ,erste Gewand' wieder geschenkt, das Gewand des Sohnes.“

An dieses weiße Gewand erinnert noch das lange weiße Priesterhemd, das jeder katholische Priester zur Feier der heiligen Eucharistie tragen soll. Vor zehn Tagen skizzierte Benedikt in seiner Predigt zum Gründonnerstag eine kleine Theologie der priesterlichen Kleiderordnung, als Bestandteil der ars celebrandi, wie er sagte: der „Kunst“ der Messfeier. Der Papst ging dabei aus vom Galaterbrief des Apostels Paulus, der die Christen durch die Taufe als neu gewandete, „in Christus gekleidete“ Menschheit sieht.

Fein gewogene Worte, sorgfältig ausgewählte Zitate

Im Austausch zu Leben und Sterben Jesu, als Gottes Sohn mit Leid und Tod das „Kleid der Menschheit“ auf sich genommen habe, werde die gerettete Menschheit in ein Lichtkleid gewandet - und die Kleidung des Priesters, als Zelebrant des Pascha-opfers Jesu Christi, bringt diese neue Identität zum Ausdruck. Benedikt erinnerte zur Feier des Abendmahles an das weiße Lichtgewand, in dem in der Offenbarung des Sehers Johannes die 144.000 Auserwählten in das himmlische Jerusalem eingehen sollen: Ihre Kleider waren weiß wie das Licht, denn sie hatten sie mit dem Blute des Opferlammes Jesu Christi gewaschen.

Man muss solche Reden des Papstes nachlesen, mit ihren fein gewogenen Worten, mit ihren sorgfältig ausgewählten Zitaten - hier vom heiligen Gregor von Nazianz, dem großen Kirchenlehrer der Ostkirche, dort von Papst Gregor dem Großen, dem Juristen und „Konsul Gottes“, der für den lateinischen Westen als Erster den Korpsgeist einer Klerikerkirche formulierte. Nur dann wird man verstehen, dass für Joseph Ratzinger die Lehre und die Liturgie, die Vernunft und das Sakrament keine Gegensätze sind.

Er redet den Kollegen im Priesteramt ins Gewissen

Die Priester- und Bischofsweihen der römischen Kirche sind „Investituren“, also wörtlich: Einkleidungen. Und für Benedikt XVI. besteht der personelle wie institutionelle Kern der katholischen Identität in der Gemeinschaft der Kleriker. Gewiss schätzt auch Joseph Ratzinger die Anhänger der besonders von seinem Vorgänger Johannes Paul II. geförderten neuen kirchlichen Laienbewegungen von „Comunione e Liberazione“ über „San Egidio“ bis hin zu den Fokolaren oder der bis heute umstrittenen Opus-Dei-Truppe.

Doch für Benedikt steht die Wiederherstellung der theologischen wie kollegialen Binnendisziplin des Klerus, das geistliche Kleid der Gottesdiener, an erster Stelle aller Reformen, die (wie auch er weiß) der Kirche im 21. Jahrhundert bevorstehen. Wo der polnische Papst in seinen Reisen und Gesten weit ausgriff in die Welt, da predigt der deutsche Oberhirte zum Kirchenvolk, vor allem aber redet er seinen Kollegen im Priesteramt ins Gewissen.

Seine erste Enzyklika feierte Gott als Liebe

Alle bisherigen administrativen und kirchenpolitischen Entscheidungen Papst Benedikts haben sich zum Ziel gesetzt, die Kollegialität der Bischöfe als der für die Leitung des Gottesvolkes eigentlich Verantwortlichen zu stärken. In seiner ersten Bischofssynode im Oktober 2005 wurde die freie, nicht thematisch vorgegebene öffentliche Aussprache eingeführt; das Kardinalskonsistorium will er offensichtlich regelmäßig als eine Art Senat der Weltkirche tagen lassen. Papst Benedikt scheint auch weitaus stärker bereit zu sein, pastorale Anregungen der Lokalkirchen gelten zu lassen, als man dies vormals Kardinal Ratzinger als Chefkontrolleur der theologisch korrekten Linie in Rom nachsagte. Seine erste Enzyklika feierte ja Gott als Liebe - nicht die Kirche als Disziplin.

Auch die Neuernennungen für die Schlüsselpositionen der Kurie führen nicht zu einer Kirche doktrinärer Disziplin zurück. Mit dem brasilianischen Benediktiner-Kardinal Claudio Hummes, Erzbischof der Metropole São Paulo und Freund des brasilianischen Präsidenten „Lula“ da Silva, ernannte Benedikt einen sozialpolitischen Linken und gemäßigten Befreiungstheologen zum neuen Präfekten der vatikanischen Kongregation für den Klerus.

Wie lange noch wird Brasilien katholisch sein?

Auf der Bischofssynode im Oktober 2005 hatte Hummes die Krise des lateinamerikanischen Katholizismus vor das Forum der Weltkirche getragen: „In Brasilien nimmt die Anzahl der Katholiken im Schnitt jährlich um ein Prozent ab. Im Jahre 1991 waren etwa 83 Prozent der Brasilianer Katholiken, heute sind es höchstens noch 67 Prozent. Wir fragen uns voller Angst: Wie lange noch wird Brasilien ein katholisches Land sein?“

Der Nachfolger Angelo Sodanos im Amte des Kardinalstaatssekretärs (also „Regierungschef“ des Heiligen Stuhls) ist Ratzingers alter Vertrauter Tarcisio Bertone, kein Diplomat, sondern ein erfahrener Kirchenrechtler und ehemaliger Universitätsrektor aus dem Orden der Salesianer. Eigene weltpolitische Akzente konnte er bisher freilich nicht setzen. Denn zunächst hatte Bertone die wohl größte Krise in den interreligiösen Beziehungen der vergangenen beiden Jahrzehnte zu verwalten: die auf die Rede Benedikts in Regensburg folgenden Konflikte mit Vertretern des Islams - und den zarten Neubeginn einer Verständigung.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
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