Auch jordanische Gebiete gehörten von jeher zum „Heiligen Land“ des biblischen Geschehens. Wie seine Vorgänger Paul VI. und Johannes Paul II. ist daher auch Benedikt XVI. in den Staat der haschemitischen Dynastie gereist. Schon die heilige Egeria besuchte den Berg Nebo, auf einem Felsen im Moab über Totem Meer und Jordangraben. Die wohl aus Südfrankreich stammende Pilgernonne berichtete am Ende des vierten Jahrhunderts über eine klösterliche Gemeinschaft auf dem Berg. Die Mönche hatten sich an jener Stelle niedergelassen, an der Gott dem Mose (5. Mose, 34) der Überlieferung nach das den Israeliten verheißene Land zeigte: „Ich habe dich mit deinen Augen schauen lassen, aber dort hinüber sollst du nicht kommen.“ Irgendwo dort soll Moses auch begraben worden sein.
Der Blick vom Berg Nebo
Von der Stelle, von der aus der Papst an diesem Samstag kurz nach 9 Uhr morgens mit der Sonne im Rücken vom Berg hinunterblickt, sieht man das Tote Meer. Nördlich davon erkennt man unschwer Jericho mit seiner grünen und fruchtbaren Oase, die älteste, heißeste und am tiefsten gelegene Stadt der Welt. Dahinter erheben sich im Westen die kargen Berge Judäas.
Bei klarer Sicht markieren drei Türme auf dem Ölberg über Jerusalem den Horizont: das Monument der hebräischen Universität, der Kirchturm der deutsch-evangelischen Himmelfahrtskirche auf dem Areal der Auguste-Viktoria-Stiftung und die russische Himmelfahrtskirche.
1932 hatte die franziskanische Custodie den Bergsporn des Nebo gekauft und dort nach dem Bericht der heiligen Egeria die Überreste des byzantinischen Klosters gesucht und gefunden.
Heute ist das Areal touristisch entwickelt. Doch auch Reisebusse und Pilgermassen können den Zauber des weiten Blickes nach Westen und der farbenfrohen Mosaike mit Tierszenen und Erntedarstellungen in der Kirche nicht stören.
Danach besucht der Papst die „jordanische Taufstelle“
Johannes Paul II. wurde im Jahre 2000 noch von Michele Piccirillo geführt, jenem franziskanischen Bruder und Archäologen, der mit seinem besonderen Interesse für byzantinische Mosaike eine ganze Generation von Forschern geprägt hat.
Piccirillo erlag Ende 2008 einer schweren Krankheit und wurde seinem Wunsch gemäß im Klostergärtchen beigesetzt. Die Nebo-Mosaike entstammen der Schule von Madaba, einem noch heute christlich geprägten Städtchen in der Nachbarschaft.
Dort ist im Altarraum der Kirche St. Georg die wohl älteste biblische Landkarte als Mosaik zu bewundern. Sie entstand einer Widmung zufolge 542 und zeigt in ihrem Zentrum die Altstadt von Jerusalem, mit ihren Kirchen und zentralen Achsen - so wie sie heute noch besteht. Seit ein paar Jahren gibt es in Madaba wieder eine Mosaikenschule, die die alte Kunst neu pflegt.
Nach Nebo und Madaba wird der Papst am Sonntag auch die „jordanische Taufstelle“ am Jordan aufsuchen. Während auf der israelischen Seite nur Kirchen aus der Neuzeit stehen, gibt es am jordanischen Ufer ein ausgedehntes Areal von Ruinen mehrerer byzantinischer Kirchen und Eremitagen mit altem Pilgerhospiz und einem ausgeklügelten Wassersystem. Das ist nach Ansicht von Archäologen wie Piccirillo die Taufstelle Jesu „in Bethanien jenseits des Jordan, wo Johannes taufte“ (Johannes I, 28).
