18.07.2008 · Zehntausende sind zum Weltjugendtag der katholischen Kirche nach Sydney gekommen, um Papst Benedikt XVI. zu sehen. Der warnt die Jugendlichen davor, sich zum Spielball der Märkte machen zu lassen.
Von Heinz-Joachim Fischer, SydneyAuch der Papst wundert sich. Über die vielen Mädchen und Jungen. Warum die zum Weltjugendtag (WJT) der katholischen Kirche jetzt im australischen Winter nach Sydney, „an das Ende der Erde“, gekommen sind, und nun wie verrückt ihm wie einem Superstar zujubeln.
Da sind Yang Rong Shang, etwa 25, aus China, der Volksrepublik, wie die rote Fahne mit den Sternen anzeigt, und Shenay, 22, aus der Pfarrei der Südkirche in Peking: „Wir bekamen die Möglichkeit; da wollten wir natürlich mit.“ Die Französin Agnès, die schon 1997 in Paris beim WJT mit Johannes Paul II. dabei war, spricht von einer „spontanen Eingebung; vielleicht eine Entscheidung Gottes“.
Bischöfliche Skepsis wich päpstlicher Begeisterung
Paola, eine Medizinisch-Technische Assistentin aus Bergamo, gehört zu den italienischen „Freiwilligen“, ehrenamtlichen Sozialhelfern, hat den Papst in Köln vor drei Jahren erlebt und wollte unbedingt wiederkommen. Paola und Agnès, von Heimat und Familie eine gute Küche gewöhnt, begnügen sich ohne Klagen mit der Pilgerkost am Mittag, Thunfisch oder Rindfleisch aus der Büchse, Chips, Joghurt und eine Orange; mit dem Nachtquartier in einem Schlafsaal im Olympischen Dorf sind sie zufrieden.
Daniel (26, aus Neuseeland) und José (18, aus Buenos Aires) stehen in der Schlange bei Mc Donalds und finden alles „sehr aufregend, eine großartige Erfahrung, ein phantastisches Erlebnis, absolut“. Dass besonders die aus fernen Ländern noch den einen und anderen Abstecher damit verbinden, ein paar geruhsame Tage in sonnigen Gefilden Australiens anhängen, versteht sich von selbst.
Der jetzige Papst war als Kardinal Ratzinger nicht hellauf begeistert über die jugendlichen Massen, die da plötzlich, scheinbar ganz gegen den Trend der modernen Zeit, religiös wurden, sich auf Pilgerfahrten und -Flüge begaben und zu Zehn-, Hunderttausenden glücklich-fromme, zufrieden-andächtige Gesichter machten.
Keine Klagen von den Eltern
Da aber weder Klagen von Eltern, den begleitenden Priestern oder Ordensleuten kamen und auch neun Monate später sich nichts Auffälliges ereignete, sann er über die Motive der jungen Leute nach. Kaum in Sydney eingetroffen, sprudelten die neuen Einsichten aus ihm heraus, und er lobte die Mädchen und Jungen für ihre guten Absichten, „zusammenzukommen, um ihren christlichen Glauben zu vertiefen und mit anderen eine freudige Erfahrung der Gemeinschaft in der Kirche Jesu zu mit anderen zu teilen.“
Das schien aber selbst Benedikt zu fromm, und so fügte er hinzu: „Die Jugendlichen sind begierig, an einem Ereignis teilzunehmen, das ihre hohen Ideale auf den Punkt bringt; sie kehren noch Hause zurück, voll Hoffnung und neu bestärkt in ihrer Entschlossenheit, zum Aufbau einer besseren Welt beizutragen.“ Das muss es wohl sein.
„Das Leben ist kein Glücksspiel“
Papst, Kirche und christliche Botschaft nehmen die Jugendlichen in ihren Idealen ernst, ist das Grundgefühl in Sydney. Deshalb schenkt ihnen Benedikt reinen Wein ein: „Liebe Freunde. Das Leben ist nicht regiert vom Zufall; es ist kein Glücksspiel. Eure persönliche Existenz ist von Gott gewollt, gesegnet von ihm, mit Sinn. Leben ist keine Abfolge von Ereignissen oder Erfahrungen, so hilfreich sie sein mögen. Es ist eine Suche nach dem Wahren, Guten und Schönen. Für dieses Ziel treffen wir unsere Entscheidungen, üben wir unsere Freiheit aus, und darin, in der Wahrheit, im Guten und im Schönen, finden wir Zufriedenheit und Glück. Lasst Euch nicht täuschen von denen, die in euch nur Konsumenten in einem Markt der beliebigen Möglichkeiten sehen, wo die Wahl in sich das Gute ist, wo das Neue sich als das Schöne ausgibt, die subjektive Erfahrung die Wahrheit ersetzt.“ Offenbar sind Jungen und Mädchen zu Zehntausenden aus aller Welt gekommen, damit ihnen einer dies sagt.
Die Papstkirche setzt jedoch nicht nur auf Worte. Mächtige Gesten und Symbole kommen hinzu, die dank moderner Technik auf Großbildschirmen an der Kathedrale, am zentralen „Darling Harbor“ und an anderen Plätzen von Sydney übertragen werden. So das heilige Schauspiel des „Kreuzwegs Jesu“ am Freitag, dem Benedikt still in der Krypta der Kathedrale bewohnte, der mit seinen verschiedenen biblischen Stationen von Schauspielern drastisch-eindrucksvoll dargestellt wurde, begleitet von dramatischer moderner Musik. Da merkten so manche, dass das Christentum von jungen Leuten, dem 33 Jahre alten Jesus und seinen Jüngern, gegründet, dass deren Ideal vom Reich Gottes nach den Prinzipien von Hoffnung und Brüderlichkeit, Gerechtigkeit und Liebe erst einmal am Kreuz zu Schanden wurde.
Dahinter tritt das Pflichtprogramm des Papstes zurück: Treffen mit Vertretern anderer christlicher Kirchen, obwohl, so Benedikt, „die ökumenische Bewegung an einem kritischen Punkt“ ist; Treffen mit Führern anderer Religionen im multikulturellen Australien mit der Absage an Gewalt, für Frieden; Mittagessen mit Jugendlichen aus allen fünf Kontinenten; Treffen mit behinderten Jungen und Mädchen am Freitagabend.