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Wikileaks vor der Zerreißprobe Der Aufstand gegen Julian Assange

28.09.2010 ·  Wikileaks zerlegt sich: Führende Aktivisten kündigen dem Gründer die Gefolgschaft. Der soll mit einigen Medien die Publikation eines riesigen Irak-Konvoluts vorbereiten. Seine eigene Truppe begehrt auf: Assanges Vorgehen gefährde Menschenleben.

Von Michael Hanfeld
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Das Online-Netzwerk „Wikileaks“ fliegt auseinander. Warum das so ist, kann man in dem amerikanischen Magazin „Wired“ nachlesen: Der autokratische Gründer von Wikileaks, Julian Assange, hat offenbar vor, am 18. Oktober 392.000 als geheim klassifizierte Dokumente der Amerikaner über den Krieg im Irak ins Netz zu stellen. Und er hat offenbar mit verschiedenen Medien schon Absprachen über die Publikation des Konvoluts getroffen. Daraufhin verweigerte ihm nicht nur der bisherige deutsche Sprecher, Daniel Domscheit-Berg alias Daniel Schmitt, die Gefolgschaft. Nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sollen knapp zwei Dutzend führende Wikileakianer den Aufstand proben. Es werden schon Planspiele in Umlauf gebracht, eine Gegen-Plattform zu errichten.

Was die Dokumentenfreaks in Unruhe versetzt, ist nicht nur die Selbstherrlichkeit, mit der Assange zu Werke geht. Es ist auch nicht nur sein rüder Umgangston. Es ist das offenbar fehlende Verantwortungsbewusstsein im Umgang mit den Dokumenten und Quellen. Schon als 77.000 Seiten eines insgesamt 92.000 Seiten starken Afghanistan-Konvolut online gestellt wurden, warnten Kritiker, dass dadurch zahllose Menschenleben in Gefahr gerieten. Längst nicht alle Namen derer, die mit den alliierten Truppen in Afghanistan kooperierten oder auch nur in Kontakt standen, sind geschwärzt worden. Die Betroffenen sind damit für die Taliban zum Abschuss freigegeben.

Ähnliches droht bei einer Veröffentlichung der Irak-Dokumente. Diese sei viel zu schnell geplant, um die Papiere sorgfältig zu sichten und Namen auszublenden, kritisieren Wikileaks-Insider. Doch hat Assange schon gezeigt, was er von derlei Bedenken hält. Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ (Reporters sans Frontieres), die ihn wegen der Afghanistan-Geschichte der fehlenden Sorgfalt gescholten hatte, kanzelte er als „Reporter sans Facts“ ab (siehe Wikileaks: Rausschmiss im Geheimen). Intern äußert er sich, wie bei „Wired“ nachzulesen ist, noch drastischer. „Ich bin das Herz und die Seele dieser Organisation, ihr Gründer, ihr Philosoph, ihr Sprecher, ihr ursprünglicher Programmierer, Organisator, Finanzier und alles andere. Falls du ein Problem mit mir hast, verpiss dich“, zitiert „Wired“ eine Mail, die Assange einem isländischen Aktivisten schickte: Wikileak wurde geleakt.

Selbstgekrönter Imperator

So zeigt sich, dass Daniel Domscheit-Berg, der sich am Wochenende im „Spiegel“ äußerte und damit seine Identität preisgab, mit seiner Kritik nicht allein ist. Assange sei „nicht irgend jemandes König oder Gott“, hatte Domscheit-Berg in einem internen Chat geschrieben: „Und im Moment erfüllst du nicht einmal deine Aufgabe als Anführer.“ Ein solcher nämlich kommuniziere und schaffe Vertrauen. Assange sorge für das Gegenteil: „Du verhältst dich wie eine Art Imperator oder Sklavenhändler.“

In die Debatte hat sich auch der Mitbegründer der Internetenzyklopädie „Wikipedia“, Jimmy Wales, eingeschaltet. Er glaubt, Wikileaks habe auch deshalb so viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen, weil es den schon eingeführten Namenszug „Wiki“ trägt, was sehr unglücklich sei. Wales will mit Assange nicht in einen Topf geworfen werden. Er distanziere sich von Wikileaks und wünsche sich, sie würden einen anderen Namen verwenden: „Sie sind kein Wiki.“ Wikipedia versteht unter dem Begriff eine im Internet „verfügbare Seitensammlung, die von den Benutzern online geändert werden kann“.

Misstrauen gegen die eigene Mannschaft

Auch Wales meint, dass es unverantwortlich sei, ganze Konvolute als geheim klassifizierter Dokumente zu veröffentlichen. Das könne Menschenleben in Gefahr bringen. Es sei zwar wichtig, „Whistleblowern“, Informanten also, den Weg zu ebnen, doch seien dafür journalistische Integrität und Verantwortungsbewusstsein vonnöten. Wikileaks zeige den Hang, „absolut alles veröffentlichen zu wollen“, sagte Wales bei einer Konferenz in Kuala Lumpur, und das könne „sehr, sehr gefährlich sein“. Verfüge man über sensible Informationen, so Wales, sei es wichtig, sich auf verantwortungsvolle Journalisten zu verlassen, die Dinge sichteten. „Das ist viel besser, als dass alle möglichen verrückten Informationen in Netz gekippt und deshalb Menschen getötet werden.“

Man kann den Schritt Assanges, über die Veröffentlichung des riesigen Irak-Konvoluts Absprachen mit Medien getroffen zu haben, allerdings auch genau als jene Sicherungsmaßnahme sehen, deren Fehlen im Fall der Afghanistan-Papiere ihm angekreidet wird. Das aber wäre zugleich ein Misstrauensvotum des Anführers gegen seine eigene Truppe. Kein Wunder, dass diese ihm jetzt die Gefolgschaft verweigert.

Wikileaks zerlegt sich: Führende Aktivisten künden dem Gründer die Gefolgschaft. Der soll mit einigen Medien die Publikation eines riesigen Irak-Konvoluts vorbereiten. Seine eigene Truppe begehrt auf.

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Jahrgang 1965, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Medien“.

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