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IAA Frankfurt Alle Wege führen zum Strom

16.09.2009 ·  Auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt beginnt das Zeitalter der Elektromobilität. Speziell die Verbrauchs-, Haltbarkeits- und Reichweitenversprechen des Motorenbauers Tesla sind verheißungsvoll: Sie propagieren Ökologie ohne Entsagung.

Von Niklas Maak
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Das Elektroauto hatte lange keinen guten Ruf. Elektroautos waren die schmalen Dinger, in denen Rentner ohne Führerschein im Kriechtempo scharf am Bordstein entlang zum Einkaufen fuhren, wenn sie nicht gleich den Radweg benutzten. Dass Elektroautos einmal eine ernsthafte Alternative zu ernsthaften Familien- und Supersportwagen sein könnten, damit hätte vor ein paar Jahren keiner gerechnet - und jetzt das: Bei der diesjährigen IAA taucht ein ganz neuer Typ von Automobil auf, vergleichbar mit dem Auftauchen des Homo sapiens auf einer Versammlung von hübschen und hässlichen, kleinen und großen Affen. Es gibt Hybrid- und Elektroautos zu sehen, wie man sie noch nie sah.

Am erstaunlichsten sind die neuen Autos, die aus den Vereinigten Staaten kommen. Ausgerechnet das Land, das vor kurzem noch als untergehendes Reich benzinsaufender Blechdinosaurier galt, steht plötzlich für einen grundlegenden ökologischen Umschwung in der Massenfortbewegung. Zum Beispiel die kalifornische Firma Tesla: Finanziert wird das Unternehmen von Google-Gründer Larry Page und Hyatt-Vorstand Nick Pritzker, Chairman ist Elon Musk, Mitgründer des Online-Bezahldienstes Paypal. Der Name Tesla ist eine Hommage an den Ingenieur Nicola Tesla, der den zweiphasigen elektrischen Generator entwickelte und die Verbreitung des Wechselstroms möglich machte. Das Bahnbrechende am Tesla ist sein Antrieb: Der Energiespeicher besteht aus 6831 wiederaufladbaren Lithium-Ionen-Akkus, wie man sie aus Laptops und Mobiltelefonen kennt. Je nach Fahrweise kommt man damit laut Hersteller bis 450 Kilometer weit, dann lädt man drei Stunden an einer Starkstromdose. Und: Das Elektroauto hängt in der Beschleunigung sogar Ferraris ab, der Motor dreht auf 14.000 Touren, und zu Supersportwagen verhält sich der Tesla wie ein Surfbrett zu einem Motorboot: Genauso schnell, lautlos, umweltschonend.

Ökologie jenseits der Entsagung

Zu kaufen gibt es bei Tesla schon jetzt ein vollelektrisches Sportmodell, auf der IAA wird das Kombi-Coupé Model S gezeigt, das unter 50.000 Dollar kosten, sieben Passagiere beherbergen und mit einer Ladung 480 Kilometer weit kommen soll, wenn es in zwei Jahren ausgeliefert wird. Wie ernst große Autohersteller Tesla nehmen, zeigt sich daran, dass Mercedes Benz sich an der Firma beteiligt und die neuen Smarts mit Tesla-Technik ausstatten wird. Die US-Regierung gab der Firma dazu einen 465-Millionen-Kredit für die Entwicklung neuer Antriebe - was auch ein politischer Akt ist: Hätten amerikanische Autos denselben Durchschnittsverbrauch wie Autos in Italien, wären die Vereinigten Staaten von Erdölimporten aus der arabischen Welt unabhängig.

Dazu kommt eine folgenreiche ideologische Leistung: Eine breite ökologische Bewegung gerierte sich lange, als sei alle Technologie vom Teufel, endlose Kongresse wetterten gegen „Fortschrittsglauben“, forderten pauschal „Entschleunigung“ und boten als Gegenmodelle nur reaktionäre Fluchten in vormoderne Selbstversorgeridyllen. Die neuen, ebenso sauberen wie schnellen amerikanischen Autos zeigen, dass Ökologie nicht nur Reue und Entsagung bedeuten muss - anders als „Passivhäuser“ und andere, zu einer generellen Fortschrittsfeindlichkeit neigende Öko-Produkte wie „Drei-Liter-Autos“, deren eingebaute Genussfeindlichkeit zu großen Teilen an ihrem krachenden kommerziellen Misserfolg schuld war. Mit einer Bewegung, die ökologisches Bewusstsein und moderne Technologie zusammenbringt, kommt es auch zu einer ideologischen Schubumkehr - und zu weniger depressiven Ökoprodukten.

Ein historischer Schritt

Aber: Wo soll der saubere Strom herkommen für die Elektrowagen? Strom aus Kohlekraft verlagert das Emissionsproblem nur, billiger Strom aus Atomkraftwerken schickt die dicke Rechnung - Stichwort Endlagerproblematik - an nachfolgende Generationen. Wie sich in Krümmel zeigt, ist die Kernenergie trotz wütender Beteuerungen der Lobbyisten eher eine alternde, pannengeplagte Utopie der fünfziger Jahre, in denen sich Zukunftsträume generell nicht um Zuverlässigkeits- und Sicherheitsfragen scherten. Aber was dann? Tesla verspricht, dass ein Garagendach voller Solarzellen den Strombedarf für den täglichen Elektroauto-Pendler decke.

Wenn das, die Haltbarkeit und das Reichweitenversprechen stimmen, dann dürfte der Elektrowagen ein historischer Schritt sein. Wenn nicht, ist er immerhin ein Wegweiser in die richtige Richtung. Derzeit wird an Batterien für größere Reichweiten gearbeitet. Alternativ dazu stellt die kalifornische Firma Better Place ein Konzept für E-Tankstellen vor, an denen in nur zwei Minuten leere Akkus gegen volle ausgetauscht werden. Die erste dieser Tankstellen wird 2010 für Elektrotaxis in Tokio aufgebaut. Die großen Autohersteller stopfen währenddessen hektisch Elektromotoren in ihre schweren Karossen. Wo früher Rallyestreifen waren, wird jetzt stolz der geringe Co2-Ausstoß aufgedruckt. Überhaupt ist eine ulkige Botanisierung festzustellen - die Wagen haben längst keine gewalttätigen Hartemänner-Namen mehr wie „Commander“ oder „Calibra“, sie sehen wie eigenartige Knospen aus, heißen „Leaf“ (Nissan) oder „Blue Zero“ (Mercedes). Nur Toyota macht ein dezidiert antivegetarisches Statement und überzieht die Sitze des IQ mit Kuhfell.

Der neue Jaguar - eine Blechkollage?

Und sonst? Eine dezidiert asoziale Grundhaltung zeigt man am offensivsten mit dem neuen Bentley, der mit gigantischen Heuschreckenaugen nach untermotorisierten Opfern schielt. Dass die letzten die ersten sein könnten, zeigt der als Retro-Öko-Auto wiederbelebte Trabant - mit Ressourcenknappheit und Leichtbau hatte man schließlich in der DDR Erfahrungen, von denen die Welt lernen kann. BMW läutet eine ökofuturistische Stilwende ein mit dem „Vision Zero Emission“, einem Showcar mit Hybridantrieb, das streng nach aerodynamischen Gesichtspunkten entworfen wurde und interessanterweise aussieht, als sei es aus zerschredderten Windrädern zusammengesetzt worden.

Nebenan bei der eben vor der Pleite geretteten Firma Saab versucht man hartnäckig weiter, den 9-3 zu verkaufen, ein sympathisches Auto mit einem lausigen Fahrwerk, das bereits bei leichter Kurvenfahrt die Reifen quieken lässt, als sitze ein Ferkel im Handschuhfach. Der neue Jaguar XJ zeigt, was passiert, wenn jemand aus England auf keinen Fall britisch aussehen will; der Designer hat für die jetzt indische Firma eine seltsam nach Reycling aussehende Blechkollage angerichtet, die Seitenfenster stammen von einem alten Audi A6, das Heck von einem demolierten Lancia Thesis; der Mythos Jaguar, der ja nur auf zwei teebeutelartig immer wieder aufgegossenen guten Formen aus den sechziger Jahren beruht, ist damit erledigt. Aber dafür gibt es ja neue Marken, mit denen die Kundschaft ins ökofuturistische Zeitalter fahren kann.

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Jahrgang 1972, Redakteur im Feuilleton.

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