24.06.2009 · Die spanische Fußball-Nationalmannschaft siegt und siegt und siegt - wohl auch im Confed-Cup-Halbfinale gegen die Vereinigten Staaten am Mittwochabend. Die Grundlage des Erfolgs ist Teamgeist.
Von Roland Zorn, BloemfonteinSie gönnen sich alles und nehmen sich nichts weg. Nur so, glaubt Fernando Torres, hat Spaniens Fußball-Nationalmannschaft eine derart steile Karriere hinlegen können. Der Europameister, der an diesem Mittwochabend im Halbfinale des Confederations Cups gegen das Team der Vereinigten Staaten gefordert ist, eilt in Südafrika von Rekord zu Rekord. 15 Siege in Serie, das hat noch keine andere Nationalauswahl in der großen, weiten Welt des Fußballs geschafft; nun winkt der 16. volle Erfolg und damit die 36. Begegnung nacheinander ohne eine einzige Niederlage - das wäre dann ein weiterer einsamer Weltrekord für die scheinbar unaufhaltsame „Furia Roja“.
„Diese Serien“, sagte der Weltklassestürmer Torres, „haben nicht nur damit zu tun, dass wir sehr gut spielen. Da muss mehr dazukommen.“ Was? „Unsere Gruppe harmoniert menschlich wunderbar. Wir kennen uns seit den gemeinsamen Jahren in den Junioren-Nationalmannschaften. Der Geist in dieser Truppe ist großartig.“
Die großen Stars sind teamfähig
Das aber hat dieser Markenartikel des Spitzensports nicht exklusiv. Auch andere Teams, die im Namen des Königreichs Spaniens zu den Spitzen ihrer Gesellschaft gehören, bestechen mit ihrer Art, Einzelinteressen dem Kollektiv unterzuordnen. Bis hin zu den Superstars, die ihre persönliche Geborgenheit im großen Ganzen finden. So triumphierten die spanischen Basketballspieler beim Gewinn der Weltmeisterschaft 2006 sogar ohne ihren im Finale gegen Griechenland verletzten katalanischen Überflieger Pau Gasol; ähnlich war es beim Gewinn des Tennis-Davis-Cups im Vorjahr, als die Nummer eins der Tennis-Welt, Rafael Nadal, ebenfalls wegen einer Blessur nicht dabei sein konnte und doch wie Gasol bis zum glorreichen Sieg über Argentinien mitfieberte. „Ich bin nur ein weiterer Spieler in einer starken Mannschaft“, schrieb der Mallorquiner auf seiner Website, „und das hat sich gezeigt.“
Unter Spaniens Sportgrößen, zu denen die Fußball-Zauberer des FC Barcelona, die Handball-Nationalmannschaft oder der frühere Formel-1-Champion Fernando Alonso gehören, herrscht auch ein interdiszplinärer Zusammenhalt wie in keinem anderen Land. So freuten sich die spanischen Fußball-Elitekicker in Südafrika über Gasols jüngsten Streich, als er mit den Los Angeles Lakers den NBA-Titel eroberte, und Nadal, der derzeit in Wimbledon wegen einer Verletzung nicht aufschlagen kann, sagte: „Dies ist ein weiterer Triumph für Spaniens Sport.“
Olympische Spiele 1992 als Wendepunkt
Spanien zeigt Flagge in den Sportarenen der Welt, und seitdem auch die Fußball-Nationalmannschaft, jahrelang im Schatten der Vorzeigeklubs Real Madrid und FC Barcelona, tiefe Spuren bei den großen Turnieren hinterlässt, schaut so mancher voller Bewunderung auf das Land, das die Deutschen vor allem wegen seiner touristischen Verlockungen lieben. Die Olympischen Spiele 1992 in Barcelona vor allem werden als Wendepunkt einer Entwicklung angesehen, die Spaniens Sportasse und die dahinter stehenden Vereine und Verbände beflügelt haben. So gilt auch die Nachwuchsarbeit etwa in der Fußball-Akademie des FC Barcelona als beispielhaft.
Überhaupt scheinen die Katalanen eine besondere Gabe für die Ausbildung und Hervorbringung sportlicher Talente zu besitzen. In Barcelona schlägt auch das Herz des spanischen Tennis. In der Hauptstadt Kataloniens bekennen sich selbst glühende Vorkämpfer des spanischen Regionalismus inzwischen zu den spanischen Nationalmannschaften.
Einer für alle, alle für einen
Der Sieg bei der Fußball-Europameisterschaft 2008 hat dazu viel beigetragen, zumal wichtige Spieler der damals von Luis Aragones, inzwischen von Vicente del Bosque trainierten Auswahl - etwa Xavi, Cesc Fabregas oder Carles Puyol - gebürtige Katalanen sind. In dieser Millionenmetropole scheinen sich die Protagonisten des Sports einem speziellen Gemeinschaftsgefühl verpflichtet zu fühlen. Pep Guardiola, früher Spieler, heute Trainer des Champions-League-Finalisten Barca, sagt: „Das einzige, was wir nicht verlieren können, ist unser Teamgeist.“
Er durchweht auch die Equipe, die Spanien beim Confederations Cup im Ausrichterland der kommenden Fußball-WM würdig vertritt. Torres zum Beispiel kennt keinen Neid gegenüber seinem Angriffspartner David Villa, der vom FC Valencia zu Real Madrid strebt. Beide führen die Torschützenliste dieses Turniers gemeinsam mit dem Brasilianer Luis Fabiano mit jeweils drei Treffern an. Der Madrilene Torres hat zu diesem Dreikampf auf sehr hohem Niveau gesagt. „Ich wäre froh, wenn David und ich am Ende dieses Wettbewerbs gemeinsam an der Spitze der Schützenliste stünden.“
Der bei Real Madrid sozialisierte, väterlich anmutende Nationalmannschaftstrainer del Bosque preist sein in sich geschlossenes und durch seinen Kurzpass-Fußball bezauberndes Aufgebot: „Wir haben zurzeit eine großartige Generation an Spielern, wie überhaupt die Entwicklung im spanischen Sport faszinierend ist.“ Die führende Zeitung im Lande, „El Pais“, titelte passend dazu einmal: „Spanien ist Sport“. Wer die Nadal, Gasol, Torres, Villa, Xavi oder Iniesta einmal bei der Arbeit beobachtet hat, mag sich diesem Urteil nicht mehr verschließen. Einer für alle, alle für einen: Die alten Leitsätze aus der Herberger-Ära scheinen sportartenübergreifend in dieser Nation besonders glaubwürdig beherzigt zu werden.