Die Seligsprechung des britischen Kardinals John Henry Newman war für Benedikt XVI. der Anlass für den ersten Staatsbesuch eines Papstes in Großbritannien seit dem Bruch des Königreiches mit Rom im Jahr 1534 gewesen. Die Messe dazu am Sonntag in Birmingham war für ihn der krönende Abschluss der Reise, die er als Staatsoberhaupt bei Königin Elisabeth II. begonnen hatte und als Oberhirte seiner Weltkirche fortsetzte.
Zu Beginn der Reise des Papstes schien es so, als wäre er in einem ihm weitgehend feindlich gesinnten Land eingetroffen - Intellektuelle hatten in einem offenen Brief gegen die Würdigung Benedikts als Staatsoberhaupt protestiert, etliche Demonstrationen waren angekündigt. Dann jedoch gewann der Papst vor allem die britische Jugend, nahm selbst anglikanische Geistliche für sich ein, und schließlich würdigte ihn auch die Presse. Er sei doch kein „Rottweiler“ wie zuvor geschrieben, hieß es am Sonntag in einer Zeitung, sondern ein „heiliger Großvater“. Am Sonntag waren auch die sechs Männer wieder frei, die am Freitag unter dem Verdacht festgenommen worden waren, einen Anschlag auf den Papst geplant zu haben. Dieser Vorwurf sei unbegründet, teilte Scotland Yard mit.
Der Gottesdienst in Westminster Abbey als Wendepunkt
Für die Öffentlichkeit war das Treffen des Papstes mit fünf Missbrauchsopfern am Samstag ein Grund zum Meinungswandel. Bill Kilgallon, eines der Opfer, berichtete, ihn habe Benedikts Ernsthaftigkeit überzeugt. Der Papst habe Tränen in den Augen gehabt, als er sich bei den Opfern entschuldigte. Benedikt habe gutgeheißen, dass bei der Aufarbeitung von den Gemeinden bis zu den Diözesen hinauf Geistliche, Unabhängige und staatliche Stellen kooperieren. Wichtig sei freilich auch die Entschädigung der Opfer - nicht um den unheilbaren Schaden gutzumachen, sondern um der Gerechtigkeit willen. Das Gespräch mit den Opfern habe länger gedauert als das Höflichkeitstreffen mit Premierminister David Cameron.
Für die weitgehend anglikanische Öffentlichkeit war der gemeinsame Gottesdienst in Westminster Abbey, dem wichtigsten Ort der Staatskirche, am Freitag der Wendepunkt gewesen: der erste Gottesdienst mit einem Papst in dieser Kirche, die zwar einst dem Orden der Benediktiner gehört hatte, sich aber seit der Abspaltung von Rom gegen den „Papismus“ definierte. Benedikt bekannte sich zu Freundschaft und Dialog mit den Anglikanern, forderte sie dazu auf, gemeinsam den Glauben zu bekennen und Christi Kirche ins Zentrum zu stellen. Viele Anglikaner sehen darin einen Hinweis darauf, dass sich der Papst als „Nachfolger Petri“ selbst in die Mitte rücken wollte; denn Jesus hat nach der Überlieferung Petrus aufgefordert, diese Kirche aufzubauen und zu führen.
Mit diesem unausgesprochenen Anspruch trat der Papst den verschiedenen anglikanischen Geistlichen in der Abtei entgegen, die sich dort zuhause fühlen, aber diverse Orientierungen vertreten und zum Teil so zerstritten sind, dass einige konservative Gruppen vielleicht den vom Papst 2009 angebotenen Weg der Ablösung gehen und mit ihrem Bischof zur Papstkirche „zurückkehren“. Sie würden Newman folgen, der sich nach einem halben Leben als Anglikaner der apostolischen Tradition und dem Nachfolger Petri untergeordnet hatte, sprich: katholisch wurde.
„Religion ist dumm“, stand auf Plakaten
In seinem Abendgebet vor 80.000 Pilgern am Samstagabend im Londoner Hyde Park stellte der Papst diesen Newman ins Zentrum, als „Vorbild der Leidenschaft für die Wahrheit“ und das Gewissen. Newman, der im Alter von 89 Jahren 1890 starb, sei ein Mann der Moderne gewesen. Seine Botschaft sei auch für die heutige Zeit gültig, sagte Benedikt weiter, in der „intellektueller und moralischer Relativismus“ die „wahren Fundamente“ der Gesellschaft zu untergraben drohten. Der Papst verlangte von den Gläubigen Mut zum Martyrium. Heute werde man „für die Treue zum Evangelium nicht mehr gehängt“, sagte er, aber häufig „lächerlich gemacht oder verspottet“. Das hatten jene Pilger erleben müssen, die auf dem Weg zum Hyde Park auf einige tausend Anti-Papst-Demonstranten stießen. „Religion ist dumm“, stand auf Plakaten der bunt gemischten Masse aus Atheisten, Humanisten und Laizisten, die auf ihrem Marsch vom Park zum Regierungsviertel gegen eine untergeordnete Rolle der Frauen in der Kirche, den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen sowie die Ablehnung von Abtreibung und Verhütungsmitteln protestierten und eine kirchliche Doppelmoral anprangerten.
Am Sonntag - während seiner letzten Messe auf der Reise vor gut 55.000 Menschen zur Seligsprechung Newmans im Cofton Park von Birmingham - erinnerte der deutsche Papst zunächst an den siebzigsten Jahrestag der Luftschlacht über England. Er beklagte „beschämt und entsetzt“ das Leid und die Zerstörung, die deutsche Bomben im nahegelegenen Coventry anrichteten, und forderte dazu auf, für Frieden und Versöhnung einzutreten. Bei dem Bombardement 1940 starben fast 600 Menschen, die Altstadt brannte aus und nur die Außenmauern der Kathedrale blieben stehen.
Seligsprechung Newmans
Der Papst würdigte Newmans Rolle als Lehrer. Joseph Ratzinger selbst hatte dessen Schriften 1946 als Seminarist kennengelernt und war - nach seinem Vorwort für Newmans deutsche Ausgabe der Autobiographie „Apologia pro vita sua“ von 1990 - vor allem von dessen Lehre zum Gewissen in den Bann gezogen worden. „Wir hatten den Anspruch einer totalitären Partei erlebt, die sich selbst als Erfüllung der Geschichte verstand“, schrieb Kardinal Ratzinger damals und zitierte zur Veranschaulichung einen NS-Führer: „Ich habe kein Gewissen. Mein Gewissen ist Adolf Hitler.“
So sei es für ihn als Seminaristen befreiend gewesen, „dass das ,Wir' der Kirche nicht auf dem Auslöschen des Gewissens beruhte“. Weil Newman den Menschen „vom Gewissen her, das heißt im Gegenüber von Gott und Seele deutete, war aber auch klar, dass dieser Personalismus kein Individualismus ist und diese Bindung an das Gewissen nicht Freigabe in die Beliebigkeit“, schrieb Ratzinger. Von Newman her habe er damals selbst den Primat des Papstes verstanden, der in seiner apostolischen Nachfolge Christi und Petri Gesetzgeber und Richter sei. In der „Apologia“ vollzieht Newman seinen langen Weg zur Anerkennung dieses Primats nach. Darin heißt es dann auch, er würde zunächst stets einen Toast auf das Gewissen, dann erst auf den Papst ausbringen.
Bei der Eucharistiefeier in Birmingham verwendete Benedikt einen Kelch aus dem Eigentum des neuen Seligen. Das Evangelium trug der 71 Jahre alte Diakon Jack Sullivan. Er war nach Gebeten zu Newman von einer Wirbelsäulenerkrankung gesundet, die von der Kirche als unerklärliche Genesung, mithin als Wunder anerkannt worden war, eine Voraussetzung für eine Seligsprechung.
Wie verjüngt wirkte Benedikt XVI. vor seiner Rückkehr nach Rom
Der Papst sagte bei der Messe: „Der Kardinal erinnert uns daran, dass die Treue zum Gebet uns allmählich verwandelt und Gott ähnlich werden lässt.“ Benedikt nannte Newman einen „Vater der Seelen“. So wie Newman Ratzinger als Seminaristen belehrt und beseelt hatte, könnte der katholische Kirchenlehrer Newman heute Wegbereiter jener Anglikaner werden, die zum Katholizismus konvertieren wollen.
Auf den verregneten Straßen Birminghams jubelten die Massen dem Papst zu; er verließ sein Automobil und segnete Jung und Alt. Wie verjüngt wirkte Benedikt XVI. am Abend vor seiner Rückkehr nach Rom. Vatikansprecher Federico Lombardi nannte den Besuch nüchtern einen „spirituellen Erfolg“.
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