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Eurovision Song Contest „Du musst nicht jede Scheiße beantworten, Lena“

26.05.2010 ·  Spekuliert wird viel in diesen Tagen in Oslo. Auch darüber, warum Lena Meyer-Landrut bisher nur mit vier Background-Sängerinnen ihre Auftritte absolviert. Sollte etwa Stefan Raab höchstpersönlich beim großen Finale plötzlich neben Lena stehen?

Von Peter-Philipp Schmitt, Oslo
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Sie wird doch nicht etwa in einem dieser schlichten schwarzen Kleider auftreten, mit denen man sie seit Wochen im Fernsehen sieht? Doch, wird sie. Und an ihrer englischen Aussprache? Da feilt sie doch bestimmt in Oslo noch dran? Nein, kein bisschen. Einen „vocal coach“ wie im vergangenen Jahr, als die Hamburger Popdozentin Jane Comerford (Texas Lightning) ihr Bestes gab, um die Nummer „Miss Kiss Kiss Bang“ von Alex Swings Oscar Sings! doch noch bühnentauglich zu machen, gibt es in diesem Jahr für Lena nicht. Lena bleibt schlicht - Lena. Neuerdings sogar ohne Meyer-Landrut.

Spekuliert wird viel in diesen Tagen in Oslo. Auch darüber, warum Lena bisher nur mit vier Background-Sängerinnen ihre Auftritte absolviert. Das Grand-Prix-Reglement erlaubt nämlich bis zu sechs Personen auf der Bühne. Sollte etwa Stefan Raab höchstpersönlich am Samstag beim großen Finale des 55. „Eurovision Song Contest“ plötzlich neben Lena stehen? Schon 2004 ließ er es sich nicht nehmen, seinen Schützling Max Mutzke in Istanbul mit der Gitarre zu begleiten, auch wenn die Musik beim Grand Prix schon seit 1998 nur noch vom Band kommt. Auch Sir Andrew Lloyd Webber hielt es im vergangenen Jahr so: Bis zuletzt war nicht ganz klar, ob er wirklich am Flügel sitzen würde, um für Sängerin Jade das von ihm komponierte „My Time“ zu „spielen“. Er tat es - und Großbritannien konnte mit einem fünften Platz einen seiner größten Erfolge in der jüngeren ESC-Geschichte feiern.

„Toppløs“ im deutschen Fernsehen

Dementiert wird ebenfalls viel in diesen Tagen. Oder es wird erst gar nicht darüber gesprochen. Lena und Stefan Raab sind da gleichermaßen rigoros. Fragen nach der Familie werden weiterhin ignoriert oder abgewiesen („Du musst nicht jede Scheiße beantworten, Lena“, so Raab in einer der Pressekonferenzen). Für die deutschen Fans, die jedes Detail über Lena derzeit geradezu aufsaugen, ist das frustrierend. Doch wer würde es der Hannoveranerin verübeln, die seit genau vier Tagen 19 Jahre alt ist. Sie steht als „større favoritt“ (größte Favoritin) sowieso schon im Mittelpunkt des Interesses. Gegraben in ihrem Privatleben wird trotzdem. Und so wurde am Mittwoch aus der Deutschen „Skandale-Lena“, weil sie sich „toppløs“ im deutschen Fernsehen präsentiert habe. Ihr nackter Busen, über den das norwegische „Dagbladet“ erst jetzt groß berichtete, blitzte schon vor drei Wochen in den heimatlichen Boulevard-Blättern auf. Geschadet hat es Lena damals nicht. Und auch hier interessiert sich kaum jemand für solche Schlagzeilen.

Zwei Mal schon stand die deutsche Hoffnungsträgerin nun zur Probe auf der Bühne in der Telenor-Arena. Drei weitere Generalproben folgen am Freitag und am Samstag. Wesentliches ändern wird sie gewiss nicht mehr. Sie sei froh, dass nicht zwölf Tänzer um sie herumsprängen, sagt sie (was allerdings ja auch gar nicht erlaubt wäre). Ihre vier Sängerinnen indes würden ihr noch zusätzlich Sicherheit geben. Ganz alleine auf der Bühne, das würde sie nur noch nervöser machen (was man ihr allerdings kaum anmerkt). Und so präsentiert sie sich wie schon im Finale von „Unser Star für Oslo“. Dass ihre Tanz-Bewegungen joecockerhaft wirken, ist ihr und ihrem Gefolge egal. Stefan Raab will, wie er sagt, bewusst einen Kontrapunkt setzen. Lena soll herausstechen - durch ihre Andersartigkeit. Allerdings haben auch andere Teilnehmer erkannt, dass sie mit aufreizendem Krawall nicht mehr unbedingt punkten können. Mazedonien ist mit seiner unsäglich schlechten Pornonummer (Gjoko Taneski mit „Jas ja imam ilata“ - Ich habe die Kraft) gleich im ersten Halbfinale rausgeflogen. Nicht halbnackt wie in den vergangenen Jahren, sondern fast schon sittsam in langen Abendkleidern stehen viele der Künstlerinnen in Oslo auf der Bühne. Insofern ragt Lena auch eher durch ihre Art zu singen heraus.

Lena war das Losglück hold

Zugleich war ihr das Losglück hold - es brachte ihr den 22. Startplatz im Finale ein. Angeblich bleiben die Auftritte der letzten Künstler des Abends beim Fernsehzuschauer besonders in Erinnerung. Seit Dienstagabend aber steht fest, dass Halbfinalistin Filipa Azevedo aus Portugal direkt nach der Deutschen antreten wird. Ihr „Há dias assim“ (Es gibt Tage wie diesen), eine eher traurige Weise, kommt zumindest bei den Fachleuten gut an. Und die haben ein gehöriges Wort bei der Entscheidung mitzureden: Denn nationale Juroren stimmen gleichberechtigt mit den Zuschauern vor den Fernsehern ab.

Dass Hape Kerkeling als Juror für Deutschland abstimmen würde, konnte man sich denken, seit bekannt wurde, dass er als sein „alter ego“ Uschi Blum die Punkte aus Deutschland verlesen würde. Die weiteren Experten überraschen dann aber doch, schon allein, weil sie (mit einer Ausnahme) bislang so gar nichts mit dem Grand Prix zu tun hatten: Sängerin Mary Roos (sie war 1973 für Deutschland beim Eurovision Song Contest am Start), Fernsehmoderatorin Hadnet Tesfai, Sänger Johannes Oerding und der Programmchef bei 1Live, Jochen Rausch. Die fünf sind eigens nach Oslo gekommen, um sich die Proben in den nächsten Tagen anzusehen. Ihr Votum müssen sie nämlich schon eine ganze Weile vor dem Finale abgeben.

Was passiert eigentlich, wenn die Griechen gewinnen?

Anders die Zuschauer: Sie stimmen am Samstagabend ab. Und zwar vom ersten Lied an und auch noch 15 Minuten, nachdem das letzte Lied verklungen ist. Das erscheint manchem ungerecht, weil der größte Teil des Publikums die Beiträge noch nicht so gut kennen wird, um sofort zum Hörer zu greifen. Die Europäische Rundfunkunion (EBU) geht allerdings davon aus, dass ein Televoter nicht umgehend, sondern erst dann, wenn sein favorisierter Teilnehmer auf der Bühne steht, anrufen wird. Eine Benachteiligung wird von der EBU somit ausgeschlossen. Mit der neuen Regelung habe man schon seit drei Jahren beim „Junior Eurovision Song Contest“, einem Sangeswettbewerb für den Nachwuchs, beste Erfahrungen gemacht.

Größere Sorgen bereitet den Verantwortlichen, dass in diesem Jahr nur 39 Länder an den Start gegangen sind. 2009 in Moskau waren es noch 42, 2008 waren es sogar 43 Nationen gewesen, die Künstler zum ESC schickten. Schmerzlich vermisst werden schon lange die traditionsreichen Grand-Prix-Nationen Italien und Luxemburg, Monaco und Österreich haben sich nun offenbar ebenfalls längerfristig zurückgezogen, die Tschechische Republik, Andorra und San Marino haben angeblich ihr Interesse verloren. Finanzielle Gründe spielen in der derzeitigen Krisenzeit durchaus eine Rolle: Darum fehlen in diesem Jahr zum Beispiel auch Montenegro und Ungarn. Die Griechen wiederum sind angereist und müssen sich nun ständig die Frage gefallen lassen, was eigentlich passiert, wenn sie gewinnen und nächstens Jahr einen Contest für rund 25 Millionen Euro ausrichten müssen?

Zugleich schwingt sich offenbar Russland auf, zu den sogenannten „Big Four“ aufzuschließen. Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Spanien sind als größte Geldgeber jeweils fürs Finale gesetzt. Damit liebäugelt offenbar auch der Kreml. Vielleicht ist es aber auch nur ein Gerücht, allerdings hat Ministerpräsident Wladimir Putin schon höchst selbst angekündigt, einen eigenen Liederwettbewerb mit dem Namen „Intervision“ nur für zentralasiatische Staaten stattfinden lassen zu wollen. Nicht bedacht hat er dabei, dass die EBU die Rechte an dem Format hält. Zudem könnte sich so mancher Grand-Prix-Fan mit Putins vermeintlicher Drohung wohl sofort anfreunden. In Deutschland allemal.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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