19.09.2009 · Die IAA ist ab diesem Samstag für alle Autofans geöffnet. Sie werden eine andere Stimmung spüren als bei allen bisherigen Jubelfeiern der Automobilindustrie. Und zwar schon deshalb, weil es in der Gegenwart wenig zu jubeln gibt.
Von Wolfgang PetersDie 63. Internationale Automobil-Ausstellung in Frankfurt wird einen anderen Charakter haben als alle bisherigen im Abstand von zwei Jahren veranstalteten Jubelfeiern der Automobilindustrie. Und zwar schon deshalb, weil es in der Gegenwart wenig zu jubeln gibt. Die einstige Vorzeigebranche kämpft mit den stärksten Verkaufsrückgängen der Neuzeit; Konzerne fahren auf den Abgrund zu; die 63. IAA muss etliche Absagen hinnehmen; und die wohl nur vorübergehend durch europaweite staatliche Prämienzahlungen gestützten Verkäufe werden realistischer eingeschätzt. Und wie es in der Zukunft wird, das weiß niemand. Aber vielleicht gibt es auf der vom Verband der Automobilindustrie (VDA) unter dem Leitsatz "Erleben, was bewegt" veranstalteten Messe mehr als nur den Abschied von den schönen Zeiten aus Leistung und Luxus.
Die Fragen nach der Zukunft des Autos sind drängender denn je. Mit ihnen verbunden ist auch die Zukunft einer Industrie, die bisher mehr von der Wunscherfüllung beim Kunden als von der Realisierung notwendiger Mobilität lebte. Ob sie überhaupt in der Lage sein wird, ihre Rolle in Gesellschaft und wirtschaftlichem Leben wie gewohnt zu spielen, ist keineswegs sicher. Denn die Forderungen an das Auto sind heute vielfältiger als in der Vergangenheit. Dabei sind die Ziele für Techniker und Manager ebenso klar definiert wie von diesem hohen Anspruch: Das Auto von morgen fährt ohne schädliche Abgase, es schont die Vorräte an fossiler Energie, es vermeidet Unfälle, es ernährt eine Industrie und ihre Beschäftigten, und es sorgt für eine freudvolle, individuelle Mobilität, die sich (fast) jedermann leisten kann. Schon ein kurzer Blick auf das Frankfurter Messegelände genügt: Zumindest das Auto der näheren Zukunft wird diese Forderungen idealiter nicht erfüllen können. Allerdings gibt es erste Ansätze dafür.
Die Zeichen stehen auf Strom und auf Sturm
Nun treffen fatalerweise Anspruch und Wirklichkeit aufeinander. Denn die Zeichen in der Autowelt stehen auf Strom und auf Sturm: Auf dem Höhepunkt einer wirtschaftlichen Krise, wie sie diese Industrie noch nie zuvor erlebt hat, werden alle Hoffnungen auf die Zukunft mit dem Elektroauto verbunden. Die Entwicklungs- und Strukturkosten dafür sind enorm, und diese Investitionen müssen in einer Zeit aufgebracht werden, in der die Krise der Weltwirtschaft für tiefe Düsternis über der Autoindustrie sorgt. Die Stromvehikel elektrisieren dennoch eine ganze Branche, und optimistische Schätzungen sprechen davon, dass in zehn Jahren auf dem europäischen Markt jedes zehnte neue Auto elektrisch fahren könnte. Das ist verständlich, denn die Vorstellung, damit das Auto aus der Ecke des vermeintlichen oder tatsächlichen Umweltschädlings herauszuholen und die als schädlich definierten Kohlendioxidmengen aus den Verbrennungsmotoren zu vermindern, ist verlockend. Die Wirklichkeit allerdings sieht anders aus.
Zwar gibt es auf dieser Autoausstellung kaum einen Hersteller, der nicht für ein Hybrid-, für ein Brennstoffzellen- oder für ein Elektromodell die Trommel rührt. Und das sind alles andere als reine Werbebotschaften. Dafür sind die in Milliarden-Euro-Dimensionen anfallenden Entwicklungskosten zu hoch. Den Autoherstellern ist es sehr ernst damit. Doch die auf den als alternativ bezeichneten Techniken basierenden Antriebsformen können nicht auf absehbare Zeit den Verbrennungsmotor als universelle Kraftquelle ablösen. Rund 500 Millionen Fahrzeuge mit Otto- oder Dieselmotoren sind auf dieser Welt unterwegs, und sie durch Strommobile zu ersetzen ist eine Aufgabe für mehrere Generationen. Zumal keiner weiß, weshalb sich überhaupt irgendein Autofahrer ohne finanzielle Anreize oder gesetzliche Zwänge für ein Elektromobil entscheiden sollte.
Fragezeichen stehen hinter den Preisen für E-Autos
Hier müssten rasch die entsprechenden Voraussetzungen - Umweltprämien, Steuererleichterungen, eigene Fahrspuren, Vorzugsbehandlung in den Innenstädten, spezielle Parkerlaubnis - geschaffen werden. Die reinen Fahrtkosten für ein Stromauto liegen dreißig bis fünfzig Prozent unter den Spritkosten eines Kleinwagens. Und es fährt zwar ohne Abgase, aber wenn man die Emissionsgesamtbilanz aufmacht, dann wird der Stromantrieb eher zur Last für die Umwelt als zur Lust für den Autofahrer. Fragezeichen stehen hinter den Preisen für E-Autos, hinter der Infrastruktur mit Ladestationen, hinter der Batterieentsorgung und, vor allem, hinter der bislang mit zwischen 60 und 160 Kilometern angenommenen Reichweite für eine Stromladung. Daraus resultiert: Das elektrisch betriebene Auto wird kommen, aber eher in zwanzig Jahren und eher als Citymobil in den westlichen Gesellschaften als in der Rolle des Transporters überall sonst auf der Welt.
Doch es gibt durchaus Alternativen zum Stromwagen: Synthetische Kraftstoffe können das Erdöl ersetzen, und die zähe Arbeit (auch mit Hybridantrieben) am Prinzip der Verbrennungsmotoren wird zu Minimalverbräuchen führen. Auch diese Wege werden auf der 63. IAA gezeigt: Die Welt des Autos ist schwieriger geworden. Aber sie ist nicht ohne Hoffnung.
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