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Im Gespräch: BMW-Chef Reithofer „Auch der BMW-Fahrer hat jetzt ein Öko-Gewissen“

13.09.2009 ·  BMW-Chef Norbert Reithofer erwartet, dass wir im Jahr 2020 „zwischen 5 und 15 Prozent Elektroautos sehen, nicht mehr“. Im Interview spricht über sparsame Motoren, die Zusammenarbeit mit Daimler und ein gutes Gewissen im Geländewagen.

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BMW-Chef Norbert Reithofer erwartet, dass wir im Jahr 2020 „zwischen 5 und 15 Prozent Elektroautos sehen, nicht mehr“. Im Interview spricht über sparsame Motoren, die Zusammenarbeit mit Daimler und ein gutes Gewissen im Geländewagen.

Herr Reithofer, stirbt das Auto demnächst aus?

Eindeutige Antwort: nein. Prophezeit wurde das auch schon 1973, als wir das Werk in Dingolfing eingeweiht haben. Der damalige Vorstandsvorsitzende, Herr von Kuenheim, wurde für verrückt erklärt, eine neue Fabrik zu bauen, obwohl die Autoindustrie doch vermeintlich am Ende war! Wir sind immer noch da, quicklebendig.

Tatsache ist: Das Öl geht irgendwann zur Neige, die Industrie muss sich auf die Zeit nach dem Verbrennungsmotor einstellen.

Auch im Jahr 2030 wird es noch Verbrennungsmotoren geben, davon bin ich zutiefst überzeugt. Die werden dann natürlich noch deutlich effizienter sein. Aber wir werden parallel dazu die Entwicklung neuer Technologien - Stichwort Hybrid- und Elektrofahrzeuge sowie Wasserstoffmobilität - vorantreiben. Wir sind hier bereits auf einem guten Weg.

Plötzlich will die ganze Autobranche grün und öko sein.

So neu ist das nicht, zumindest was die BMW Group betrifft. Wir haben bereits 2006 im Vorstand - teilweise durchaus auch kontrovers - über die künftige Ausrichtung des Unternehmens diskutiert. Diejenigen, die damals hocheffizienten Motoren, Elektro und Hybrid Priorität eingeräumt haben, haben sich durchgesetzt. Heute ist die BMW Group der nachhaltigste Automobilhersteller der Welt.

Nur die Formel 1 passt nicht mehr ins Ökokonzept, die Rennwagen mustern Sie aus.

Wir haben uns entschieden, unsere Ressourcen in den Bereichen Nachhaltigkeit und Entwicklung neuer Technologien zu bündeln. Denn Sie müssen sich entscheiden: Stecken Sie das Geld in die Formel 1 oder in neue Antriebe? Diese Frage haben wir für uns beantwortet.

Steht der BMW-Fahrer nicht mehr auf schnelle, große Autos?

Doch. Viele unserer Kunden wollen weiterhin einen 7er fahren oder einen Rolls-Royce. Nur wird auch bei ihnen das ökologische Bewusstsein stärker. Neulich hat mich ein Banker in Amerika angesprochen: "Norbert, ich würde gerne den 7er kaufen. Wann kommt der als Hybrid?

Auf die simple Idee, auf kleinere und sparsamere Autos umzusteigen, kommen die ökologisch sensiblen Kunden nicht?

Wir bieten ja mit dem 1er oder dem Mini auch kleinere Premiumfahrzeuge an. Klein heißt aber grundsätzlich nicht automatisch sparsam oder ökologisch. Entscheidend ist die Technik, die unter der Haube steckt. Von allen Herstellern haben wir den CO2-Ausstoß am stärksten gesenkt, kommen heute über die Flotte gerechnet auf einen Verbrauch von umgerechnet 5,9 Litern beziehungsweise auf 158 Gramm - und das bei einer deutlich höheren Leistung als andere Wettbewerber.

Honoriert der Käufer diese Anstrengungen, oder geht die Ökomode auch wieder vorüber?

Der Trend ist unumkehrbar. Die neuen Vorschriften in der Europäischen Union, in Amerika, in China und Japan führen alle in diese Richtung: Wir müssen runter vom Kraftstoffverbauch, wir müssen runter mit den Emissionen. Diesen Weg wird die BMW Group bestreiten, das verlangt auch der Kunde.

Wie gut kennen Sie Ihren Kunden eigentlich?

Ziemlich gut, wir schicken ständig Marktforscher raus, weltweit.

Was berichten die? Sind die Leute kurz davor, zum Schutz der Umwelt aufs Rad umzusteigen, oder genügt es, mit gutem Gewissen im Geländewagen zu sitzen?

Das ökologische Bewusstsein ist eindeutig gewachsen. Wer heute ein Auto kauft, entscheidet zunächst nach Marke und Design. Danach kommen schon Fragen wie Verbrauch, Effizienz, Nachhaltigkeit. Diese Themen spielten bisher kaum eine Rolle, das hat sich geändert.

Es scheint, als hätten die Ökoaktivisten ihr Ziel erreicht: Die schweren Geländewagen werden gesellschaftlich zunehmend geächtet.

Unsere Verkaufszahlen widersprechen diesem Eindruck: Unser X6 etwa schlägt sich beispielsweise hervorragend am Markt. Dieses Fahrzeug kommt mit einem Dieselmotor auf einen Verbrauch von nur 8,2 Litern. Für ein Automobil dieser Größe ist das ein hervorragender Wert.

Kennen Sie keine Anekdoten von Managern, die sich mit ihrem Geländewagen nicht mehr auf den Golfplatz trauen aus Furcht vor Ökodebatten?

Nein, solche Geschichten kenne ich nicht.

Auch nie davon gehört, dass Kinder nicht mehr in dicken Geländewagen zur Schule gebracht werden wollen, weil die so uncool sind?

Auch das wäre mir neu. Meine Frau fährt einen X3, und meine Tochter hat kein Problem damit.

Schick ist das Elektromobil. Dem gehört die Zukunft, so hören wir allenthalben. Zu Recht?

Elektrofahrzeuge werden eine - sicher nicht ganz billige - Ergänzung sein für Leute, die weniger als 200 Kilometer am Tag zurücklegen. Im Jahr 2020 werden wir zwischen 5 und 15 Prozent Elektroautos sehen, nicht mehr. Prognosen, die von 50 Prozent sprechen, halte ich für weit übertrieben.

Sie testen im Moment 600 Elektro-Minis in Kalifornien, London und Berlin. Wann verkaufen Sie solche Autos serienmäßig?

Noch sind wir dabei, herauszufinden, wie der Kunde mit der Technologie umgeht. Diese Erkenntnisse fließen dann in unser Megacity Vehicle ein, das in der ersten Hälfte des nächsten Jahrzehnts mit Elektroantrieb auf den Markt kommt: ein völlig anderes Konzept von Auto, sehr viel leichter auch als der Mini, bestimmt für die urbanen Zentren weltweit.

Ist mit so einem Kleinstwagen Geld zu verdienen, wenn er in Deutschland produziert wird?

Über den Standort für die Produktion entscheiden wir Anfang nächsten Jahres.

Mehrere Hundert Milliarden Euro muss die gesamte Autoindustrie für grüne Technologien ausgeben. Kann sich der kleine Anbieter BMW das überhaupt leisten?

Ja, dazu sind wir selbstbewusst genug. Aber Sie haben recht: Für mittelgroße Premiumhersteller, wie wir einer sind, ist es sehr sinnvoll, Kooperationen einzugehen, um die Kosten zu teilen. Wir haben die Hybridtechnologie beispielsweise gemeinsam mit Daimler entwickelt.

Wie weit sind die Gespräche mit Daimler über weitere Kooperationen?

Wir haben inzwischen schon eine zweistellige Anzahl von Komponenten identifiziert, die wir künftig gemeinsam einkaufen können. Die Zusammenarbeit kann weiter ausgebaut werden, um so sukzessive mehr Teile und Komponenten einzukaufen. Die Verhandlungen laufen in einer guten Atmosphäre ab.

Warum gibt es dann keine Ergebnisse? Hakt's an der Hochnäsigkeit von BMW, wie es in Stuttgart heißt?

Da widerspreche ich energisch.

Die BMW-Ingenieure sind angeblich zu selbstbewusst, die Familie Quandt als BMW-Eigner zu skeptisch, was ein engeres Zusammenrücken angeht.

Beides stimmt nicht. Die BMW Group wie auch Daimler haben selbstbewusste Ingenieure. Wenn wir Themen für eine Zusammenarbeit auserkoren haben, dann kriegen wir das auch hin.

Wie weit kann das gehen: bis zur gemeinsamen Getriebefabrik, über die bereits verhandelt wurde?

Wir sprechen mit Daimler über eine Reihe von Themenfeldern. Auf beiden Seiten gibt es aber bestimmte Restriktionen. Für uns besteht eine klare Grenze: Die Marke BMW darf nicht verwässert und die Markenidentität nicht gefährdet werden. Das hat nichts mit Unwillen zu tun, sondern mit einem ständigen Abwägen: BMW hat laut einer Studie einen Markenwert von 23 Milliarden Dollar. Wenn Sie die Marke beschädigen, machen Sie unter Umständen mehr kaputt, als Sie durch Größenvorteile auf der anderen Seite gewinnen. Vergessen Sie nicht: Es gibt nur noch zwei unabhängige Premiumhersteller auf der Welt. Wir sind einer davon. Alle anderen sind unter dem Dach von Massenherstellern.

Noch gibt es zwei unabhängige Hersteller. Der Druck zur Größe wächst, für Sie wie für Herrn Zetsche.

Größe allein ist kein Schlüssel zum Erfolg, das müsste in der Zwischenzeit jeder gelernt haben. Wir haben als BMW Group die nötige kritische Größe und blicken mit gesundem Selbstbewusstsein in die Zukunft: Nach der Krise kommt Premium auf sein ursprüngliches Niveau zurück, da bin ich sicher.

Wann geht's wieder aufwärts?

2010 werden wir voraussichtlich eine allmähliche Erholung sehen, 2011 dürfte dann ein stärkerer Anstieg kommen.

Bestellen die Leute wieder Autos?

Die letzten Wochen stimmen uns durchaus zuversichtlich, wir arbeiten uns Monat für Monat hoch. Im August haben wir erstmals nur noch einen einstelligen Absatzrückgang verbucht. Im September sieht es noch besser aus. Ab dem kommenden Jahr werden wir außerdem von der weiteren Erneuerung unserer Modellpalette profitieren.

Das Gespräch führte Georg Meck

Quelle: F.A.S.
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