20.11.2009 · Am Freitag hat das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) Alois Glück zum Präsidenten gewählt. Auch wenn der 69 Jahre alte CSU-Politiker nicht nach dem Amt drängte, macht ein anderer Umstand stutzig: Mit dem Wechsel im Präsidentenamt ist abermals kein Generationswechsel verbunden.
Von Daniel DeckersAn diesem Freitag hat das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) einen Mann zum Präsidenten gewählt, der dieses Amt weder erhofft noch erstrebt hat: Alois Glück, lange Jahre Vorsitzender der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag, dann dessen Präsident und noch immer Vorsitzender der Grundsatzkommission der CSU, ist an die Stelle von Hans-Joachim Meyer treten.
Der vormalige sächsische Wissenschaftsminister hatte nach zwölf langen Jahren an der Spitze der mehr als 150 Jahre alten und von den Bischöfen anerkannten katholischen Laienvertretung nicht wieder kandidieren wollen. Doch so gut das Omen ist, dass im Fall Glück das Amt zur Person kommt und nicht die Person nach dem Amt drängte, wie es bei der im Frühjahr an dem Einspruch der Bischöfe gescheiterten Kandidatur des ZdK-Vizepräsidenten Brockmann der Fall gewesen wäre - ein anderer Umstand muss stutzig machen: Mit dem Wechsel im Präsidentenamt ist kein Generationswechsel verbunden. Glück ist Jahrgang 1940, Meyer Jahrgang 1936.
Kein Generationswechsel
Es wäre jedoch zu kurz gegriffen, wollte man in der Nominierung eines annähernd Siebzigjährigen nur eine Folge intellektueller und personeller Auszehrung des in Vereinen, Verbänden und Räten organisierten Laienkatholizismus sehen. Denn in fast schon alltäglicher Verkennung der eigenen Aufgabe könnte sich das ZdK wieder einmal die katholische Hierarchie zum Vorbild genommen haben, und das gleich zweifach: So obsiegte in der Wahl des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz im Februar 2008 nicht der Münchner Erzbischof Marx, sondern der Freiburger Erzbischof Zollitsch. Zollitsch ist Jahrgang 1938, sein Vorgänger Lehmann Jahrgang 1936. Indes war den deutschen Bischöfen nur recht, was den Kardinälen der Weltkirche drei Jahre zuvor angemessen erschienen war: Nachfolger des im Alter von annähernd 85 Jahren verstorbenen Papstes Johannes Paul II. (Jahrgang 1920) wurde der sieben Jahre jüngere deutsche Kardinal Joseph Ratzinger.
Sollte es Zufall sein, dass in jüngerer Zeit drei einschneidende Amtswechsel keinen Generationswechsel mit sich brachten? Oder prägt sich in den Personalentscheidungen vielmehr ein Muster aus, das Rückschlüsse auf den Zustand der katholischen Kirche in weiten Teilen Westeuropas zulässt?
So unterschiedlich die Lebenswege und Charaktere der drei in Rede stehenden Männer sind, so repräsentieren sie eine Sozialgestalt des Glaubens, die als Volkskirche bezeichnet wird. Alle drei wuchsen in Milieus auf, in denen das Kirchenjahr den Alltag beeinflusste und es weit über die Familie hinaus selbstverständlich war, den Glauben auch öffentlich zu leben. Alle drei stehen für die Möglichkeit des Aufstiegs aus einfachen Verhältnissen in Funktionseliten von Kirche und Politik. Alle drei stehen für eine konservativ-wertgebundene Einstellung gegenüber Gesellschaft, Staat und Wirtschaft. Und jenseits unterschiedlicher theologischer Denkformen und kirchenpolitischer Optionen haben alle drei ein grundsätzlich affirmatives Verhältnis zu der Modernisierung der Kirche, für die bis heute die Chiffre „Zweites Vatikanisches Konzil“ (von 1962 bis 1965) steht.
„Generation Konzil“
Ratzinger, Zollitsch und Glück waren damals junge Männer, die wie so viele ihrer Generation große Erwartungen an das Konzil hegten. Fünfzig Jahre später müssen sich die Angehörigen dieser „Generation Konzil“ eingestehen, dass vieles von dem, was sie sich erhofft hatten, nicht in Erfüllung ging. In Westeuropa ist der Anteil der bekennenden Katholiken wie die Zahl der Geistlichen und Ordensleute so gering wie seit Menschengedenken nicht, die Volksreligiosität verdunstet, die Prägekraft des christlichen Ethos in Politik und Gesellschaft ist im Schwinden begriffen.
Aus diesem Blickwinkel betrachtet, könnte die jeweilige Wahl der drei Männer einem menschlichen, allzu menschlichen Kalkül gehorchen: Inmitten einer zunehmend ort- und verbindungslosen Kirche verkörpern sie eine vertraute Vergangenheit. Sie sollen Sicherheit geben, dass sich der Gestaltwandel von einer Glaubensgemeinschaft, in die man hineingeboren wurde, zu einer Kirche, in der und für die kaum noch etwas selbstverständlich ist, im Großen wie im Kleinen in so weit wie möglich geordneten Bahnen vollzieht.
Mehr als eine neuerliche Hoffnung ist dieses Kalkül nicht. Und es ist ein Streben nach Zeitgewinn, bei dem die Risiken mindestens so groß sind wie die Chancen. Papst Benedikt XVI. sucht in seinen Enzykliken die Fragen zu beantworten, denen er einst seine Antrittsvorlesung gewidmet hatte. Erzbischof Zollitsch ist dem Alter und Habitus nach eine Generation älter als die neue EKD-Ratspräsidentin Käßmann, und welche Wege Alois Glück, der einzige Kandidat für das Amt des ZdK-Präsidenten, dem sich mal als kirchlicher Betriebsrat, mal als papierfüllende Allparteienkoalition gerierenden Gremium weisen will, wissen seine Wähler bis heute nicht. Jedoch wäre schon viel gewonnen, wenn wenigstens in Deutschland die Zeit genutzt würde, um die richtigen Fragen nach dem Woher und dem Wohin der Kirche zu stellen. Dazu gehört auch zu prüfen, wer künftig für die geistige und organisatorische Führung geeignet ist.
Daniel Deckers Jahrgang 1960, in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.
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