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Eurovision Song Contest „Lipstick“ und Tolle erobern Europa

 ·  Jedward sind kaum zu bremsen, Dana International dafür schon. Charles Aznavour singt für Bosnien-Hercegovina. Und Österreich schickt Whitney Houston ins Rennen - fast. Das zweite Halbfinale des Eurovision Song Contest hatte es jedenfalls in sich.

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An ihnen führte kein Weg vorbei. Die „Brothers Gaga“ mussten einfach ins Finale einziehen. Allerdings sind die irischen Zwillinge John und Edward Grimes, die sich Jedward nennen und unverkennbar eineiig sind, auch mehr als auf der Höhe ihrer Zeit. Sie sind als Gesamtkunstwerk wie Lady Gaga zu verstehen, und können so auch nur punkten. Ihre Stimmchen alleine wären viel zu dünn, um als Sänger Karriere zu machen. Und so kann es nicht schrill genug bei den beiden zugehen. Am Donnerstagabend sahen sie in ihren roten Glitzer-Jacken mit den riesigen Tollen auf den Schultern aus wie die Spielkarten-Männchen aus „Alice im Wunderland“.

Nicht nur auf der Bühne sind Jedward nicht zu bremsen. Sie zappeln und toben, stampfen und marschieren, hüpfen und machen einarmige Überschläge, sobald genügend Raum dafür da ist. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, dass sie sich nicht immer an die einstudierte Choreographie halten.

Das Pop-Duo ist in Irland derzeit die absolute Nummer eins. Nun erobern die beiden Europa mit ihrer unbeherrschbaren Ausgelassenheit, ihrem Ohrwurm „Lipstick“ und ihren markant nach oben gefönten und blondierten Haaren. Sie nämlich tragen inzwischen auch ihre Fans überall in Form von Kronen aus Papier auf den Köpfen.

Aus einer vergangenen Zeit - Dana International

Das genaue Gegenteil von Jedward war am Donnerstagabend Dana International. Weitgehend freudlos überstand sie die ganzen Tage in Düsseldorf. Ihre Auftritte spulte sie professionell ab, von Begeisterung keine Spur. Ein Funke sprang bei keiner ihrer Proben über, beklatscht, und bejubelt wurde nur die Ikone aus einer anderen Zeit. Hinter der Bühne blieb die Israelin unnahbar, Kameras mied sie regelrecht, mehrfach hieß es von Seiten der Neununddreißigjährigen: „Bitte keine Nahaufnahmen.“

Vor 13 Jahren war das ganz anders. 1998 in Birmingham gelang ihr mit „Diva“ ein europäischer Siegeszug. Die Transsexuelle konnte gar nicht genug Schlagzeilen produzieren. Nun war sie zum „Eurovision Song Contest“ (ESC) zurückgekehrt und mit ihrem selbstgeschriebenen „Ding Dong“ im zweiten Halbfinale einfach gescheitert.

Sie wusste wohl, was kommen würde. Als Anke Engelke nach und nach die zehn Finalisten bekannt gab, konnte man Dana International bereits am Gesicht ablesen, dass sie sich selbst schon aufgegeben hatte. Schade nur um die Jean-Paul-Gaultier-Robe („Haute Couture, natürlich!“), die nun dem ganz großen Publikum am Samstag vorenthalten bleibt.

Der Charles Aznavour aus Bosnien

Ein weiterer Rückkehrer schaffte hingegen den Einzug ins Finale. Und das war für viele eine Überraschung. Der Charles Aznavour aus Bosnien-Hercegovina, Dino Merlin, war allerdings bereits zweimal an einem Grand Prix beteiligt: 1993, als sein gerade gegründetes Land erstmals am ESC teilnahm, schrieb er für Fazla das Lied „Sva bol svijeta“, und 1999 trat er mit Beatrice Poulot und dem von ihm geschriebenen „Putnici“ in Jerusalem an.

Das Duo erreichte Platz sieben, das bislang zweitbeste Ergebnis für Bosnien-Hercegovina. Nun versucht sich Dino Merlin, der auf dem ganzen Balkan ein Star ist, an der weitgehend englischen, sehr eingängigen Popnummer „Love In Rewind“.

Dino Merlin, der mit fast 50 Jahren längst nicht älteste Teilnehmer des Abends, musste als erster auf die Bühne, die Iren von Jedward, gerade mal 19, waren die letzten. Zwischen ihnen liegen wirklich Welten. Doch darf man sich auf den ergrauten Mr. Bojangels im karierten Sakko genauso im Finale freuen wie auf die überdrehten Zwillinge.

Österreichs Whitney Houston

Auch mit den anderen Entscheidungen der zweiten Vorrunde kann man zufrieden sein. Für Österreich und die junge Nadine Beiler war der Finaleinzug besonders wichtig. Unsere Nachbarn hatten sich immerhin drei Jahre lang ganz vom Grand Prix zurückgezogen. Unter anderem Lenas Sieg im vergangenen Jahr hatte den Österreichern erst den ESC wieder nahe gebracht.

Mit der in wenigen Tagen zwanzigjährigen Innsbruckerin hat die Alpenrepublik eine sehr gute Wahl getroffen: Ihre Stimme ist gewaltig, ihr Auftritt erinnert an amerikanische Größen wie Whitney Houston oder Mariah Carey. Dazu passt ihr kleiner Gospelchor als Background, der erst zum Schluss ins Rampenlicht tritt. Anfangs steht die junge Künstlerin alleine im Lichtkegel und singt ihr unverfängliches „The Secret Is Love“.

Zufrieden darf man insofern auch sein, dass das nicht gerade erfolgsverwöhnte Weißrussland gestrauchelt ist. Die dumpfe, martialisch-patriotische Hymne von Anastasija Winnikowa „I Love Belarus“ hat eine Finalteilnahme nicht verdient, noch dazu wenn man weiß, wie wichtig dem letzten Diktator Europas, Alexander Lukaschenka, ein Grand-Prix-Sieg ist. Zum vom Regime vorgegebenen Gesangseinsatz passt der aggressive Auftritt der 30 Jahre alten Künstlerin, die bei jeder Liebeserklärung an ihr Land und damit an Lukaschenka die geballte Faust gen Arena-Himmel streckte.

Ein Ohrwurm aus London

Falls man den Ost-West-Gegensatz auch in diesem Jahr noch einmal bemühen möchte: Jeweils sechs Länder aus dem ehemaligen sowjetischen Machtbereich sind in den beiden Vorrunden weitergekommen, insgesamt acht der auserwählten Halbfinalisten zählen zu den klassischen ESC-Nationen. Da Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien im Finale gesetzt sind, hat der „Westen“ also knapp die Nase vorn. Musikalisch wiederum liegt der Norden klar in Führung vor dem Süden. Herausragend ist vor allem das Quartett aus Dänemark mit dem Namen „A Friend in London“. Ihr Lied „New Tomorrow“ ist ein Ohrwurm erster Güte, zeitgemäß und von hoher Qualität.

Gastgeber Deutschland kann entspannt dem Finale entgegensehen. Nicht etwa, weil sich Lenas Position verbessert hätte, das hat sie nicht. Im Gegenteil: Einige der Konkurrenten sind in den vergangenen Tagen stärker und besser geworden, ein Platz unter den besten zehn wäre für Deutschland schon ein Erfolg.

Beim zweiten Halbfinale haben allerdings alle Leitungen gehalten, die Kommentatoren waren in ihren Ländern gut zu hören, die technischen Probleme, die am Dienstagabend für peinliche Unruhe vor allem bei den ESC-Verantwortlichen von der ARD sorgten, scheinen also endgültig behoben.

Die Finalisten
1. Finnland
2. Bosnien-Hercegovina
3. Dänemark
4. Litauen
5. Ungarn
6. Irland
7. Schweden
8. Estland
9. Griechenland
10. Russland
11. Frankreich
12. Italien
13. Schweiz
14. Großbritannien
15. Moldau
16. Deutschland
17. Rumänien
18. Österreich
19. Aserbaidschan
20. Slowenien
21. Island
22. Spanien
23. Ukraine
24. Serbien
25. Georgien

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Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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