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Der Papst und die Kondome Ein Bettler im Zeitalter des Relativismus

 ·  Die Kreierung von 24 neuen Kardinälen durch Papst Benedikt XVI. wird in den Hintergrund gedrängt durch ein neues Buch. Darin äußert Benedikt Verständnis für die Benutzung von Kondomen - in begründeten Einzelfällen.

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Die italienische Presse hat am Wochenende nicht nur ausführlich über das Konsistorium berichtet, in dem Benedikt XVI. in Rom 24 neue Kardinäle kreierte, sondern auch in zahlreichen Artikeln das Erscheinen eines neuen Buches mit dem Papst angekündigt. Der deutsche Journalist Peter Seewald hatte im Sommer Papst Benedikt sechs Stunden lang auf dessen Sommersitz in Castelgandolfo befragt und bringt dieses Gespräch nun unter dem Titel „Licht der Welt“ heraus.

Der Herder-Verlag in Freiburg wollte das Werk zwar erst Mitte dieser Woche veröffentlicht wissen, aber die päpstliche Tageszeitung „L`Osservatore Romano“ druckte schon am Sonntag eine ganze Seite daraus ab - ähnlich taten es andere Blätter. Allenthalben schimmert aus den Zitaten das Bemühen durch, den alten Mann, den die Welt meist nur im liturgischen Gewand kennt, als bescheidenen Gelehrten darzustellen, der sich selbst gar als „Bettler vor Gott“ bezeichnet.

Zum Vorschein kommt aber auch ein kämpferischer Papst, der trotz seines Alters von 83 Jahren gerade an diesem Wochenende auch den Kardinälen Klarheit verschaffen wollte. So hatte er am Freitag den Präfekten der Glaubenskongregation, den amerikanischen Kardinal Levada, gebeten, die 150 anwesenden „Senatoren“ im Kardinalsrat - insgesamt sind es seit diesem Wochenende 203 - über die kirchenrechtliche Ahndung sexuellen Missbrauchs durch Kleriker zu unterrichten. Der vormalige Erzbischof von San Francisco appellierte an ihre Verantwortung der Kardinäle und der Ortsbischöfe, sprach von der Notwendigkeit, mit den zivilen Behörden zusammenzuarbeiten und forderte mehr Schutz für Kinder und Jugendliche.

Die Kirche müsse aufmerksamer bei Auswahl und Ausbildung von Priestern und Ordensleuten sein. Kardinalstaatssekretär Bertone gab einen Überblick über die Gefährdungen der Religionsfreiheit, vor allem im Westen. Dabei kam er auch auf das große Thema des Papstes zu sprechen, den „Prozess der Säkularisierung“, bei dem versucht werde, „spirituelle Werte aus dem sozialen Leben abzudrängen“.

Die Wahl zum Papst habe auf ihn wie der Schlag einer Guillotine gewirkt

In dem Buch sagt Benedikt XVI. laut der italienischen Presse, die Menschheit stehe an einem Scheidepunkt. „Es gibt so viele Probleme, die alle gelöst werden müssen, die aber alle nicht gelöst werden, wenn nicht im Zentrum Gott steht und neu sichtbar wird.“ An dieser Frage, „ob Gott da ist - der Gott Jesu Christi - und anerkannt wird, oder ob er verschwindet“, entscheide sich heute „das Geschick der Welt“, so der Papst im Gespräch. Die Menschen hätten sich angewöhnt, traditionelle, erprobte Standpunkte und Verhaltensweisen zugunsten billiger Trends aufzugeben. Das Zeitalter des Relativismus lasse nur das eigene Ich und seine Wünsche gelten.

In der Zeitung „Corriere della Serra“ hieß es in einer Überschrift, die Wahl zum Papst habe auf ihn wie der Schlag einer Guillotine gewirkt. Am 16. April 2005, seinem 78. Geburtstag, habe mit seinen Mitarbeitern noch darüber gesprochen, wie sehr er sich auf seinen Ruhestand freue. Drei Tage später sei er das Oberhaupt der katholischen Kirche mit seinen mehr als 1,2 Milliarden Gläubigen geworden: „Nicht gerade eine Aufgabe, die man sich für das hohe Alter aufspart. Ich hatte eigentlich erwartet, endlich Frieden und Ruhe zu finden. Dass ich mich plötzlich dieser gewaltigen Aufgabe gegenüber sah, war, wie alle Leute wissen, ein Schock für mich. Die Verantwortung ist in der Tat ungeheuerlich.“

Das Buch schildert - nach Darstellungen der Presse - jenen Professor Kardinal Ratzinger, der gerade einmal mit ein paar Kleidungsstücken, einem Schreibtisch, Büchern und Bücherregalen in den Apostolischen Palast umgezogen sei. Könne er nun wirklich als Nachfolger Petri für Jesu sprechen? „Bei der Verkündigung des Glaubens und im Vollzug der Sakramente spricht jeder Priester im Auftrag Jesu Christi, für Jesus Christus. Christus hat der Kirche sein Wort anvertraut. In der Kirche lebt dieses Wort“, soll der Papst geantwortet haben. Und sei der Papst unfehlbar? Der Begriff der Unfehlbarkeit habe sich erst im Laufe der Jahrhunderte entwickelt. Der Papst könne in bestimmten Umständen und unter bestimmten Bedingungen „letztverbindliche Entscheidungen treffen, durch die klar wird, was der Glaube der Kirche ist und was nicht“, wird aus dem Buch zitiert. Das aber heiße nicht, dass der Papst ständig „Unfehlbares“ produziere.

Homosexualität steht „auf jeden Fall nicht in Schöpfungsrichtung“

So ist zum Beispiel Homosexualität mit dem Priesterberuf unvereinbar, sagt der Papst mit aller Autorität. „Denn dann hat ja auch der Zölibat als Verzicht keinen Sinn. Es wäre eine große Gefahr, wenn der Zölibat sozusagen zum Anlass würde, Leute, die ohnehin nicht heiraten mögen, ins Priestertum hineinzuführen, weil letztlich auch deren Stellung zu Mann und Frau irgendwie verändert, irritiert ist, auf jeden Fall nicht in Schöpfungsrichtung steht“.

Dagegen lockert der Papst offenbar das Verbot der Kondome und schließt ihren Gebrauch nicht grundsätzlich aus. Aber „die bloße Fixierung auf das Kondom bedeutet eine Banalisierung der Sexualität, und die ist ja gerade die gefährliche Quelle dafür, dass so viele Menschen in der Sexualität nicht mehr den Ausdruck ihrer Liebe finden, sondern nur noch eine Art von Droge, die sie sich selbst verabreichen. Deshalb ist auch der Kampf gegen die Banalisierung der Sexualität ein Teil des Ringens darum, dass Sexualität positiv gewertet wird und ihre positive Wirkung im Ganzen des Menschseins entfalten kann. Es mag begründete Einzelfälle geben, etwa wenn ein Prostituierter ein Kondom verwendet, wo dies ein erster Schritt zur Moralisierung sein kann, ein erstes Stück Verantwortung“, wird der Papst zitiert.

Ringübergabe an neue Kardinäle

Die Lektüre der Passagen aus dem Buch hielt viele Italiener am Sonntag gleichwohl nicht davon ab, trotz Regens auf den Petersplatz und in den Petersdom zu strömen, als Benedikt den neu kreierten Kardinälen ihren goldenen Ring übergab, mit der Kreuzigung Jesu auf den Ober- und seinem Papstwappen auf der Innenseite. Zu Ehren der neuen deutschen Kardinäle Reinhard Marx und Walter Brandmüller war der bayerische Ministerpräsident Seehofer mit einer großen Delegation nach Rom gekommen, einschließlich des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Schneider, des evangelischen bayerischen Landesbischofs Friedrich, der Vorsitzenden des Zentralrates der Juden, Knobloch, und dem Wittelsbacher Erbprinzenpaar.

Um die neuen italienischen Kardinäle scharten sich bei der Gratulation am Samstagabend im Apostolischen Palast oder der „Aula Paul VI.“ dagegen Heimatvereine, Jugendclubs und Abordnungen der Frauenvereinigung bis zur Caritas. Niemand brauchte eine besondere Einladung, um durch das „Bronzetor“ über Berninis „Scala Regia“ zu den neuen „Senatoren“ zu gelangen, die Benedikt gerade in den „ehrwürdigsten Herrenclub auf Erden“ aufgenommen hatte, wie es in Italien heißt. Die Begeisterung der Italiener war vor allem deswegen so groß, weil ihre Landsleute jetzt mit 25 eine noch stärkere Gruppe unter den derzeit 121 wahlberechtigten Kardinälen bilden. Es folgen dreizehn Nordamerikaner, sechs Deutsche, je fünf Franzosen, Spanier und Brasilianern sowie vier polnische Kardinälen. Afrika ist mit zwölf, Asien mit zehn Kardinälen vertreten.

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Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.

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