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Schweinegrippe Wer mit dem Virus spielt

26.11.2009 ·  Gefährliche Mutanten, vermeintliche Impfrisiken und suspekte Spätfolgen - H1N1 ist endgültig zum Spekulationsobjekt geworden. Jede vermeintliche Neuigkeit wird aufgeschnappt und weiterverbreitet. Ein böses Spiel. Denn die Lage bleibt eindeutig.

Von Joachim Müller-Jung
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Haben Sie schon von den mutierten Schweinegrippeviren in Norwegen gehört? Nicht? Kaum denkbar. Die Nachricht von den veränderten H1N1-Viren, die man vor ein paar Tagen „bei zwei von drei Toten“ entdeckt hat, ist wie Löschwasser durch sämtliche publizistischen Schläuche gejagt worden. Nur, dass es kein Wasser, sondern Öl war. Aufgeheiztes Öl noch dazu, der perfekte Brandbeschleuniger. „Zwei von drei Toten“ ist die Redewendung, die dazu passt. Zwei Drittel der norwegischen Schweinegrippetoten sind also Opfer einer neuen, hochgefährlichen Virusmutante geworden? Ist das nicht exakt das Worst-case-Szenario, das die Experten seit Monaten wie eine Monstranz vor sich hertragen: ein plötzlicher genetischer Ausreißer, gespickt mit extremer Letalität?

Nun, die Situation hätte sich, noch bevor die ersten Spekulationsblasen über die Virusmutanten gedruckt oder gesendet worden waren, schnell auflösen lassen. Die Weltgesundheitsorganisation hatte schon längst ein Memo veröffentlicht, in dem klarggestellt worden war, dass die in Norwegen gefundene Mutation, die zu einem Aminosäureaustausch auf einem der Oberflächenproteine des H1N1-Virus führt, nicht nur früher schon in anderen Ländern in Ost und West gefunden worden war. Nein, es wurde auch mitgeteilt, dass „es keinerlei Hinweise gibt, dass diese Mutation zu einer ungewöhnlichen Zunahme der H1N1-Infektionen oder vermehrt zu Todesfällen führt“. Der Mut zu schweigen jedoch fehlte.

Geheuchelte Aufklärung und Kasinomentalität

Nun kann man der Weltgesundheitsorganisation glauben oder nicht, sie ist nicht allwissend. Wenn aber auch die anderen Influenzaexperten einhellig mitteilen, dass besagte Mutanten mit dem Glycin-Austausch nach allen Erfahrungen weder die Gefährlichkeit noch die Ausbreitungstendenz beeinflussen, dass das Virus bislang sogar „überraschend stabil“ sei, sollte das doch genügen, die medialen Grippebrandherde zu schonen. Das Gegenteil war zu beobachten. Munter wurde auch danach über die Gefährlichkeit der Mutation „D225G“ spekuliert - spielerisch verpackt hier und da hinter unschuldigen Fragezeichen, aber der Wetteinsatz war klar: Was Angst und Unsicherheit schürt, zieht. Geheuchelte Aufklärung und Kasinomentalität beherrschen die Szene. Und Zündstoff dafür bietet die Schweinegrippe, wie die „Klimakatastrophe“, allemal. Und der Laie? Er darf sich schön regelmäßig am Feuer wärmen - und an seiner unverschuldeten Unsicherheit die Finger verbrennen.

In dem aufgeheizten Klima wird jeder Stoff, der sich zu dem Thema aufschnappen lässt, so schnell und aufreizend wie möglich verwertet. Die Kampagnen um die Impfung in den vergangenen Wochen, unter dem Schlagwort „Impfchaos“ längst aktenkundig, sind der schlagende Beweis. Ein Chaos, an dem alle mitgewirkt haben, angefangen von den Lieferanten bis zu den Multiplikatoren von sogenannten Gesundheitsinformationen.

H1N1 ist Freiwild

Das Hin und Her, die Zweifel, die - zusätzlich zur unausweichlichen Begrenztheit der Expertenaussagen - geschürt worden sind, haben genau dieses erreicht: dass am Ende alle, ja selbst ein Gutteil der Ärzte, zu strikten Meinungs- und Entscheidungsverweigerern werden. Nicht entscheiden können bedeutet in diesem Fall aber nicht zugleich, sich enthalten zu dürfen oder nicht handeln zu müssen. Fakt ist: Die Bereitschaft jedes Einzelnen zur Impfung ändert die eigene Gefährdungssituation, und sie verändert, auch wenn das für die meisten in ihrer indivuiduelle Entscheidung belanglos sein dürfte, auch die Bilanz im Großen. Nicht impfen zu lassen kann gut begründet sein. Die Freiheit hat jeder. Aber nach allem, was man in den vergangenen Wochen an Erfahrungen mit der Schweinegrippe gesammelt hat, ist das Risiko-Nutzen-Verhältnis eindeutig: Die Wahrscheinlichkeit, sich mit diesem speziellen Virus zu infizieren, ist heute sehr hoch. Daran schwer zu erkranken ist deutlich unwahrscheinlicher, und an dem neuen Erreger zu sterben gilt nach wie vor als extreme Ausnahme - diese geringe Gefahr aber ist immer noch um vieles größer als das Sterbe- oder Erkrankungsrisiko nach einer Impfung. Um es in Zahlen zu fassen: Rund achttausend Schweinegrippetote weltweit seit März, kein einziges nachgewiesenes Impfopfer (bei inzwischen Dutzenden Millionen verabreichten Dosen). Pure Statistik, könnte man einwenden - schwer vergleichbare noch dazu, weil die Impfungen erst ein halbes Jahr nach Ausbruch der H1N1-Epidemie begonnen haben. Und man könnte sogar weitergehen, so wie gestern ein Rechenexempel via Twitter die Runde gemacht hat: 300 Tage; 48.750.570 Sterbefälle; 8118 Schweinegrippetote - macht 0,016 Prozent. Lohnt sich dafür der ganze Impfaufwand?

Ebenso leicht könnte man bei solchen Vergleichen dazu kommen, die Bemühungen um Tuberkulose- oder Malariabekämpfung, die Ausrottung der Kinderlähmung oder der Masern einzustellen. Aber wer wollte dafür öffentlich einstehen? H1N1 dagegen ist Freiwild. Ein gefährlicher Spielgeselle. Mal kreisen die Gedankenspiele um seine vermeintliche Harmlosigkeit, mal um die Gefährlichkeit, und wieder später kreisen sie nach Belieben um Impfrisiken und spekulative Spätfolgen. Ein hemmungsloses Spiel in aller Öffentlichkeit. Ein Spiel mit dem Feuer.

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Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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