26.06.2009 · In einem schwachen Spiel benötigten die Brasilianer einen Freistoß kurz vor Spielende, um das Finale des Confed-Cup gegen die Vereinigten Staaten zu erreichen. Die südafrikanischen Turniergastgeber waren den Südamerikanern lange Zeit ebenbürtig.
Von Roland Zorn, JohannesburgSein Blick verhieß schon nichts Gutes. Grimmig und augenscheinlich wild entschlossen nahm Daniel Alves das Tor der Südafrikaner ins Visier, nestelte an seinem schwarzen Rollkragenpullover unter dem Trikot, atmete ein paar Mal durch und wartete auf seinen Auftritt. Derweil irritierten gleich drei Brasilianer den bis dahin unüberwindlichen südafrikanischen Torwart Itumeleng Khune. Dann endlich, als Khune immer noch nicht klar sah, kam der Pfiff, und der erst in der 82. Minute eingewechselte Mann mit dem struppigen Kinnbart durfte zum Freistoß anlaufen. Es war der An- und Auftritt, der das zweite Halbfinale im Confederations Cup veränderte und entschied. Der Verteidiger des FC Barcelona erwies sich in diesem Moment an diesem Donnerstagabend im Johannesburger Ellis-Park-Stadion als Brasiliens gefährlichster Angreifer. Alves schoss und zwirbelte den Ball an der Mauer von Bafana Bafana und dem verdutzten Khune vorbei zum 1:0 für den fünfmaligen Fußball-Weltmeister ins Netz.
Die Entscheidung zwei Minuten vor dem Ende einer bis dahin eher vom Außenseiter bestimmten Begegnung katapultierte dann doch den Favoriten ins Finale am Sonntagabend. Dann gibt es, abermals im Ellis Park, für Brasilien ein Wiedersehen mit dem Team der Vereinigten Staaten. Beim ersten Spiel der beiden Mannschaften in der Gruppe B setzten sich die Südamerikaner locker 3:0 gegen die Nordamerikaner durch.
Respekt vor den Amerikanern
Doch was heißt das schon für das Endspiel eines Wettbewerbs, in dem die sogenannten Kleinen ihre großen Augenblicke hatten und die Großen manchmal ziemlich klein anmuteten. Carlos Dunga, der Trainer der Selecão, ist spätestens seit Donnerstag vorgewarnt, zumal die Amerikaner in der Vorschlussrunde den fast schon für unschlagbar gehaltenen Europameister Spanien 2:0 hinter sich ließen: „Die USA“, sagte er, „haben eine sehr eigenartige Manier zu spielen. Wir müssen ganz ruhig und sehr geduldig in dieses Finale gehen.“
Da hofft Alves, einer der Stars des Champions-League-Gewinners FC Barcelona, dann aber von vornherein mit von der Partie zu sein. Der Rechtsverteidiger, den Dunga bei seiner spektakulären Acht-Minuten-Show über links anrauschen ließ, sagte, was alle zwischenzeitlich auf die Bank zurückversetzten Spieler sagen: „Ich spiele da, wo mich der Trainer hinstellt.“ Der fürs Erste von Maicon verdrängte Dynamiker mit dem unermüdlichen Vorwärtsdrang hatte als stiller Beobachter dieser zähen Halbfinal-Auseinandersetzung zwischen den überraschend spielstarken Südafrikanern und den ebenso überraschend gehemmten Brasilianern längst „die Sehnsucht gespürt, einzugreifen“, da gab ihm Dunga endlich das Zeichen zum Einsatz. „Alves“, erklärte der Weltmeister von 1994 später, „ist schnell und ein Spezialist für Standardsituationen.“
Aus diesen Sekunden, in denen der Ball ruht und dann frische Fahrt aufnimmt, hat Brasilien beim diesjährigen Confed Cup nun schon fünfmal bei insgesamt elf Treffern Kapital geschlagen. Diesmal besonders nachhaltig, da die Südafrikaner, im Angriff chronisch schwachbrüstig, in der Kürze der Zeit nicht mehr antworten konnten. „Ich wollte, dass der Ball reingeht“, beschrieb Alves die Momente des spannungsgeladenen Wartens auf den großen Knalleffekt.
Mutmacher für die Außenseiter
Bingo, der Schuss saß, und die Gastgeber dieses Wettbewerbs und der kommenden Weltmeisterschaft waren geschlagen. Dabei hatte Joel Santana, Dungas Landsmann und früherer Trainer in seiner Zeit bei Vasco da Gama, seinem Ruf als Defensivstratege und Raumausstatter des Fußballs alle Ehre gemacht. Wo immer ein Brasilianer hinrennen wollte, waren die Südafrikaner längst da. Auch deshalb kam das fließende Kombinationsspiel des Turnierfavoriten nie ins Rollen. Da Südafrika zudem mit den trickreichen offensiven Balltreibern Pienaar, Tshabalala und Modise die Brasilianer stärker als gedacht verunsicherte, war Santanas Team in seinem besten Turnierspiel meistens aktiver als Dungas von Rhythmusstörungen geplagte Elf. „Ich bin glücklich, stolz und zufrieden“, pries Santana seine Mannschaft.
Der vor dem Konföderationenpokal noch sehr umstrittene Brasilianer wird sein Aufbauwerk bis zur WM fortsetzen können - und das seit Donnerstag mit erfreulichen Perspektiven. „Es war eine großartige Erfahrung, aus der wir viel lernen können“, zog Steven Pienaar, der Mittelfeldspieler des FC Everton, sein vorläufiges Fazit aus einem Turnier, das für Südafrika noch nicht vorbei ist. Bafana Bafana spielt am Sonntagnachmittag in Rustenburg im Spiel um Platz drei noch einmal gegen einen Großen des Weltfußballs: die nach der Niederlage gegen die Amerikaner neu geerdeten Spanier. Südafrika und das Team USA haben im Juni 2009 allen, die 2010 als Außenseiter zur WM reisen, Mut gemacht. Keine Angst vor großen Tieren: eine verheißungsvolle Botschaft für das große Fußball-Welttheater im kommenden Jahr.