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Bischöfin Käßmanns Scheidung Gabe Gottes

20.05.2007 ·  Hannovers Bischöfin Margot Käßmann lässt sich scheiden. Das gab es bei einer amtierenden Bischöfin noch nie - eine Herausforderung für ihre Kirche. Ihren Rücktritt hat noch keiner gefordert, aber kann sie noch glaubhaft die christliche Botschaft verkünden?

Von Cornelia von Wrangel
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„Der liebe Gott testet sein Bodenpersonal“, soll sie gewitzelt haben, als bei ihr Brustkrebs diagnostiziert worden war. Nach Operation und Bestrahlung meinte sie einmal lakonisch: „Das Bischofsamt macht ja nun nicht unverwundbar.“ Das ist noch gar nicht lange her. Damals, im vergangenen Oktober, war Bischöfin Margot Käßmann knapp zwei Monate nach dem Eingriff wieder voll im Dienst, sprach davon, wie sie darum gebetet habe, dass sie ihr fröhliches Herz behalte, und auch darüber, dass sie sich die Frage gestellt habe: Wie weit reicht deine Kraft? Wie bringe ich das den anderen bei?

Nun wird Hannovers Landesbischöfin wieder getestet, ist sie wieder verwundet. Aber auch jetzt lässt ihr Pflichtgefühl kaum einen Diensttermin aus. Eben hat sie noch verkündet, sie lasse sich scheiden, am Tag danach nimmt sie schon an einer Sitzung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) teil, überreicht einen Internetpreis, fährt tags darauf in eine kleine Gemeinde in der Nähe von Uelzen, stellt sich am vergangenen Sonntag in der Marktkirche in Hannover auf die Kanzel und predigt vor ökumenischer Prominenz, wohl wissend, dass alle sie beäugen, nach dem Motto: Wie sieht sie aus, hat sie schwarze Ringe unter den Augen, sagt sie etwas?

Zwischen Betroffenheit und Zweifel

Frau Käßmann sagt nichts, lehnt fast alle Interviewanfragen ab. Es geht ja auch keinen etwas an, wenn die Liebe sich davongeschlichen hat. Nur ist bei einem kirchlichen Funktionsträger die Ehe keine reine Privatsache, ist eine Scheidung heikel, auch wenn es bei Pfarrersleuten ebenfalls oft dazu kommt. Ausgerechnet die Käßmann, die Vorzeigefrau des deutschen Protestantismus!

Seit zehn Tagen grübelt nicht nur das Kirchenvolk, schwankt zwischen der Betroffenheit über eine zerbrochene Ehe und dem Zweifel, wie sich dies mit einer glaubhaften Verkündung der christlichen Botschaft verträgt. Eine amtierende Bischöfin in Scheidung, das kannten die Kirche und ihr Volk bisher nicht. Frau Käßmanns Amtskollegin Bärbel Wartenberg-Potter in Lübeck ist zwar auch geschieden. Sie trennte sich jedoch vor ihrer Amtseinführung von ihrem Mann und war zu diesem Zeitpunkt wiederverheiratet.

Sie hat an Rücktritt gedacht

An die 2000 Pfarrer ihrer Landeskirche, die mit etwa 3,3 Millionen Mitgliedern die größte unter den 23 evangelischen Landeskirchen in Deutschland ist, hat sich die Bischöfin jedoch am Mittwoch in einem Brief gewandt. Ihr liege daran, schreibt Frau Käßmann, ihr Amt auch weiter in aller Verantwortung wahrzunehmen. Sie sei überzeugt, dass das Scheitern ihrer Ehe diesem Anspruch nicht entgegenstehe: „Die von mir zu erwartende Vorbildfunktion sehe ich darin, wahrhaftig zu sein.“ Die entscheidende Frage sei, ob die Kirche eine solche Belastungsprobe des Bischofsamtes verkraften könne. Dass sie an Rücktritt gedacht hat, erwähnt die Bischöfin zudem.

Bisher hat einen solchen Rücktritt kein namhafter Vertreter der Kirchenspitze gefordert. Auch in der Landessynode ist er kein Thema, nicht einmal für den Vorsitzenden der konservativen Synodalen, die ihr vor nun knapp acht Jahren die Stimme verweigerten und lieber Jürgen Johannesdotter, den jetzigen Bischof der Schaumburgischen Landeskirche, an der Spitze ihrer Kirche gesehen hätten.

„Wem stünden schnelle Urteile schon zu?“

Gerade einmal 41 Jahre zählte Margot Käßmann 1999, als sie nach Maria Jepsen Deutschlands zweite Bischöfin wurde - und die jüngste. Sie sei zu jung, zu intellektuell und als Mutter von vier Töchtern überfordert, beanstandeten denn auch ihre Kritiker. Sie sei keine Quotenfrau, hielt die promovierte Theologin dem selbstbewusst entgegen. Dass qualifizierte Frauen für wichtige Ämter kandidierten, sei in der Kirche selbstverständlich.

„Das Leben schreibt auch Geschichten“, sagt Michael Thiel, Vorsitzender ebenjener konservativen Gruppe „Lebendige Volkskirche“. Thiel hat Respekt vor dem Schritt der Bischöfin, „Achtung“ davor, dass sie sich nicht hinter einer „Fassade“ verberge. Niemand solle nun schnelle Urteile fällen, „wem stünde das schon zu“? Er glaubt auch nicht an eine spontane Entscheidung.

Gottes Gebot gilt unumstößlich

Wie er die Bischöfin kenne, mache sie so etwas nicht aus einer Laune heraus. Der Brief an die Pfarrer gibt ihm recht: Der Entschluss, sich scheiden zu lassen, sei kein Ergebnis von einigen Monaten, sondern das Resultat einer langen und gründlichen Prüfung, heißt es darin. „Es war für mich ein ungeheuer schwerer Schritt, zu dem viel Gottvertrauen gehörte.“

Werner Führer, Oberkirchenrat der Landeskirche Schaumburg-Lippe, wird dies wohl nicht überzeugen. Nach seiner Meinung sollte Frau Käßmann ihr Amt zur Verfügung stellen, ins zweite Glied zurücktreten, weil sie Pfarrer in Erklärungsnot stürze. Eine Scheidung könne jeden treffen, ihn auch, sagt er. Die Kirche müsse jedoch bezeugen, dass Gottes Gebot auch für ihre Amtsträger unumstößlich gelte. Diese könnten nicht gegen den ausdrücklichen Willen Gottes handeln, ohne die Kirche unglaubwürdig zu machen, findet Führer.

Bemerkenswerte Karriere

Auf die Bedeutung der Ehe, die bei den Protestanten kein Sakrament ist - auch darauf geht Frau Käßmann in ihrem Schreiben ein. Sie halte die Ehe nach wie vor „für eine gute Gabe Gottes, ein Leitbild auch, und denke, wer vor den Traualtar tritt, sollte entschlossen sein, lebenslang zusammenzubleiben, eben, bis der Tod uns scheidet“. Das hätten sie auch gewollt „und sind doch daran gescheitert“. Vor mehr als einem Vierteljahrhundert, vor 26 Jahren, gaben sich Eckhard und Margot Käßmann das Treueversprechen. Er ist ebenfalls Pfarrer, arbeitet seit drei Jahren in Kassel im Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, nachdem er zuvor Hausmann war.

Am Anfang ihrer Ehe teilten sich die beiden in Nordhessen ein paar Jahre lang eine Pfarrstelle. Da hatten sie ihr ältestes Kind schon. Heute sind die vier Töchter zwischen 16 und 25 Jahre alt. Und ihre Mutter kann auf eine bemerkenswerte Karriere verweisen: von der einfachen „Pfarrerin“ über das jüngste Mitglied im Weltkirchenrat (den sie allerdings wieder verlassen hat) und die Generalsekretärin des Evangelischen Kirchentages zur Oberhirtin in Hannover.

Neuanfang, nicht Strafversetzung

Gleichgültig, in welcher Rolle, Frau Käßmann hat sich immer zu Wort gemeldet, ob es um Arm und Reich geht, um homosexuelle Pfarrer, um Trennungsrituale für Geschiedene, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Ob sie nun allerdings den nächsten Sprung schafft, zur EKD-Ratsvorsitzenden gewählt wird und damit zur Nachfolgerin von Wolfgang Huber, wagt derzeit niemand zu sagen. Hubers Amtszeit endet in zwei Jahren.

Ihn hatte Frau Käßmann vor zehn Tagen von ihrem Entschluss ebenso informiert wie in Hannover den Kirchensenat, das leitende Gremium der Landeskirche, das sich nach einer internen Beratung einmütig hinter sie stellte. Wie alle evangelischen Pfarrer hat Frau Käßmann die Pflicht, ihrem Arbeitgeber die Trennung vom Ehepartner mitzuteilen. In der Hannoverschen Landeskirche müssen seit ein paar Jahren kein Pastor und keine Pastorin, die sich scheiden lassen, mehr die Stelle wechseln. Es sei denn, es liegen gravierende Umstände vor.

Die Landeskirche von Sachsen handhabt das beispielsweise anders; dort „sollte“, wie ihr Sprecher sagt, der Pfarrer sich um einen anderen Posten bemühen. Und auch dies wird nicht als Strafversetzung empfunden, sondern als Chance für einen Neuanfang. Denn bei einer Scheidung bleibe ja nichts beim Alten.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20.05.2007, Nr. 20 / Seite 4
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