29.01.2009 · Sympathisiert Benedikt XVI. mit Traditionalisten auf Rechtsaußen - mit jenen Katholiken, die so katholisch sein wollen, wie Joseph Ratzinger erzogen wurde? Frömmigkeit und religiöser Eifer sind in den rechtskonservativen Bewegungen oft höher als das theologische Niveau ihrer Führer.
Von Heinz-Joachim Fischer, RomDas eine hat mit dem anderen verhältnismäßig wenig zu tun. Dass Papst Benedikt XVI. wie der gute Hirte aus der Bibel das verirrte Schaf sucht und wieder in die Herde zurückführt, dass er ein Schisma, den Ausschluss von vier Bischöfen aus der Gemeinschaft - durch ihre Weihe ohne päpstlichen Auftrag 1988 -, rückgängig macht und die sogenannten Traditionalisten auf Rechtsaußen wieder in der Kirche mitspielen lassen will, ist nicht verwerflich.
Dass einer der vier Bischöfe zugleich törichte bis widerliche Äußerungen über Holocaust und Gaskammern in die Welt setzte, schien am Mittwoch vorerst leidlich „entgiftet“ zu sein. Der Verantwortliche der „Priester-Bruderschaft Sankt Pius X.“ entschuldigte sich für antisemitische Äußerungen seines Mitbruders. Der Papst stellte unmissverständlich seine Solidarität mit den Juden klar und bekräftigte die unbedingte Notwendigkeit, des millionenfachen Mordes an den Juden zu gedenken, gegen jeden Versuch der Leugnung oder Relativierung. (Siehe auch: Oberrabbinat bricht Kontakte zu Rom ab)
Zu Gottesfurcht und Gehorsam erzogen
So kehrt das Interesse zu den Traditionalisten als Gläubigen zurück. Sympathisiert Benedikt XVI. mit ihnen? Mit jenen Katholiken, die so katholisch sein wollen, wie Joseph Ratzinger in seiner deutsch-bayerischen Kindheit erzogen wurde, in den Jahren nach 1927 - zu Gottesfurcht und Gehorsam im Schoß der allein selig machenden Kirche, zum Glauben, dass diese unter dem Papst seit je die Wahrheit hüte und man deshalb etwa am Karfreitag guten Gewissens bitten könne, „für die Irrgläubigen und Abtrünnigen, dass Gott sie allen Irrtümern entreißen und sie zur katholischen Kirche zurückrufen möge“; dies auch „für die ungläubigen Juden“, die jedoch trotz ihrer „Verblendung“ „vom Erbarmen Gottes nicht ausgeschlossen“ seien, und „für die Heiden, damit sie ihre Götzen verlassen und sich bekehren“.
Das Gebet war ungefährlich; denn man dankte schließlich Gott, „dass er nicht den Tod, sondern stets das Leben der Sünder suche“. Ganz anders als die damals in Deutschland herrschende atheistische Nazi-Ideologie. Aber die Karfreitags-Fürbitte, inzwischen abgemildert, drückte einen katholischen Hochmut aus, der allen anderen zutiefst zuwider ist, der freilich meist von kräftiger Liberalität, zumal in Bayern, gemildert war.
Von dieser Glaubenseinbildung nahm zuerst der Theologe Ratzinger durch seine Studien Abschied, dann die Bischöfe des Zweiten Vatikanischen Konzils zwischen 1962 und 1965 in ihren Konstitutionen und Erklärungen - zur Religionsfreiheit oder zu den nichtchristlichen Religionen (mit dem wichtigen Kapitel über die Juden).
Und all diese „luftigen Ideen“
Eine Minderheit der Konzilsväter, unter ihnen der französische Erzbischof Marcel Lefebvre, 1905 geboren, 1955 zum Erzbischof im afrikanischen Dakar ernannt, konnte es jedoch nicht verwinden, dass die katholische Kirche ihre einzigartige Stellung als Gottes direkte Erdeninstanz eingebüßt und ihren Anspruch darauf für so „luftige Ideen“ wie Toleranz und Dialog verschleudert hatte. Lefebvres Vater hatten die Nazis 1944 umgebracht, weil er ihrem gottlosen Treiben als Franzose Widerstand geleistet hatte. Die Greuel also des Staates, ob der Französischen Revolution, Hitler-Deutschlands oder des Kommunismus, waren für den eifernden Erzbischof Grund genug, alles Heil von seinem Gott zu erwarten, wie er sich in den alten Dogmen der katholischen Lehre ohne abschwächende Reformen zeige.
Und vor allem in der hergebrachten Liturgie, wie sie seit Jahrhunderten nach dem Missale Romanum, dem Römischen Messbuch, gefeiert wurde. Hier kam es zur Rebellion Lefebvres. Hiermit fand er seine Anhänger, Katholiken, die nicht hinnehmen wollten, das man ihnen die vertraute Messe vom „Introibo ad altare Dei“ (Zum Altare Gottes will ich treten) bis zum „Deo gratias“ (Dank sei Gott) raubte und sie stattdessen bald mit „Hallo“ begrüßt und mit „Schönen Sonntag noch!“ verabschiedet wurden oder dass man die Erstkommunion zum Kindergeburtstag wandelte.
Einzig wahrer „konziliarer“ Weg der Kirche?
Schon Paul VI. in seinen letzten Amtsjahren und Johannes Paul II. waren sich bewusst, dass die Folgen der gutgemeinten Liturgiereform nach dem Konzil, vor allem jedoch das faktische Verbot der „Tridentinischen Messe“ - ob ganz auf Latein oder mit Passagen, wie den Lesungen aus der Bibel, in der Muttersprache - ein Fehler war. Aber auch die deutschen Bischöfe unter dem damaligen Münchner Kardinal Döpfner als Vorsitzendem der Konferenz (1965 bis 1976) und einflussreichem Konzils-Moderator waren so begeistert von ihrem Reformwerk, dass sie jede Kritik daran als Angriff auf den einzig wahren „konziliaren“ Weg der Kirche in die Zukunft verstanden.
Erzbischof Lefebvre gründete dagegen 1970 die „Priester-Bruderschaft Sankt Pius X.“, eine zuerst belächelte, dann beargwöhnte, schließlich verbannte und ausgestoßene Nachhut der Kirche, des „Volkes Gottes“, wie man nun immer stolzer sagte. In Rom hoffte man auf deren langsames Verschwinden. Aber sie hielt sich neben der und gegen die Großkirche, heute mit etwa 500 Priestern und rund 600 000 Anhängern in aller Welt.
Was sich bei und aus dem Streit zwischen der Traditionalisten-Schar mit dem bescheidenen Zentrum im ländlichen Ecône im Schweizer Wallis und der Papstkirche entwickelte, lehnte Joseph Ratzinger als Münchner Erzbischof und als Kardinal-Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation ab. Die Ökumene als Bemühen um die Einheit der Christen, die Religionsfreiheit als Frieden zwischen den Religionen und mit den Religionslosen oder Kollegialität in der Hierarchie sind ihm selbstverständlich.
Aber bei der Liturgiereform des Konzils und ihren Folgen kann er die Traditionalisten verstehen. In seinen „Erinnerungen. Aus meinem Leben“ (Deutsche Verlags-Anstalt) ging er 1997 ins Gericht mit den Liturgie-Veränderern, weniger mit denen des Konzils, sondern mit denen, die danach das Neue gegen das Alte durchsetzten. Wörtlich schrieb Ratzinger: „Ich war bestürzt über das Verbot des alten Missale . . . Es gibt gar keinen Zweifel, dass dieses neue Missale in vielem eine wirkliche Verbesserung und Bereicherung brachte, aber dass man es als Neubau gegen die gewachsene Geschichte stellte, diese verbot und damit Liturgie nicht mehr als lebendiges Wachsen, sondern als Produkt von gelehrter Arbeit und von juristischer Kompetenz erscheinen ließ, das hat uns außerordentlich geschadet . . . Eine Erneuerung des liturgischen Bewusstseins, eine liturgische Versöhnung, die wieder die Einheit der Liturgiegeschichte anerkennt, das Vatikanum (Konzil) nicht als Bruch, sondern als Entwicklungsstufe versteht, ist für das Leben der Kirche dringend vonnöten. Ich bin überzeugt, dass die Kirchenkrise, die wir heute erleben, weitgehend auf dem Zerfall der Liturgie beruht.“
Religiöser Eifer nicht selten höher als das theologische Niveau
Was wollen die Traditionalisten mehr, als dass ein Papst ihr Hauptanliegen aufnimmt? Benedikt - auch als Präfekt der Glaubenskongregation - und Johannes Paul II. hatten genug Schwierigkeiten mit dem sonstigen Versagen, ja, den Ungeheuerlichkeiten der Traditionalisten (von denen Williamsons schreckliche Entgleisung die schlimmste war). Dies anerkennend, werden sie sich wohl leichter damit tun, ihre großen Lücken in der theologischen Bildung - von den erschreckenden historischen Defiziten eines bischöflichen Toren nicht zu sprechen - zu füllen und zum Beispiel die weiteren Schriften Ratzingers gründlich zu studieren.
Oft sind unter Traditionalisten und in rechtskonservativen Bewegungen Frömmigkeit und religiöser Eifer höher als das theologische Niveau ihrer Führer. Das Zweite Vatikanische Konzil, so lehrte es Benedikt als Theologe immer, hat in erster Linie nicht mit der Tradition gebrochen, sondern vergessene, verschüttete Traditionen - der Kirchenväter der ersten Jahrhunderte und der Lehrer des Mittelalters und der Neuzeit - wieder freigelegt. Über die Einheit der Christen und das Verhältnis zu den Juden, über Freiheit und Führung in der Kirche, über Toleranz und Dialog, über Irren und Zurechtweisung nach der Bibel zum Beispiel.