30.05.2010 · Lena hat es allen gezeigt: Nach 28 Jahren führt sie unser Land zum langersehnten Ziel und gewinnt mit großem Vorsprung den 55. Eurovision Song Contest in Oslo. Und auch beim Heimspiel in Deutschland könnte sie wieder dabei sein.
Von Peter-Philipp Schmitt, Oslo„Muss ich jetzt noch mal singen?“ Die Frage war ernst gemeint, wie man an dem leicht erschreckten Gesicht erkennen konnte. Und die Antwort konnte ihr natürlich jeder in der Telenor-Arena von Oslo geben: Ja, Lena, du musst noch mal singen. Der Gewinner des „Eurovision Song Contest“ hat stets die Ehre, sein Lied noch einmal vortragen zu dürfen. „O.K.“, sagte Lena. Und: „Kann mal jemand die Blumen nehmen?“
Was keiner für möglich gehalten hatte: Wir sind Grand Prix. Nach 28 sieglosen Jahren hat Deutschland wieder gewonnen. Eine kaum 19 Jahre alte Hannoveranerin ohne Gesangsausbildung überzeugte fast ganz Europa von ihren musikalischen Qualitäten. Das Ergebnis fiel zwar nicht so klar aus wie der Sieg des Norwegers Alexander Rybak im vergangenen Jahr. Aber Lenas Vorsprung war mehr als deutlich. Sie lag mit 246 Punkten 76 Zähler vor Manga aus der Türkei (170 Punkte), gefolgt von den Rumänen Paula Seling & Ovi (162 Punkte). 39 Länder waren stimmberechtigt, Deutschland war, nachdem das siebte Land (Kroatien) seine Punkte vergeben hatte, erstmals und danach bald und für jedermann erkennbar auch uneinholbar in Führung.
Sie forderte es zur Revanche ein
Lena blieb zunächst noch erstaunlich gefasst. Sie saß mit Stefan Raab und all den anderen Teilnehmern im „Green Room“, und irgendwie schwante ihr wohl schon, was auf sie zukommen würde. Die Hälfte der Länder hatte ihre Punkte bereits verlesen, und Deutschland lag tatsächlich noch immer auf Platz eins. Wie sie sich fühle, wollte Moderator Erik Solbakken wissen. Sie sei wie kurz vor dem Ausflippen, stotterte Lena auf Englisch und ergänzte sofort, dass das Ganze ja noch nicht zu Ende sei. Aber im Moment fühle es sich gut an. Dann verbarg sie ihr Gesicht in ihrem Schoß. Später erzählte sie, dass ihre Begleiter kurz danach mehrfach zu ihr gesagt hätten, dass sie doch schon gewonnen habe. Sie habe es aber nicht geglaubt. „Sie sagten, oh mein Gott, wir haben gewonnen, und ich dachte nur, da müssen doch noch Länder ausgezählt werden. Dabei verstand ich nicht, dass ich schon nicht mehr einzuholen war.“
Als das Ergebnis feststand und sie auf der großen Bühne in der Arena bejubelt wurde, tauchte sie noch einmal kurz ab. Sie zog eine deutsche Fahne über Kopf und Gesicht. Gerade hatte ihr Alexander Rybak die gläserne Siegestrophäe überreicht. Verschmitzt hielt er ihr dabei die Wange hin, damit sie ihn küsste, was sie auch versuchte. Da er ihr aber noch schnell den Kopf zudrehte, traf sie auf seinen Mund. Später gab es doch noch ein Wangenküsschen – von ihm: Sie forderte es zur Revanche ein. Als sie dann erste Worte finden sollte, sagte sie etwas Lena-Typisches: „Hallo. Ich denke, ich bin nicht stark genug, um das die ganze Zeit in der Hand zu halten.“ Sie meinte die Trophäe, die ein Mikrofon darstellen soll. Später folgte ein weiteres Lena-Bonmot zu ihrem Sieg: „Das ist phantastisch, aber das ist auch nicht das Leben.“ Trotzdem werde sie sich darüber freuen so viel sie nur könne. Und sie vergaß auch nicht ihr Publikum: „Ich danke euch wie ein kleines Hundebaby für eure großartige Unterstützung.“ Auf dem Rückweg, hinter der Bühne, warteten Kronprinzessin Mette-Marit und der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg auf sie. Die beiden Ehrengäste gratulierten Lena und schüttelten auch den beiden eigentlichen Gewinnern die Hand: der Amerikanerin Julie Frost und dem Dänen John Gordon, von denen Lenas Lied „Satellite“ stammt.
Lena steckte das alles weg
Lena schien in ihrer Welt. Wie es war, wollte ein Reporter des norwegischen Fernsehens wissen. Sie könne sich, sagte sie, an nichts erinnern. Nur soviel: „Ich habe es für Deutschland gemacht.“ An was sie wohl dachte? Die große Zustimmung in den vergangenen Tagen und Wochen, den riesigen Erfolg in Deutschland, die rekordverdächtigen Plattenverkäufe? Ihre Single „Satellite“ war sofort auf Platz eins geklettert, ihr Album „My Cassette Player“ ebenfalls. Was war nicht alles erst in Oslo über sie hereingestürzt: Die Begeisterung der Norweger für sie schien grenzenlos, der Jubel, der ihr bei jeder Probe, bei jedem Auftritt entgegenschlug, der Zuspruch, ja die Bewunderung von Seiten ihrer Konkurrenten auch. Der Franzose Jessy Matador, der mit 82 Punkten auf Platz zwölf landete, fiel ihr nach ihrem Sieg als einer der ersten um den Hals. Nicht nur Vorjahresgewinner Rybak hatte Lena von Anfang an favorisiert und geradezu hofiert, was zu allerlei Spekulationen führte. Auch die Buchmacher in England und überhaupt die Wettbüros in ganz Europa hatten sie auf Platz eins gesehen.
Lena steckte das alles weg. Oslo, der Grand Prix, der Erfolg waren ihr zwar wichtig, ihr Abitur aber war ihr wichtiger. Und so reagierte sie genervt, als die erste Frage nach dem Finale ihrem Abitur galt. Ob ihr das denn jetzt immer noch wichtig sei. „Klar“, sagte sie, „Abitur ist immer wichtig. Aber warum fragen Sie mich denn jetzt nach dem Abitur?“ Jetzt zähle doch ihr Sieg. Stefan Raab, Entdecker, Mentor, Freund und vor allem ihr Beschützer, plante schon weiter: „Ich denke, die Siegerin sollte im nächsten Jahr im eigenen Land ihren Titel verteidigen. Das heißt, wenn Du mitmachst, Lena.“ Kein Zögern, kein Zaudern: „Ich wäre dabei.“ Für noch einen Titel? „Wenn es drauf ankommt, dann bin ich da.“
Einzig auf Stefan Raab hört sie
Schon bei „Unser Star für Oslo“ hatte Lena bewiesen: Sie ist eine Rampensau. Locker plauderte sie vor dem Finale live mit dem Moderatoren-Duo auf der Hamburger Reeperbahn, wo Zehntausende die Show in Oslo auf riesigen Leinwänden verfolgten. Kurz vor ihrem Auftritt, alle Künstler wurden auf ihrem Weg zur Bühne eingeblendet, kreuzte sie ihre Finger und lächelte tapfer in die Kamera. Danach war sie so gut wie nie zuvor. Jede Bewegung, jede Geste drückte Freude und Lust an dem aus, was sie besonders gerne macht: singen.
Sie glaubte vielleicht nicht an ihren Sieg, doch sie allein gewann – in ihren drei Minuten. Sie war als Lena perfekt. Nie hat sich diese junge Frau verbogen oder verbiegen lassen, hat stets ihr Ding gemacht, sich auf der Bühne bewegt, wie sie wollte, gesungen, wie sie wollte, angezogen, was sie wollte. Einzig auf Stefan Raab hört sie. Und der Pro-Sieben-Mann hat alles richtig gemacht – nach Erfahrung und Instinkt, denn planen kann selbst ein Stefan Raab keinen Grand-Prix-Sieg.
Ihn befördern aber schon. Vor allem, wenn einem dabei geholfen wird. Die norwegischen Zeitungen widmeten Lena zehn Tage lang täglich Artikel. Mal war es ein Bericht mitsamt Fotos von einem „romantischen Duett“ auf einem Schiff mitten im Fjord mit dem Teilnehmer Norwegens, Didrik Solli-Tangen. Dann gab es wieder Bilder von Lena und dem ESC-Held von 2009, Alexander Rybak. Mal verkündete Solli-Tangen, er wolle für Lena Kuchen backen, Rybak ließ daraufhin am nächsten Morgen wissen, er werde Lena gleich eine ganze Kuh schenken. Über so viel Werbung konnte sich ganz Deutschland freuen, die zwölf Punkte aus dem Gastgeberland waren fast schon absehbar. Und auch der Rest Europas schoss sich auf Deutschland ein. Was hatte sich die dem Grand Prix seit Anbeginn und mit 54 Teilnahmen besonders treu verbundene Nation in all den Jahren unverstanden gefühlt, sich das „Germany, twelve points“ herbei gesehnt. Neun Mal bekam Deutschland in diesem Jahr die Höchstpunktzahl, dazu fünf Mal zehn und vier Mal acht Punkte. Nur fünf Länder beließen es bei null Punkten: Weißrussland, Israel, Moldau, Georgien und Armenien.
Siegerkonferenz - klar, aber was genau sagen?
Der NDR, eigentlich federführend für den Eurovision Song Contest, hatte sich auf den Sieg erst gar nicht vorbereitet. Ein Sieg erschien den Verantwortlichen trotz Lenas wochenlanger Favoriten-Stellung doch zu unwahrscheinlich. Als er sich dann bei der Punktevergabe abzeichnete, wurde aufgeregt hinter den Kulissen überlegt, was denn nun zu tun sei. Siegerkonferenz – klar, aber was genau sagen? Eiligst wurden erste Statements formuliert und noch in Rohfassung hinaus in die Welt geschickt. Thomas Schreiber, ARD-Unterhaltungschef und der Mann, der sich die erstaunliche Kooperation zwischen der öffentlich-rechtlichen ARD und dem Privatsender Pro Sieben ausgedacht hat, konnte dann immerhin schon zum großen Empfang am Sonntag Nachmittag in Hannover einladen. Und dort wurde Lena natürlich von Landesvater Christian Wulff persönlich noch auf dem Rollfeld am Flughafen empfangen. Wulff hatte Lena noch in der Nacht gratuliert: „Das ist ein großer Tag für Deutschland und natürlich auch für Niedersachsen.“
Ihr großer Tag endete für die Hannoveranerin allerdings früher, als die deutschen Fans in Oslo es sich erhofft hatten. Ganze zehn Minuten beehrte sie ihre eigene Siegesparty. Mit der deutschen Delegation traf sie nach zwei Uhr am Sonntag morgen im Hotel Radisson Blu Plaza ein, in dem viele der Künstler und ihre Entourage die vergangenen zwei Wochen verbracht hatten. Selbstverständlich wurde Cliff Richards „Congratulations“ (auf Platz zwei 1968) gespielt und auch der Siegertitel „Satellite“. Kurz darauf war Lena schon wieder verschwunden. Andere blieben länger und freuten sich über ihre guten Plazierungen. Der Grieche Giorgos Alkaios, seit bald zwei Jahrzehnten einer der erfolgreichsten Sänger seines Landes, wurde natürlich auch auf Lena angesprochen: „Ich habe von Anfang an gesagt, dass sie unter die besten drei kommt.“ Der Türke Ferman Akgül von der zweitplazierten Rockband Manga zeigte sich ebenfalls großzügig: Das Lied sei toll, und Lena habe den Sieg verdient.
„Unser Star für Berlin“
Lena feierte natürlich trotzdem, wenn auch nicht im großen Kreis. Mehr als zweieinhalb Stunden Schlaf bekam auch sie angeblich nicht. Und so ließ sie am Sonntagmittag auf sich warten. Ihr Flugzeug startete in Oslo verspätet in Richtung Hannover. Tausende Fans und auch der Ministerpräsident warteten geduldig. „Das ist krass, ihr seid ja verrückt. Es regnet, geht doch rein“, rief sie den Wartenden nach der Landung durch ein Megaphon zu.
Der Ministerpräsident hatte allerdings noch ein besonderes Anliegen: „Es wäre toll, wenn der Song-Contest nächstes Jahr in die Medienstadt Hannover kommt.“ Das aber dürfte wohl eher nicht der Fall sein. Wo der Grand Prix 2011 stattfinden wird, ist angeblich noch nicht klar. Lutz Marmor, der Intendant des NDR, sagte am Sonntagmorgen: „Jetzt feiern wir erst mal Lenas Sieg. In welcher Stadt das große Finale stattfindet, werden wir nach sorgfältiger Prüfung entscheiden.“ Es wird dann wohl doch auf eine Stadt hinauslaufen dürfte, in der der NDR gerade nicht beheimat ist, das gilt vielen längst als offenes Geheimnis. Und so können sich im Herbst junge Gesangstalente mit ziemlicher Sicherheit für eine Show bewerben, die „Unser Star für Berlin“ heißen wird. Oder Lena gewinnt im nächsten Jahr einfach ein zweites Mal für Deutschland.
Peinlich, peinlich Herr Wulf (und Frau Merkel)
Peter Freitag (PWFreitag)
- 30.05.2010, 20:34 Uhr
Tolles Mädchen, Diplomatenfamilie, Sie wissen schon, räusper - Ist ja gut jetzt
Chr. Schwiers (Chr.Schwiers)
- 30.05.2010, 21:22 Uhr
@ Peter Freitag - Natürlich gratulieren Volksvertreter
Paul Franklin (PaulSilas)
- 30.05.2010, 22:07 Uhr
Wer oder was ist Hannover?
Karl Wilhelm Goebel (kwg1a)
- 30.05.2010, 22:09 Uhr
Sie ist nicht Deutschland! Leider!
Martin Kropstat (kroppi38)
- 30.05.2010, 22:14 Uhr
Peter-Philipp Schmitt Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
Jüngste Beiträge