01.02.2011 · Beim Vorentscheid für den Eurovision Song Contest, der diesmal mit der Gewinnerin des Vorjahres ausgetragen wird, präsentierte sich eine neue Lena: Ein wenig fraulicher, eine Spur abgebrühter, und doch unverkennbar noch das quirlige Wunderkind aus Hannover.
Von Peter-Philipp SchmittDa war sie - die angeblich neue Lena. Zumindest hatte man sie so noch nie gesehen. Im bodenlangen altrosa Abendkleid, die Haare hochgesteckt, hinter ihr ein schwarzer Konzertflügel. Das war so gar nicht die ausgeflippte Abiturientin, die im vergangenen Jahr so überschäumend erst unser Star für Oslo wurde, dann unser Star von Oslo war und jetzt womöglich unser Star in Düsseldorf wird. Zu der überaus eleganten Robe sang Lena am Montagabend ein „richtiges Schreilied“, wie sie sagte. Gerecht wurde sie dem Song mit der Beschreibung allerdings nicht, den die Großnichte der großen Judy Garland, Audra Mae, und Ferras Alqaisi komponiert haben.
„Good News“ hieß nicht nur der erste Song des Abends, nach ihm ist auch das zweite Album von Lena benannt, das nächste Woche erscheinen wird. Ein griffiger Titel, sollte man meinen. Und wer verbreitet nicht gerne gute Nachrichten. Audra Mae sagt, es gehe in ihrem Lied um Situationen im Leben eines Menschen, in denen er so richtig glücklich ist - was aber leider nicht jeder verstehe. So hat ihr Lied durchaus auch einen leicht schwermütigen Einschlag. Den Song, sagt Audra Mae, habe sie nur zu gerne dem „Wunder von Oslo“ überlassen. Lena sei ja noch so jung, was vor allem ihren Zauber ausmache. „Good News“ schaffte es dennoch im ersten Halbfinale nicht. Das Lied fiel durch, genauso wie offenbar auch die neue Lena, die allzu unbeweglich im altrosa Abendkleid auf der Bühne stand.
Das schien zu passen
Schon beim zweiten Lied war sie aber wieder da - die alte Lena. Ein wenig fraulicher vielleicht, eine Spur abgebrühter, und doch unverkennbar immer noch das quirlige Wunderkind aus Hannover. Für „Maybe“ trug sie das bewährte schwarze Minikleid und die Haare offen. Die beiden Komponisten, Daniel Schaub und Pär Lammers, hatten schon im vergangenen Jahr für Lena ein Lied geschrieben („I Just Want Your Kiss“). Ein gutes Omen. In ihrem neuen Song mit starkem Refrain und etwas schwächeren Strophen geht es um alltägliche Unzulänglichkeiten. Das schien zu passen - „Maybe“ ist einer der Finalisten.
Sechs Lieder standen am Montagabend zur Wahl, nur drei kamen weiter ins nationale Finale, früher auch deutscher Vorentscheid genannt. Dass Lena nicht nur die erste, sondern die einzige Wahl für den diesjährigen „Eurovision Song Contest“ (ESC) ist, stand bereits seit der Finalnacht von Oslo im vergangenen Mai fest, seit Stefan Raab diese, vor allem auch seine Idee vollmundig verkündet hatte. Nun ist die Titelverteidigung in Düsseldorf Teil zwei der nationalen Aufgabe, wie Thomas Schreiber, ARD-Koordinator Unterhaltung und Teamchef für den ESC, sagt. „Dazu tritt eine bewährte und bereits siegreiche Mannschaft an.“
Die Idee der Titelverteidigung ist nicht neu
Zugleich aber gibt es bei „Unser Song für Deutschland“ keine Konkurrenten, sondern in zwei Halbfinals zwölf Mal Lena in zwölf verschiedenen Aufmachungen mit zwölf verschieden Liedern. Jeweils drei von sechsen kommen weiter, so dass Lena auch in der Endrunde sechs Mal gegen sich selbst antreten muss. Für dieses Konzept wurden die Initiatoren kritisiert, und dafür rechtfertigen sie sich noch immer.
Dabei ist die Idee der Titelverteidigung nicht neu. Gleich zu Beginn des ESC vor nunmehr fast 55 Jahren schien sie sogar fast zur Tradition zu werden. Lys Assia, die mit „Refrain“ den „Gran Premio Eurovisione Della Canzone Europea“, wie der Wettbewerb in Lugano offiziell hieß, 1956 gewonnen hatte, trat ein Jahr später ein zweites Mal für die Schweiz an: Sie wurde mit „L'enfant que j'étais“ achte - bei zehn Teilnehmerländern. Den zweiten „Grand Prix Eurovision“ 1957 in Frankfurt gewann die Niederländerin Corry Brokken mit ihrem Lied „Net als toen“, und auch sie ging ein Jahr später wieder ins Rennen - beim „Grand Prix Eurovision De La Chanson Européenne“ in Hilversum mit “Heel de wereld“. Sie bekam nur einen Punkt und landete auf dem letzten, dem neunten Platz. Lys Assia aber, die unverdrossen im Jahr 1958 ein drittes Mal teilnahm, erreichte mit „Giorgio“ einen zweiten Platz.
Seit damals hat sich niemand mehr an eine Titelverteidigung gewagt. Obwohl es gute Gründe gibt: zum Beispiel, dass Lenas internationale Bekanntheit automatisch dafür sorgen wird, dass ihr Song für Düsseldorf schon lange vor dem internationalen Finale ein Ohrwurm ist, was seine Chancen erheblich verbessern könnte. Darauf unter anderem hoffen die Verantwortlichen bei ARD und ProSieben.
Andererseits aber fehlt es der reinen Lena-Show, wie am Montagabend gesehen, in der es nur um unterschiedliche Lieder, nicht aber um verschiedene Sänger geht, an Spannung. Selbst wenn fast alles genauso ist wie im vergangenen Jahr - gleiches Studio, gleiches Bühnenbild, gleiche Moderatoren, gleiche Juroren, gleiche Musikbegleitung - und am Ende sogar abgestimmt wird. Das Gefühl, einem Wettbewerb beizuwohnen, stellt sich beim Fernsehzuschauer nicht ein.
Das ist zwar schade, doch damit war zu rechnen. Überraschend hingegen ist die Bandbreite der dargebotenen Beiträge. Schon vor einem Jahr begeisterte Lena bei ihren allerersten Auftritten durch ihre ungewöhnliche Liederwahl. Auch bei „Unser Song für Deutschland“ wagt sie sich mal an eine melancholische Ballade („I Like You“ von Johnny McDaid und Rosi Golan) und sitzt dabei mit Schellenkranz auf einem Barhocker, mal an eine halbe Big-Band-Nummer („That Again“, geschrieben von ihrem Mentor Stefan Raab persönlich), dann an ein fast experimentelles Elektroakustik-Stück („Taken By A Stranger“ von Nicole Morier, Gus Seyffert und Monica Birkenes) und singt zuletzt noch eine Eigenkomposition.
„What Happened To Me“ hat Lena Meyer-Landrut sich zunächst selbst vorgesungen und auf dem Iphone abgespeichert, dann mit Stefan Raab zu einer eingängigen Popnummer ausgebaut. Darin auch nachdenkliche Töne: „Some say I'm a star“ heißt es zum Beispiel - eine Abrechnung mit ihrem ersten Jahr als öffentliche Person Lena und ohne Meyer-Landrut ist der Song aber nicht.
Er schaffte es aber natürlich trotzdem eine Runde weiter, was nicht nur Höflichkeit der Autorin gegenüber war. „What Happened To Me“ ist wirklich nett anzuhören. Sollte das Lied allerdings zum diesjährigen deutschen Beitrag werden, dürfte Mitautor Raab nicht, wie bislang geplant, das ESC-Finale in Düsseldorf moderieren. Das verbietet das Reglement seit 2008, als der serbische Popsänger Željko Joksimović nicht nur als Komponist am Wettbewerb teilnahm, sondern auch als Moderator des Finals in Belgrad auf der Bühne stand. Er hatte für Jelena Tomašević aus Bosnien-Hercegovina den Titel „Oro“ geschrieben, mit dem sie auf Platz sechs kam. Auch wenn eine Beeinflussung nicht vorlag, die Europäische Rundfunkunion will mit dieser Bestimmung einer möglichen Manipulation vorbeugen.
Ob sich allerdings die Komposition von Raab und Lena am Ende überhaupt durchsetzt, ist fraglich. Richtig gut ist bislang eigentlich nur das sehr ungewöhnliche „Taken By A Stranger“, der dritte Beitrag, der es in die Endrunde schaffte. Mit welchem Lied Lena letztlich ihren Titel verteidigt, entscheidet sich erst nach dem zweiten Halbfinale am 7. Februar und im Finale am 18. Februar. Und mit Blick auf Düsseldorf gibt sich die Zwanzigjährige sehr bescheiden: Nur letzte möchte sie dieses Jahr nicht werden.
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Peter-Philipp Schmitt Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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