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Hauptstadt Nordrhein-Westfalens Die Welt ist ein Düsseldorf

09.05.2011 ·  Der „Schreibtisch des Ruhrgebiets“, Kapitale eines Bindestrich-Landes: Der „Eurovision Song Contest“ soll den Ruhm einer oft verkannten Stadt mehren. Denn Düsseldorf ist die Stadt hinter den Vorurteilen, es gibt hier wunderbare Ecken.

Von Reiner Burger, Düsseldorf
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Den Weg ins Düsseldorfer Rathaus zu finden, ist gar nicht mehr so einfach. Es wirkt wie der Hintereingang einer Bühne. Schon verdeckt ein Podest für das Rahmenprogramm des „Eurovision Song Contest“ (ESC) das Hauptportal des Rathauses. Auf dem Marktplatz rund um das Reiterstandbild Jan Wellems wird kräftig gewerkelt. Düsseldorf, das wird schon auf den Stufen seines Rathauses klar, tritt gern einen Schritt zurück, um groß rauszukommen. Vielleicht ist das der schönste Vorteil vor allem im Vergleich zu Berlin, wo der ESC und seine Fans irgendwo im Stadtbild versickert wären.

Natürlich waren Berlin, Hamburg und auch die Lena-Stadt Hannover schwer enttäuscht, als Düsseldorf im vergangenen Herbst den Zuschlag für den ESC bekam und nun Zehntausende Fans und viele hundert Musiker aus 25 Nationen bei sich empfangen darf. Doch selbst Berlin hat keine geeignete Großarena mit verschiebbarem Dach und massenweise Parkplätzen. Die gibt es nur im Norden Düsseldorfs gleich neben der Messe und nicht weit vom drittgrößten deutschen Flughafen. Also sehen 120 Millionen Fernsehzuschauer aus ganz Europa, aus Asien und Israel die Übertragung der beiden Zwischenrunden und des großen ESC-Finales am Samstag aus der Esprit-Arena. Viele von ihnen werden bei dieser Gelegenheit das erste Mal von der Existenz dieser Stadt erfahren. Es ist eine Riesenchance für Düsseldorf. Die Stadt will heraus aus ihrem europäischen Halbschattendasein.

„Das ist alles nur Neid“

Dirk Elbers (CDU) lässt sich zufrieden in ein beige Sofa in der Presselounge fallen, die er extra im Erdgeschoss des Rathauses hat einrichten lassen. Dort sollen es sich die Medienleute aus aller Welt bequem machen. Nein, die Schmähartikel, die jetzt leider hier und da in deutschen Periodika erscheinen über sein Düsseldorf, ärgerten ihn nicht, behauptet der Oberbürgermeister. „Das ist alles nur Neid.“ Die Stadt ist ein regionales Kraftzentrum: Auf 585.000 Düsseldorfer kommen heute 475.000 Arbeitsplätze. Düsseldorf wächst und gedeiht, zieht Unternehmen aus der Nähe und ungebrochen aus Fernost an. Schon vor Jahrzehnten kamen Japaner, in den vergangenen Jahren haben sich gleich dutzendweise chinesische Firmen angesiedelt. Aber dann redet sich Elbers doch in Rage über Artikel, in denen seine Stadt als eine „von Altbiertrinkern und überkandidelten Millionärsgattinnen“ bevölkerte „Kolonie“ verhöhnt wird.

All diese Düsseldorf-Klischees! Düsseldorf sei eine oberflächliche Stadt mit viel Chichi, lautet das beliebteste Vorurteil. Gern perpetuiert wird auch die Geschichte von der Düsseldorfer Ausgehuniform für die Königsallee, die aus Louis-Vuitton-Tasche, Accessoires von Cartier und Yorkshire-Terrier bestehen soll. Natürlich gab es früher die Metzgersgattinen aus Mönchengladbach, die zum Pelz-Auslüften auf der Kö wandelten. Natürlich gibt es heute die Neo-Reichen, die bis aus Russland kommen, um mit ihren schwarzen Boliden den Boulevard auf- und abzuprotzen.

Die Stadt hinter den Vorurteilen

Doch genauso unfair wie die Kö mit Düsseldorf gleichzusetzen wäre es, München nur noch über die Schwabinger Schickeria zu definieren. Zumal Düsseldorf nie nur Schickimicki-, sondern immer auch Arbeiterstadt war. Firmennamen wie Mannesmann stehen dafür oder bis heute natürlich Henkel. Noch vor wenigen Jahren war in Gerresheim, wo es einst eine große Glashütte gab, die DKP sehr aktiv.

Düsseldorf ist die Stadt hinter den Vorurteilen. Es gibt wunderbare stille Ecken, im mittelalterlichen Kaiserswerth etwa oder im vom Jugendstil durchwirkten Oberkassel. Selbst die angeblich „längste Theke der Welt“ in der Altstadt ist nicht nur Ballermann. Dass die Düsseldorfer vor bald zwanzig Jahren den Autoverkehr am Rhein einfach mit einer Promenade samt Liegewiese überdeckelten, war eine befreiende Großtat, die stadtgeschichtlich nur mit der Anlage des Hofgartens 1769 vergleichbar ist. Mit seinem Hofgarten war Düsseldorf einst München voraus. Denn der Englische Garten wurde erst 1792 für die Bürger geöffnet.

Düsseldorf, das angesiedelt ist zwischen dem ernsten, gesetzten, bescheidenen Bergischen Land und der weltoffenen, weiten niederrheinischen Tiefebene, hat den zweiten Blick verdient. Die Stadt leidet unter den Klischees. Aus dem Leiden erwächst ein Minderwertigkeitsgefühl. Und dieses versucht Düsseldorf dann manchmal mit Arroganz und Prunksucht zu verdecken. Es ist eine vertrackte Düsseldorfer Dialektik. Obendrein hatte Düsseldorf wirklich Pech.

Vom Industriestandort zu Dienstleistung, Kunst und Mode

Johann Wilhelm II., Kurfürst von der Pfalz, Herzog von Jülich-Berg, Pfalzgraf von Neuburg, genannt Jan Wellem, war ein Herrscher von europäischem Rang. Vieles hat ihm Düsseldorf zu verdanken. Zur leuchtenden Residenz wollte Jan Wellem seine Stadt aufputzen. Und es gelang ihm auch ganz wörtlich. 383 Laternen ließ der Kurfürst in seiner Residenzstadt aufstellen. Jan Wellem umbaute seinen Hof mit Oper, Marstall, Pagenhaus und manchem mehr. Seine große Leidenschaft für die Malerei wuchs sich in Düsseldorf zu einer der bedeutendsten Kunstsammlungen der damaligen Zeit aus. Doch Jan Wellem hinterließ keine Nachkommen. Als er 1716 starb, dauerte es nicht lange und Düsseldorf verlor seinen Status als Residenzstadt. Die pfälzischen Kurfürsten residierten fortan in Heidelberg, Mannheim oder München. So wurde auch die Düsseldorfer Gemäldesammlung zum Grundstock der Alten Pinakothek in München. In Düsseldorf aber gingen Jan Wellems Laternen aus. Und auch das Selbstbewusstsein der Stadt erlosch.

Der Wiederaufstieg Düsseldorfs war dann fremdbestimmt. Nach dem Wiener Kongress schuf Preußen die Rheinprovinz und machte Düsseldorf zum Sitz eines Landeshauptmanns und eines Provinziallandtags. Im Zuge der industriellen Revolution entwickelte sich die Stadt zum „Schreibtisch des Ruhrgebiets“. Nach dem Zweiten Weltkrieg machten dann die Briten Düsseldorf zur Hauptstadt des neugegründeten Bundeslandes Nordrhein-Westfalen. Doch so lange das Patchwork-Land mit seiner Identität hadert, so lange hadert Nordrhein-Westfalen auch mit seiner Hauptstadt. Noch vor zwanzig Jahren war es gar nicht so leicht, auf der Autobahn westwärts den Weg nach Düsseldorf zu finden. Denn während Oberhausen und Dortmund schon immer weiträumig ausgeschildert waren, fanden sich Hinweise auf Düsseldorf erst unmittelbar vor der Stadtgrenze. Die versteckte Stadt, hieß Düsseldorf damals. Das fügte sich auf merkwürdige Weise. Denn eine ziemlich larmoyante Stadt war Düsseldorf in jener Zeit, obwohl doch der Wandel vom Industriestandort dank vieler guter Anlagen hin zu Dienstleistung, Kunst und Mode längst reiche Früchte trug.

Helle, braune, gelbe, schwarze Gesichter

Erst mit Joachim Erwin, dem vor drei Jahren gestorbenen Oberbürgermeister, begann sich die Selbstwahrnehmung Düsseldorfs zu wandeln. Erwin hatte ein anstrengendes, undiplomatisches Ego. Aber der gebürtige Thüringer verstand es, den Düsseldorfer Minderwertigkeitskomplex in Dynamik zu transformieren. Dank Erwin ist Düsseldorf heute schuldenfrei und kann sich auch deshalb manche soziale Wohltat ebenso leisten wie den ESC, für den die Stadt statt der ursprünglich geplanten 7,8 Millionen Euro nun wohl doch zehn Millionen Euro ausgeben wird, aber auf einen „Werbewert“ für die „Marke“ Düsseldorf in Höhe von 200 Millionen Euro hoffen darf.

Viele bedeutende Projekte sind mit dem Namen des früheren Oberbürgermeisters verbunden. Die Arena gehört dazu. Den Spottnamen „Erwineum“ bekam das damals noch LTU-Arena genannte Stadion. Viele Düsseldorfer bezweifelten, dass man das Megastadion wirklich brauche. Zu erfolglos sei doch der Fußballverein Fortuna Düsseldorf, der damals noch in der dritten Liga kickte. Und Oberbürgermeister Elbers erinnert sich, auch Fortuna habe erst nicht in die „Kapitalistenschüssel“ gewollt. Heute spielt der Arbeiterverein aus dem Stadtteil Flingern in der zweiten Liga, hat gerade nur knapp den Aufstieg in die erste Liga verpasst und beginnt zum wichtigen Identitätselement einer Stadt zu werden, der gern vorgehalten wird, keine klare Idee von sich selbst zu haben.

Ohne die Arena hätte Düsseldorf den Zuschlag für den ESC nicht bekommen. Also brauchte Fortuna ein mobiles Ersatzstadion gleich daneben – für drei Heimspiele. Düsseldorf macht’s möglich. Und nutzt die mobile Fußballarena für seinen anrührenden, inoffiziellen ESC-Auftakt: 3500 aufgekratzte Grundschüler des Projekts „Singpause“ bejubeln sich, das Leben und die strahlende Sonne. Das junge Düsseldorf hat viele helle, braune, gelbe, schwarze Gesichter. Es lacht und singt erst „Freude schöner Götterfunken“ und natürlich auch „En Düsseldorf am Rhing“. Seit fünf Jahren kommen Musikpädagogen in alle Klassen von 50 Düsseldorfer Schulen. Zweimal pro Woche erteilen sie allen Kindern zwanzig Minuten lang Singunterricht. Singen verbindet. Und stärkt das Selbstbewusstsein des neuen Düsseldorf.

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Jahrgang 1969, politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

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