22.06.2009 · Kurioser letzter Spieltag beim Confederations Cup: Weltmeister Italien unterliegt den famosen Brasilianern mit 0:3 und scheidet schon in der Vorrunde aus. Ins Halbfinale ziehen die Vereinigten Staaten ein - und Italien führt eine Altersdiskussion.
Von Roland Zorn, PretoriaMarcello Lippi konnte das Wort „Jugend“ nicht mehr hören. Böse funkelten seine blauen Augen, als der „Mister“ die bohrenden Fragen der italienischen Journalisten mit wütenden Gegenfragen beantwortete. „Sie sprechen“, fauchte der 61 Jahre alte Weltmeistertrainer der Squadra Azzurra, „ständig über junge Spieler. Welche jungen Spieler? Soll ich etwa einfach mal so sieben, acht junge Spieler einfach in solche Begegnungen reinschmeißen? Nein, junge Leute müssen allmählich herangeführt werden.“
Der Freizeitkapitän aus dem toskanischen Badeort Viareggio hatte genug von den nervenden Umständen dieses Confederations Cups im Veranstalterland der kommenden Fußball-Weltmeisterschaft. Viele Italiener haben unterdessen die Nase voll von ihren alternden Champions, die am Sonntagabend in Pretoria Südafrika fürs erste „ciao“ sagten - nach einem 45 Minuten lang desaströsen Auftritt gegen den fünfmaligen Weltmeister Brasilien. Binnen acht Minuten war den „Helden von Berlin“ im WM-Finale 2006 die Luft ausgegangen, als die Selecao mit ihrem Kombinations- und Konterfußball ernst gemacht und Tor auf Tor erzielt hatte. Einmal sogar mit italienischer Hilfe.
Da flog Torhüter Buffon nach Robinhos Querpass nach rechts, während der dazwischengrätschende Dossena den Ball ins eigene linke Toreck beförderte (45. Minute). Dieses 3:0 war eine Slapsticknummer, das 1:0 und 2:0 durch den unaufhaltsamen Luis Fabiano (37. und 43.) dagegen waren Produkte brasilianischer Fußballkunst, verpackt von den Zulieferern Maicon, Kaká und Robinho und vollendet von dem wuchtigen Stürmerstar des FC Sevilla. Brasilien hatte beim 3:0 Katz und Maus gespielt - auf den Tag genau 29 Jahre nach dem WM-Triumph von 1970 in Mexiko, als Italien beim 1:4 im Finale chancenlos war.
Urlaubsreife Italiener
An einen Dreitore-Halbzeitrückstand einer italienischen Nationalelf wie im Loftus-Versfeld-Stadion von Pretoria erinnerten sich nur noch Fußball-Historiker. Sie wurden fündig an einem Maientag im Jahr 1957, als die Italiener in Zagreb gegen das damalige Jugoslawien 1:6 untergingen. Auch die Demütigung vom Sonntagabend war für das älteste Team in diesem Konföderationenpokal-Wettbewerb, das die italienischen Medien schon vorher als „Mumie“ abqualifiziert hatten, ein Fußball-Kulturschock, wurde doch ein Jahr vor dem Beginn der Mission Titelverteidigung überdeutlich, dass Lippi und seine verdienstvollen Recken auf dem ausgelatschten Weg des „Weiter so“ keinen Zentimeter mehr vorankommen dürften.
Am Montag reiste die nach Niederlagen gegen Ägypten und Brasilien krachend aus dem Confed-Cup geschiedene Squadra, die genauso blass spielte wie ihre blassblauen Trikots ausschauten, zurück nach Hause: urlaubsreif. Wer die nach Luft japsenden Veteranen Luca Toni oder Andrea Pirlo oder Fabio Cannavaro bei der inzwischen ruhmlosen Arbeit sah, wusste, dass der zurückgekehrte Altmeister Lippi zukünftig nichts dringender braucht als einen frischen, forschen, von jugendlichem Impetus geprägten Erneuerungsschub.
Amerikaner nutzen Italiens Debakel
Doch am Standort Pretoria, wo sich 41.000 Zuschauer an den stahlfederhaft inszenierten, kreativ durchpulsten Attacken der Brasilianer ergötzten, beharrte Lippi auf seinem „Plan, an dem ich nichts verändern werde“. Während sich Brasilien nach drei Siegen von Spiel zu Spiel mehr einer weltmeisterlichen Form genähert hat und nun am Donnerstag in Johannesburg gegen die Südafrikaner zum zweiten Halbfinale antritt, beschädigte der Titelverteidiger seinen guten Ruf mit den Pensionisten-Auftritten seiner Squadra.
Am Ende des unerquicklichen Trips in die Kap-Republik mussten die Italiener in ihrer Gruppe noch die Mannschaft der Vereinigten Staaten an sich vorbeiziehen lassen, die durch einen 3:0-Erfolg in Rustenburg über Ägypten die Vorschlussrunde erreichte und am Mittwoch in Bloemfontein auf Europameister Spanien trifft. Dann werden die verdienten Campionissimi von gestern irgendwo an der Adria, in Sardinien oder anderswo längst die Füße zur Erholung vom Fußball hochgelegt haben. Und Lippi hat Zeit genug, sich Gedanken zu machen, ob er demnächst statt den in die Jahre gekommenen Weltmeistern von 2006 auch jüngeren Kräften und Talenten wie Cassano (Sampdoria Genua), Aquafresca (Cagliari Calcio), Balotelli oder Santon (beide Inter Mailand) stärker vertrauen möchte.
Wie gern hätte der Fußballstratege mit dem feinen Silberhaar am Sonntagabend das gesagt, was sein brasilianischer Kollege Carlos Dunga mit vollem Recht behauptet hatte: „Wir waren an allen Ecken und Enden des Platzes überlegen.“ Stattdessen ging Lippi traurig, jedoch mit einem Versprechen von der Generalprobebühne zur WM ab: „Wir haben nicht das wahre Gesicht Italiens gezeigt“, gestand er, „wissen aber, dass wir es viel besser können.“