01.06.2010 · Soll Lena wirklich noch einmal für Deutschland antreten? Überträgt der NDR jetzt auch Raabs „Autoball-WM“? Und warum hält sich Ralph Siegel für den einzigen deutschen Grand-Prix-Sieger? Der Triumph von Oslo hinterlässt Fragen über Fragen.
Lena ist auch am Montag noch Lena. Sie plaudert bei der Pressekonferenz am Mittag in Stefan Raabs Kölner Studio über ihr Abitur („kein Ding der Unmöglichkeit“), würde keinen WM-Song singen („Nääh!“), pariert Fragen nach ihrer musikalischen Zukunft („Ich möchte bitte nie Schlagerstar sein“), drückt ihr Bedürfnis nach Erholung aus („jetzt ist erst mal ein bisschen Schnucki“), zeigt immer wieder ihre Nähe zu Raab (nennt zum Beispiel das „TV-total“-Studio „mein Zuhause“), ist beeindruckt von der Veranstaltung in Oslo („wahnsinnig hochgradig toll organisiert“) und ihrem Wandel von einer faulen Schülerin zur engagierten Sängerin („habe noch nie so viel gearbeitet – das war ’ne krasse Umstellung“). Aber bei persönlichen Fragen der Journalisten ist – presse- und persönlichkeitsrechtlich weitsichtig – Schluss. Nicht einmal das Domradio kann sie zu einem Kommentar verleiten zu ihrer per Kreuzanhänger dokumentierten Verbindung zu Taizé.
Lenas Rückkehr nach Hannover
Auch am Montag herrscht in Hannover noch Ausnahmestimmung: Lena ist nicht nur die jüngste, die sich in das Goldene Buch der Stadt eintrug („Wow! Verdammte Axt ist das geil! Dankeschönst. Leni“), sondern auch die erste in der Stadtgeschichte, die zweimal innerhalb von zwei Monaten feierlich im Rathaus gefeiert wurde. Selbst der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) ließ sich anstecken. Er empfing sie mit Blumen am Flughafen und hat den Siegertitel „Satellite“ nun als Klingelton im Handy. Den Refrain des Liedes sang sie auf der Bühne vor dem Rathaus vor 40.000 jubelnden Zuhörern, die sie in strömendem Regen mit dem Fangesang „Ich liebe deutsche Land“ begrüßten. Raab sagt am Montag in seiner Pressekonferenz zu dem Empfang am Flughafen in Hannover mit 3000 Fans und dem Autokorso zum Rathaus: „Ich hatte Gänsehaut im Gesicht.“
Kritik von Ralph Siegel
Nur einer ist nicht lenaistisch geschult. Ralph Siegel besteht darauf, noch immer der einzige deutsche Grand-Prix-Sieger zu sein, da es sich um einen Komponisten- und Texter-Wettbewerb handele, sagte er der „Berliner Zeitung“. „Satellite“ sei ein dänisch-amerikanischer Song. Raab, darauf angesprochen, schüttelt nur mit dem Kopf. Aber Siegel hat Recht: Die eigentlichen Grand-Prix-Gewinner sind eine Amerikanerin und ein Däne. Julie Frost und John Gordon saßen in Oslo im Publikum und mussten zur Siegerehrung erst gesucht und dann auf die Bühne geholt werden, damit sie ihren Preis entgegennehmen konnten. Julie Frost arbeitet in Atlanta für „RedZone Entertainment“, ein Unternehmen, das auf die Produktion von Hits spezialisiert ist – aus dem Haus stammt zum Beispiel „Umbrella“ für Rihanna. Der Däne John Gordon, der auch schon mit Rihanna, Mary J. Blige und Beyoncé zusammengearbeitet hat, kennt Frost seit etwa zwei Jahren. Ihr gemeinsam geschriebenes Lied „Satellite“ gehörte zu den etwa 300 Songs, die über Universal Music den Teilnehmern von „Unser Star für Oslo“ angeboten wurde. Der Titel kam in die engere Auswahl und wurde vom Publikum zu Lenas Grand-Prix-Lied gewählt. Nun können sich Frost & Gordon große Hoffnungen machen, dass „Satellite“ zumindest in Europa noch einmal die Hitlisten stürmen wird.
Zwischentöne aus dem „TV total“-Studio
Ausnahmsweise kommt es am Montag im Studio von „TV total“ auf die Zwischentöne an. Der Intendant des NDR, Lutz Marmor, darf die gemeinsame Pressekonferenz mit Lena und Stefan Raab eröffnen. Aber kaum hat er begonnen, rollt Raab mit seinem Stuhl zurück und macht hinter seinem Rücken Fotos von Lena und den Fotografen. Als Marmor von den „erheblichen Kosten“ der Ausrichtung eines „Eurovision Song Contest“ (ESC) spricht, frotzelt Raab: „und erheblichen Gebührenerhöhungen“. Auch die nächsten 60 Minuten wird der Fernsehunterhalter dominieren. Einige hätten ja gedacht, sagte er, es sei ein Scherz, dass er Lena auch im nächsten Jahr in den ESC schicken wolle. „Es ist aber keiner.“ Lena solle ihren Titel verteidigen, und die Zuschauer sollten entscheiden, welches Lied sie singe. „Ich glaube, dass alle finden, dass das ’ne tolle Idee ist.“ Thomas Schreiber, Koordinator für Unterhaltung in der ARD, sagt zustimmend, ein anderer Musiker hätte es ohnehin schwer, den Vergleich mit Lena auszuhalten. Raab meint gar, es gebe „moralisch, musikalisch und ethisch“ gar keine andere Möglichkeit. Marmor schaut versteinert, sagt aber hinterher, es gebe in der Tat Länder, in denen einzelne Musiker mehrere Lieder präsentierten, aus denen das Publikum dann wählen könne. Als ob die Sticheleien gegen den NDR noch nicht genug wären (obwohl Raab von „unseren Freunden“ beim NDR spricht, im Vergleich allerdings zu „unseren Liebhabern“ bei Pro Sieben), macht er ungeniert Werbung für seine Sendungen, unter anderem mit dem bemerkenswerten Satz, Lena werde auch bei der „Autoball-WM“ am Freitag auftreten – „und das wird der krönende Abschluss des Eurovisions-Spektakels“. Überträgt das jetzt auch der NDR?
Eurovision in Deutschland - der Star steht fest, nur die Stadt noch nicht
Im nächsten Jahr kommt der Eurovision Song Contest nach Deutschland, und mit ihm zigtausende Fans aus ganz Europa. In welcher Stadt das Spektakel stattfinden soll, ist aber noch nicht klar. Ganz oben auf der Bewerberliste steht Berlin, die Hauptstadt. Hier findet die Popkomm statt, hier ist MTV, hier ist auch jede Menge Platz. Bei 110 000 Hotelbetten dürften auch im nächsten Mai noch einige zu bekommen sein. Mögliche Veranstaltungsorte: die O2-Arena oder auch Tempelhof. Klaus Wowereit, der immer dabei ist, wenn das Showbusiness in seiner Stadt Station macht, hat vorsorglich schon mal zugesagt. Auch Hannover als Heimatstadt des Stars will Austragungsort werden. Kaum war in Oslo das letzte Konfetti gefallen, sagte Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff, es wäre toll, wenn der Song Contest in die „Medienstadt“ käme. Spätestens seit der Expo vor zehn Jahren kann man dort mit großen Besucherströmen umgehen. Das Messegelände bietet genug Raum. Im Rathaus gibt man sich selbstbewusst und bereitet schon einmal das Konzept vor. Ältere Ansprüche meldet allerdings Hamburg an. Die Heimatstadt des NDR fiebere seit Jahren mit dem Grand Prix mit, lässt Bürgermeister Ole von Beust verlauten. Aus Hamburg werden die deutschen Punkte per Liveschaltung vergeben, und an der Reeperbahn feiern jährlich Tausende die größte deutsche Eurovisions-Party. Als Austragungsort bietet sich die O2-World an, die größte Konzerthalle der Stadt. Und schließlich Köln, wo Stefan Raabs Produktionsfirma Brainpool sitzt und die nationale Vorauswahl „Unser Star für Oslo“ stattfand. Köln liegt zentral, hat viele Hotelbetten und Ausweichmöglichkeiten (Bonn, Düsseldorf). Austragungsort könnte die Lanxess-Arena sein, am Rheinufer gelegen. Natürlich werde man sich um die Ausrichtung bemühen, heißt es im Rathaus. Raab selbst, auf der Pressekonferenz gleich mehrfach von Lokaljournalisten auf Köln angesprochen, macht schon mal Werbung: „Es gibt viele tolle Städte in Köln.“ Auch mit Veranstaltungsorten sollte es keine Probleme geben: „Im Zweifel kann man was bauen.“ Aber in diesem Fall hat wirklich der NDR das Sagen. Intendant Lutz Marmor sagt, die Entscheidung treffe der NDR in Abstimmung mit der ARD und der Europäischen Rundfunkunion (EBU). Noch in dieser Woche wird beim NDR ein Projektteam unter der Leitung von Thomas Schreiber für die Organisation eingesetzt. Bewerbungen also bitte an den NDR, Rothenbaumchaussee 132-134, 20149 Hamburg.
Auch der Termin ist noch unklar
Noch steht aber nicht einmal fest, wann der 56. ESC stattfindet. Die EBU hatte sich vor einigen Tagen zwar schon auf den 21. Mai 2011 festgelegt. Doch an dem Tag findet das DFB-Pokalfinale statt, das turnusgemäß von der ARD übertragen werden muss (das ZDF zeigte das diesjährige Endspiel). Schon in diesem Jahr wurde wegen eines Fußballspiels der Grand Prix um eine Woche nach hinten verschoben: Am ursprünglich in Moskau anvisierten Termin, dem 22. Mai 2010, fand das Endspiel der Champions League statt – dagegen hätte es die Übertragung aus Oslo sicher schwer gehabt. Auch um mögliche Moderatoren wird schon gerungen. Beste Chancen hätten wohl Hape Kerkeling (womöglich auch als Uschi Blum) und Anke Engelke. Im Internet jedenfalls haben sich etwa auf Facebook schon etliche Gruppen gebildet, die sich für die beiden einsetzen. Zwei Mal schon fand ein Grand Prix in Deutschland statt: 1957 moderierte die Schauspielerin Anaid Iplicjianin den zweiten Gesangswettbewerb in Frankfurt, vor 27 Jahren, nach dem Sieg Nicoles im Jahr 1982, führte Sängerin Marlène Charell in München durch den Abend.