21.03.2009 · Mehr als 30.000 Menschen haben in Winnenden und Umgebung Abschied von den Opfern des Amokläufers Tim K. genommen. Bundespräsident Köhler sagte im Anschluss an den Trauergottesdienst zu den Angehörigen: „Ganz Deutschland trauert mit Ihnen. Sie sind nicht allein.“
Von Rüdiger Soldt, WinnendenIn Winnenden sind Bundespräsident Köhler, Bundeskanzlerin Merkel und der baden-württembergische Ministerpräsident Oettinger nach dem Ende des Trauergottesdienst und des offiziellen Staatsaktes zum Gespräch mit Angehörigen der Opfer zusammengetroffen. „Ganz Deutschland trauert mit Ihnen“, hatte Köhler zuvor in seiner Rede gesagt. Mehr als 30.000 Menschen hatten sich in der Stadt und in der Region Stuttgart versammelt, um von den Toten symbolisch Abschied zu nehmen. In der Kirche selbst waren rund 800 Trauergäste anwesend.
Der ökumenische Gottesdienst und der Staatsakt in der Winnender St. Karl Borromäus-Kirche wurden allein im Rems-Murr-Kreis in mehr als 15 Hallen, Kirchen oder Stadien übertragen. Den Trauergottesdienst hielten der württembergische evangelische Landesbischof Otfried July und der katholische Bischof Gebhard Fürst von der Diözese Rottenburg-Stuttgart.
Landesbischof: „Auch den Täter nicht totschweigen“
Am Gottesdienst nahmen 250 der unmittelbaren Angehörigen der Opfer sowie die Klassenstufen 9 und 10 der Albertville-Realschule teil. Auch Bundespräsident Horst Köhler, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier (SPD) und Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) nahmen teil. Der Amokläufer Tim K. hatte vor anderthalb Wochen an dieser Schule neun Schülerinnen und Schüler, drei Lehrerinnen, dann auf der Flucht drei weitere Menschen und schließlich sich selbst getötet.
Nach den Eingangsgebeten trugen Freunde brennende weiße Kerzen für jedes einzelne der Opfer nach vorn an den Altar. In einer Fürbitte wurde für den 17-jährigen Täter um Vergebung gebeten. Der evangelische Landesbischof July sagte im Gottesdienst: „Der Riss der vergangenen Tage bleibt, die Trauer, der Schmerz.“ Viele trügen lange oder sogar für ihr ganzes Leben daran.
„Nicht die letzte Macht für die Todesbilder“
Christliche Hoffnung und Glauben sei es aber auch, dass „diese schrecklichen Bilder nicht das letzte Wort haben“. Er bete zu Gott, dass er neue „Bilder des Lebens und der Hoffnung aufleuchten“ lasse. Die Todesbilder dieser Welt, die wir so oft sehen müssten, dürften nicht die „letzte Macht“ haben. Es gelte, alle Trauer, alle Rachegedanken vor Gott auszusprechen.
Man dürfe auch den Täter Kim T. nicht totschweigen, „abgeschieden von den Opfern“ werde auch dieses Bruchstück seines Lebens vor Gott gestellt. July mahnte auch, darauf zu achten, welche Bilderwelt wir als prägend für Kinder und Jugendliche zuließen: „Kehrt um, wo falsche Bilder und falsche Verhaltensweisen unter uns sind.“
„In den offenen Armen Gottes“
Der katholische Bischof Fürst sagte, Gott wisse um die Tränen und die Trauer der Menschen, er sehe das Leid und die Not. „Gott weiß selbst um unseren Tod - er trägt ihn mit uns. Gott kommt uns entgegen auf den schweren Wegen dieser Tage“, sagte Fürst. Die von Schmerz erfüllten Fragen nach dem Warum der Tat könnten aber auch vor Gott gebracht werden, so der Bischof. Christliche Hoffnung sei es, dass „Ihre Kinder, Ihre Kolleginnen, Ihre Angehörigen in den offenen Armen Gottes liegen. Sie sind gehalten von seiner Liebe. Gott selbst ist nahe und schenkt neues Leben“, sagte Fürst den Trauergästen.
Über gesellschaftspolitische Konsequenzen, die aus dem Amoklauf gezogen werden könnten, äußerte er sich zurückhaltender als sein evangelischer Kollege: Jetzt sei noch die Zeit der Trauer, der Klagen und der Schreie, es sei noch zu früh „Rezepte für künftiges Verhalten“ zu formulieren. Als Bibeltext wurde eine Stelle der Offenbarung des Johannes verlesen. Darin heißt es: „Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen: Der Tod wird nicht mehr sein, keine Trauer, keine Klage, kein Mühsal. Denn was früher war, ist vergangen.
Köhler: „Ganz Deutschland trauert mit Ihnen“
An den Gottesdienst schloss sich ein Staatsakt mit Reden von Bundespräsident Köhler und Ministerpräsident Oettinger (CDU) an. Bundespräsident Köhler sagte laut Redemanuskript: „Ganz Deutschland trauert mit Ihnen. Sie sind nicht allein.“ Es sei gut zu wissen, „dass unser Land in dieser Stunde der Trauer zusammensteht und dass Menschen überall auf der Welt Teil dieser Trauergemeinde sind“.
Zugleich forderte Köhler Politik und Gesellschaft auf, gegen gewaltverherrlichende Computerspiele und Filme vorzugehen. In „ungezählten Filmen und Computerspielen“ stünden extreme Gewalt, die Zurschaustellung zerstörter Körper und die Erniedrigung von Menschen im Vordergrund. „Sagt uns nicht der gesunde Menschenverstand, dass ein Dauerkonsum solcher Produkte schadet?“, fragte Köhler. „Dieser Art von Marktentwicklung sollte Einhalt geboten werden“, forderte der Bundespräsident. (Die Rede des Bundespräsidenten im Wortlaut)
Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) sagte in seiner Rede: „Der 11. März 2009 wird für immer ein trauriger Tag in der Geschichte unseres Landes bleiben. Er ist eingebrannt in unser kollektives Gedächtnis.“ Aus der Tat dürfe man „keine einfachen und schnellen“ Lehren ziehen. Sie sei eine Mahnung, dass die Gesellschaft „nicht in unterschiedliche Welten mit unterschiedlichen Werten und Regeln auseinanderbrechen“ dürfe.
Hoffnungen der überlebenden Schüler
Die Zukunftspläne und Hoffnungen der Opfer des Amoklaufs sollen nicht in Vergessenheit geraten - zum Zeichen dafür trugen viele Schüler der Albertville-Realschule in Winnenden am Samstag bei der Trauerfeier schwarze T-Shirts mit dem grünen Schriftzug: „Ich habe einen Traum.“ In der Kirche St. Karl Borromäus legten die Schüler Symbole neben den Altar; diese sollten an die Wünsche der getöteten Opfer erinnern.
Darunter war ein Zeugnisheft, das nach den Worten der Schulleiterin Astrid Hahn für die Prüfungen steht, die das Leben stellt. Hände symbolisierten die Hilfsbereitschaft und das Zupacken, Ringe standen für Freundschaft, ein Tanzkleid für Lebensfreude und Sonnenblumen für das Licht.
Schulleiterin Hahn erinnerte an die berühmte Rede „I have a dream“ des schwarzen Bürgerrechtlers Martin Luther King. „Wir möchten nicht, dass diese Träume und Hoffnungen in Vergessenheit geraten“, sagte sie. „All diese Träume können uns Kraft und Mut geben für unser Weiterleben.“
Eltern: „Berichterstattung über Amokläufer einschränken“
Vor dem Beginn der Trauerfeier hatten in ganz Württemberg 15 Minuten lang die Kirchenglocken geläutet. Die Bischöfe hatten die Gemeinden aufgerufen, auf diese Weise ihre Verbundenheit mit den Angehörigen auszudrücken. Die Familien von fünf der beim Amoklauf getöteten Schüler hatten am Morgen in einem offenen Brief politische Konsequenzen aus der Tat gefordert. In dem Schreiben, das die „Winnender Zeitung“ am Samstag veröffentlichte, appellieren sie an Bundeskanzlerin Merkel, Ministerpräsident Oettinger und Bundespräsident Köhler, den Zugang für Jugendliche zu Waffen zu erschweren.
Außerdem fordern sie, Gewaltdarstellungen im Fernsehen einzuschränken, Killerspiele zu verbieten und den Jugendschutz im Internet auszubauen. Sie schlagen auch vor, die Berichterstattung der Medien über Amok-Täter zu reglementieren. (siehe Winnenden - Chronik eines Amoklaufs)
11. März 2009
9.30 Uhr: Der 17-jährige Tim K. dringt in Winnenden (Rems-Murr- Kreis) in die Albertville-Realschule ein und erschießt während des Unterrichts acht Schülerinnen und einen Schüler im Alter von 14 bis 15 Jahren sowie drei Lehrerinnen.
9.33 Uhr: Ein Notruf eines Schülers aus der Realschule geht bei der Polizei ein.
9.35 Uhr: Eine Streife mit drei Beamten trifft am Tatort ein und verhindert damit ein noch größeres Blutbad. Der Täter flüchtet, nachdem er einen Schuss auf die Beamten abgegeben hat.
9.43 Uhr: Zwei Interventionsteams der Polizei dringen in das Gebäude ein und finden die zwölf Leichen. Auf dem Weg in die Innenstadt erschießt der Amokläufer einen Mann, der im Zentrum für Psychiatrie gearbeitet hat.
Gegen 9.45 Uhr: Der Täter ist in die Innenstadt von Winnenden unterwegs. Er kidnappt auf dem Parkplatz der Psychiatrie den 41- jährigen Fahrer eines VW Sharan und zwingt ihn mit der Waffe zur Fahrt durch Stuttgart auf die Autobahn A81 in Richtung Süden. Wegen eines Staus lässt der Täter die Richtung in das 40 Kilometer vom Tatort entfernte Wendlingen (Kreis Esslingen) ändern.
Kurz vor 12.00 Uhr: An einer Kontrollstelle der Polizei beim Autobahnkreuz Wendlingen bremst der Fahrer und fährt auf eine Böschung zu, um sich kurz darauf aus dem rollenden Wagen zu retten und die Beamten zu alarmieren. Der Täter flüchtet zu Fuß zum Industriegebiet in Wendlingen.
12.01 Uhr: Der Täter betritt ein VW-Autohaus in Wendlingen, fordert einen Wagen und erschießt einen Kunden (46) sowie einen Verkäufer (36) während des Verkaufsgesprächs, als seine Forderungen nicht sofort erfüllt werden.
12.05 Uhr: Als der Amokläufer aus dem Autohaus kommt, eröffnet die Polizei das Feuer und verletzt den jungen Mann am Bein, der sich dann auf einem Parkplatz versteckt. Bei dem Schusswechsel werden zwei Beamte schwer verletzt.
12.30 Uhr: Die Beamten finden den Täter zwischen einer Wand und einem parkenden Fahrzeug tot auf dem Rücken liegend. Er hat sich selbst gerichtet.
18.45 Uhr: In Winnenden werden die toten Schüler und Lehrer aus der Schule in Leichenwagen abtransportiert.
19.00 Uhr: Zum ökumenischen Trauergottesdienst für die Opfer in der katholischen Kirche St. Karl Borromäus in Winnenden erscheinen hunderte Besucher.
12. März 2009:
- Es wird bekannt, dass die Eltern von Tim K. ihren Wohnort Leutenbach bereits am Mittwoch zunächst verlassen haben.
- Landesinnenminister Heribert Rech (CDU) gibt vorschnell bekannt, dass der Todesschütze seine Tat im Internet angekündigt hat. Tim K. habe unter Depressionen gelitten und sich behandeln lassen, die Therapie aber nicht fortgesetzt.
- Die Betreiber der Seite www.krautchan.net, wo Tim K. seine Amokdrohung platziert haben soll, teilen mit, der angebliche Foren-Eintrag sei manipuliert und gefälscht gewesen.
- Auch die Waiblinger Polizei teilt später Zweifel an der Echtheit des Eintrags in dem Internetchatroom mit. Es gebe keinen Beweis, dass Tim K. diesen Eintrag selbst verfasst habe. Innenminister Rech räumt in der „Süddeutschen Zeitung“ ein: „Irgendein Verrückter hat wohl eine schlimme Falschmeldung in die Welt gesetzt.“
13. März 2009:
- Innenminister Rech weist Kritik an der Ermittlungspanne zurück. Die Polizei rätselt über das Motiv des Amokläufers.
- Trittbrettfahrer halten die Polizei in Atem. Nachahmungstäter werden festgenommen. Landesjustizminister Ulrich Goll (FDP) fordert härtere Strafen für sie.
14. März 2009:
- Unter großer öffentlicher Anteilnahme wird in Winnenden das erste Opfer des Amokläufers beigesetzt.
- Der Amokläufer war nach Auskunft seiner Eltern nie in psychotherapeutischer Behandlung. Die Ermittler widersprechen dem.
- Polizei und Staatsanwaltschaft berichten, sie hätten neben Killerspielen auch eine Menge Pornobilder von nackten und gefesselten Frauen auf dem PC des Todesschützen gefunden.
- Die Eltern von Tim K. erwägen strafrechtliche Schritte gegen den Leiter des Klinikums Weissenhof in Weinsberg, Matthias Michel. Mit seinen Aussagen über die Behandlung des 17-Jährigen wegen psychischer Probleme habe er seine Schweigepflicht gebrochen.
15. März 2009:
- Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) macht sich für bessere Kontrollen von Waffenbesitzern stark. Politiker von SPD und Grünen fordern eine Verschärfung des Waffenrechts.
16. März 2009:
- Die Staatsanwaltschaft Stuttgart leitet gegen den Vater des Amokläufers ein Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Tötung in 15 Fällen ein. Der Junge hatte für die Tat Waffe und Munition des Vaters benutzt.
17. März 2009:
- Winnenden bereitet sich auf einen Massenansturm bei der zentralen Trauerfeier am Samstag (21. März) vor. Bürgermeister Norbert Sailer rechnet mit bis zu 30.000 Gästen.
- Ermittler sehen einen deutlichen Zusammenhang zwischen den Killerspielen von Tim K. und dem Blutbad.
- Der Amokläufer hat sich mit einem Kopfschuss selbst gerichtet, sagt die Staatsanwaltschaft Stuttgart. Demnach schoss sich Tim K. am Ende seiner Flucht in die Stirn.
- Die Familie des Amokläufers Tim K. spricht in einem offenen Brief erstmals den Opfern des 17-Jährigen ihr Mitgefühl aus.
18. März 2009:
- Eine Woche nach dem Amoklauf gedenkt Baden-Württemberg um 10 Uhr mit einer Schweigeminute der 15 Opfer. Der Bundestag befasst sich mit den Folgen des Massakers.
- Laut Innenminister Rech sind von 82 Amokdrohungen 61 geklärt.
19. März 2009:
- Nach dem Amoklauf geben immer mehr Bürger im betroffenen Rems-Murr- Kreis ihre Waffen freiwillig ab.
21. März 2009:
- Die Familien von fünf beim Amoklauf getöteten Schülern wenden sich in einem offenen Brief an die Politik und fordern Konsequenzen aus der Tat.
- Tausende Menschen gedenken in Winnenden bei der zentralen Trauerfeier des Landes Baden-Württemberg der Opfer des Amoklaufs.