Home
http://www.faz.net/-gcp-13u1u
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

IAA Elektro Wehe dem, der keine Steckdose hat!

 ·  Eine Idylle ist das nicht in Frankfurt. Aber man kann zwischen Models und Modellen auch auf der 63. IAA den Spaziergang pflegen. Es ist nicht einfach, die Begegnung mit Elektroautos zu vermeiden.

Artikel Bilder (23) Video (1) Lesermeinungen (6)

Nirgendwo gibt es derzeit eine bessere Zusammenschau jener Mobile, die dem lauten Rufen eines Teils der Öffentlichkeit zu verdanken sind. Elektroautos, Hybride, Brennstoffzellen-Fahrzeuge und Mischungen aus diesen Techniken gibt es auf nahezu jedem Stand. Ob diese Mobile zu den "Rettern der Autoindustrie" werden, weiß niemand. Und es weiß niemand, ob diese Industrie schon gerettet werden muss. Immerhin ziehen BMW und Mercedes-Benz nun jene Vollhybridmodelle aus ihren Hüten, die es bei Toyota und Lexus und Honda längst zu kaufen gibt. Aber Hybrid findet stärker in der Diskussion als im Markt statt. VW verkauft in einer einzigen Woche des Monats August 2009 mehr konventionell befeuerte Golf-Versionen, als Hybridmodelle aller Hersteller hierzulande im ganzen Jahr abgesetzt werden.

Wer es vom Haupteingang am Messetor bis zur Halle 11 geschafft hat, der darf geschafft sein. Der darf niedersinken. Am besten natürlich bei BMW. Bayerische Großzügigkeit gipfelt hier in einer Rundstrecke in der licht möblierten Halle, alte Renner und neue Sparer drehen ihre Runden, und mittendrin steht diese Vision von effizienter Dynamik wie ein Gespinst aus Wind und Freude am Fahren. Wenn die weiß-blaue Autozukunft so aussieht, dann ist sie willkommen.

Im Glanz des morgendlich reinen Schnees

Dass BMW schon in der Wirklichkeit beim Kraftstoffsparen im Premiumsegment an der Spitze liegt, das zeigt die weiße Flotte: Einser- und Dreier-Modelle, alle im Glanz des morgendlich reinen Schnees am Ende des Stubaitals zu Füßen des Zuckerhütl. Vier Liter Diesel für 100 Kilometer, das sind keine Zauberverbräuche auf dieser IAA, und BMW reagiert mit realen Modellen zurzeit fixer als andere: Der X1 ist ein kompaktes Geländeauto oder ein gut dimensionierter Stadtwagen, man kann ihn sich vor dem Kindergarten oder vor dem Schlepplift vorstellen.

Dort wird womöglich weniger gedrängelt als bei Mercedes-Benz. Der Spaziergänger erschrickt: ein Auto, dem man die Türen nach oben gebunden hat, wie dem Zahnwehkranken sein linderndes Tuch. Der Flügeltürer ist zurück, er schlägt bei den Besuchern alle Umweltautos, eine Legende auf Rädern lebt, und sie wurde einfallslos auf AMG SLS getauft, wie gut überliefert und international gebräuchlich klingt doch: Gullwing. Der alte Name für den ewig jungen SL von einst. Natürlich entrichtet auch Mercedes-Benz seinen Tribut an die Umweltforderer, es gibt Hybrid-Prototypen in kleinen und großen Formaten. Ungeachtet seiner inneren Stau- und Ladewerte ist das T-Modell der E-Klasse beinahe zierlich geraten. Die bei der Limousine orientierungslos verlaufenden Seiten-Sicken erhalten hier eine neue Qualität: Ein Coupé mit Ladeabteil ist entstanden.

Schockierend konsequent windschnittige 1L

Der Mann schlendert weiter und stolpert bei VW über ein silbern lackiertes Brillenetui, in dem es hintereinander Sitze für zwei Menschen gibt. Der schockierend konsequent windschnittige 1L mit Full-Hybrid-Technik ist die schicke Fortsetzung des technoiden Ein-

Liter-Autos, mit dem Ferdinand Piëch unter einer Mütze, die war wie ein Kochrezept für Kaiserschmarrn, einst zur Hauptversammlung schnurrte. Jetzt glänzt der Zweisitzer stolz, man steigt einfach ein und aus, und der Spaziergänger geht vorsichtig mit dem "sparsamsten Automobil der Welt" um. Es wiegt 380 Kilo, kommt mit 27 oder 39 PS aus einem 800-Kubikzentimeter-Diesel auf 160 km/h und begnügt sich auf 100 km mit 1,38 Liter. Ein Technikwunder murmelt der Mann und fragt sich, ob er damit über den Brenner kommt.

Mit der E-Version der für 2011 erwarteten VW-Up!-Familie muss er den Pass erst noch bezwingen. Dann kann das Elektroauto rollen: Der Stromer sollte bis Verona kommen, da kennt der Mann eine Steckdose an der Strecke.

Dass VW nicht mehr Käfer ist, das hat der Mann schon mitbekommen. Aber diese Vielfalt: vom puristisch-zweitürigen Neu-Polo bis zum brutalsinnlichen Lambo, von der Audi-R8-Roadster-Skulptur mit einem Kraftwerk als Motor, hin zu unglaublichen Bugattis und den muskulös-vornehmen Bentleys und dann noch Skoda (mit einem Kombi, der ist wie eine Schmuckschatulle) und zu Seat (wenn James Muir, der neue Chef, mit hochgekrempelten Ärmeln die Spanier nicht auf Kurs bringt, dann schafft das keiner mehr), und der gehende Mann findet dann doch zu Opel: Die Marke versteckt sich hinter einer schwarzen Mauer und hofft mit Astra und Ampera und Insignia auf eine nachhaltige Wende. Der Mann drückt die Daumen und meint, Frankreich verschmelze irgendwie mit Rumänien, dort baut Dacia längst die logischeren Renaults, und Peugeot und Citroën ringen mit 08er-Familienautos und dem blitzsauberen C3 in Neuauflage um Konturen.

Er erinnert die Badewanne

Für Ford hatte der Mann schon immer einen guten Gedanken übrig. Er erinnert die Badewanne, den Capri, den Hundeknochen-Escort und den Musiktruhen-26M: Jetzt gibt sich Ford exaltiert, wirft mit Kanten um sich und hat Erfolg damit. Der neue C-Max ist der jungen 1,8-Kinder-Familie aufs Budget geschneidert, und die Oma darf auch noch mit. Das Land der Sehnsucht des Mannes war immer Italien: Ach Fiat, sagt er sich und entdeckt den überarbeiteten Punto gerade noch in seinem Blickfeld, als er sich andächtig vor einen offenen Alfa 8C kniet und errechnet, dass er sich vielleicht einen offenen 500 kaufen könnte. Über seine Schulter hinweg entdeckte der Mann das Rad eines Autos, das rot vor Wut sein musste, weil man es umlagerte, befingerte und bestreichelte, er ahnte: Ferrari. Dann floh er diese Halle, weil es ihm dort an frischer Luft mangelte.

In jungen Jahren fuhr der Mann einen winzigen Honda (S600 ?), und er wäre nie auf die Idee gekommen, in japanischen Autos künftige Entwicklungen zu sehen. Aber jetzt entdeckte er die Mehrherzmodelle von Toyota, Lexus und Honda und versuchte erst gar nicht, die Hybridtechnik zu verstehen. Dann nahm er mit ruhigen Schritten seinen Kurs auf Jaguar. Er hatte über deren neuen XJ so viel Unsinn im Feuilleton seines Lieblingsblatts gelesen, dass er sich selbst sein Bild machen musste. Es fiel anders aus, und der Mann verschränkte die Hände auf dem Rücken.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1946, freier Autor in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge