15.11.2009 · Die Schweinegrippe greift weiter um sich. Wegen der vielen Opfer wächst in Deutschland nach der anfänglichen Zurückhaltung nun doch die Impfbereitschaft. Auch die Religionsgemeinschaften in aller Welt wappnen sich gegen das Virus.
Die Schweinegrippe greift weiter um sich. Auch am Wochenende waren daher öffentliche und private Einrichtungen, Wissenschaftler und Ärzte mit der Erfassung und Bekämpfung der Epidemie beschäftigt. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts in Berlin sind in Deutschland bislang 16 Personen an dem H1N1-Virus gestorben. Mehr als 60.000 Menschen sind seit April daran erkrankt. Zahlreiche Schulen wurden vorübergehend geschlossen. Wegen der großen Zahlen der Infizierten gilt seit Samstag nur noch eine eingeschränkte Meldepflicht für Infektionen, damit die Ärzte von Verwaltungsaufgaben entlastet werden. Die Gesundheitsämter erfassen nun nur noch bestätigte Fälle von H1N1-Infektionen und Todesfälle nach der Erkrankung, nicht mehr einfache Verdachtsfälle.
Wegen der zahlreichen Todesfälle - die am Sonntag durch die ersten Schweinegrippetoten in Polen und im Kosovo ergänzt wurden - wächst in Deutschland nach der anfänglichen Zurückhaltung nun auch die Impfbereitschaft. Laut einer Umfrage der Institute Polis-Sinus und usuma im Auftrag der Zeitschrift „Focus“ stieg die Zahl der Impfwilligen im November auf 21 Prozent, verglichen mit 14 Prozent im Oktober. Nicht impfen lassen wollen sich demnach 67 Prozent. Im Oktober waren es noch 78 Prozent gewesen.
Studie warnt nach Mekka zu fahren
Auch die Religionsgemeinschaften in aller Welt wappnen sich gegen das Virus. Nach der Empfehlung der Deutschen Bischofskonferenz, im Gottesdienst Vorsicht walten zu lassen und den Friedensgruß im Zweifel nicht zu entrichten, sondern sich freundlich zuzunicken, sind nun auch die Muslime gewarnt. Wenige Tage vor dem Höhepunkt der muslimischen Wallfahrt, des Hadsch, warnt eine am Samstag im Fachblatt „Lancet“ veröffentlichte Studie muslimische Risikopatienten davor, nach Mekka zu fahren - wo sich alljährlich Ende November bis zu drei Millionen Pilger versammeln. Ziad Memish vom saudi-arabischen Gesundheitsministerium, der die Studie leitete, und seine Mitautoren schreiben, Massenaufläufe forderten die öffentliche Gesundheitsvorsorge besonders heraus, „weil sie die Ausbreitung der Krankheit auf ein Maximum treiben können“. Während des „Hadsch“ komme es an den heiligen Stätten zu großem Gedränge mit bis zu sieben Menschen auf einem Quadratmeter. Da viele Wallfahrer älter seien und wegen Armut oft nicht optimal ärztlich versorgt, brächten sie oft gesundheitliche Probleme mit. Unter anderem rät die Studie zu verstärkten Kontrollen an den Flughäfen, um eine Ausbreitung zu verhindern. Das saudi-arabische Gesundheitsministerium empfiehlt muslimischen Risikopatienten, derzeit Mekka zu meiden und eine Pilgerfahrt zu verschieben. Die saudi-arabische Tourismusindustrie hatte bereits vor Wochen mitgeteilt, die Zahl der Buchungen für die Wallfahrtssaison deutlich niedriger als sonst.
Auch die Bewältigung finanzieller Folgen der Schweinegrippe beginnt nun. Thüringen hat bisher rund 26.000 Euro an Entschädigungen gezahlt. Nach Angaben des Landesverwaltungsamtes geht das Geld an Menschen, die nach Kontakt mit Schweinegrippe-Patienten oder Verdachtspersonen unter Quarantäne gestellt wurden, wie MDR 1 Radio Thüringen am Sonntag meldete. Die Gesundheitsämter hatten etwa Ärzte oder Eltern, deren Kinder unter Infektionsverdacht standen, isoliert. Grundlage für Entschädigungen bei Quarantäne nach meldepflichtigen Erkrankungen ist das Infektionsschutzgesetz - bei Verstoß gegen eine Quarantäne-Anordnung drohen bis zu fünf Jahre Haft. Im ganzen Land sind bislang 71 Anträge auf Entschädigungen eingegangen, 51 wurden bearbeitet. Im Sommer waren unter anderem zwei Ärztinnen in Nordhausen auf Anordnung des Amtsarztes isoliert worden. Sie durften nicht praktizieren und mussten sich zu Hause aufhalten.
Kritik an der Impforganisation
Weiter wird Kritik an der Impforganisation geübt. Die rheinland-pfälzische Gesundheitsministerin Malu Dreyer (SPD) sagte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über den Hersteller GlaxoSmithKline: „Das Unternehmen hätte uns früher sagen müssen, dass der Impfstoff nicht ausreicht.“ Sie schlug vor, dass künftig nicht mehr in jedem Bundesland einzeln die Kosten für die Verimpfung geregelt werden. Vielmehr sollten der Spitzenverband der Krankenkassen mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung bundeseinheitlich klären, wie viel Geld die Ärzte für das Impfen bekommen.
Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) verteidigte das föderale Vorgehen in der „Welt am Sonntag“ mit dem Hinweis, Bund und Länder arbeiteten eng zusammen. Nicht immer seien Wartezeiten zu vermeiden, aber die Impfstoffherstellers hätten zugesagt, in den kommenden Wochen mehr Impfstoff zu liefern, das werde die Lage entspannen.
Für Bundestagsabgeordnete und ihre Mitarbeiter ist inzwischen auch gesorgt. Sie können sich nach einem „Spiegel“-Bericht in den nächsten Tagen vom Parlamentsarzt impfen lassen. Die Bundestagsverwaltung richtet demnach eine Impfstelle für Parlamentarier im Reichstagsgebäude ein. In einer Hausmitteilung wurden die Mitarbeiter aufgerufen, sich werktags zwischen neun und 13 Uhr im Sanitätsraum des Paul-Löbe-Hauses einzufinden. Die Impfung sei grundsätzlich „allen Personen“ empfohlen. Gesundheitsminister Rösler hat schon angekündigt, dass er sich in dieser Woche impfen lassen wolle.
Keine schwerwiegende Nebenwirkungen
Schwerwiegende Nebenwirkungen muss man bei einer Impfung offenbar nicht befürchten. „Focus“ berichtet unter Berufung auf das Paul-Ehrlich-Institut, dass bis Anfang der abgelaufenen Woche bei 59 Personen Verdachtsfälle von unerwünschten Reaktionen nach der Impfung gemeldet worden seien. Am häufigsten wurden Lokalreaktionen an der Injektionsstelle wie Rötung oder Schwellung und Allgemeinreaktionen wie Kopfschmerzen, Fieber, Müdigkeit, Muskel- oder Gliederschmerzen, Übelkeit oder Lymphknotenschwellung genannt. In wenigen Fällen kam es zu schweren allergischen Reaktionen oder Kreislaufbeschwerden. Von bleibenden Schäden oder gar tödlichem Ausgang wurde nicht berichtet.
Aus dem thüringischen Eichsfeld wird allerdings berichtet, dass ein 55 Jahre alter Mann etwa einen halben Tag nach seiner Schutzimpfung gegen Schweinegrippe gestorben sei. Das bestätigte Landesgesundheitsministerin Heike Taubert (SPD) der in Erfurt erscheinenden „Thüringer Allgemeinen“ (Montagausgabe).
Danach habe sich der Mann am Donnerstagmorgen impfen lassen und sei in der Nacht zu Freitag in seinem Haus in Leinefelde gestorben. Über Vorerkrankungen oder Unverträglichkeiten des Verstorbenen sei bislang offenbar nichts bekannt. Taubert sagte dem Blatt, der zuständige Amtsarzt habe ihr zugesichert, dass ein möglicher Zusammenhang des Todes mit der Impfung gegen die Schweinegrippe untersucht werde. „Ich rechne im Lauf der Woche mit den Ergebnissen“, sagte die Ministerin. Sie gehe davon aus, dass der Tote dazu auch obduziert werde. Dies sei die einzige Möglichkeit, sicher zu klären, ob ein Zusammenhang mit der Impfung besteht.
Weitere Informationen: http://www.pei.de/schweinegrippe (Paul-Ehrlich-Institut)
Auch ein Trost:
Karl-Heinz Andresen (khaproperty)
- 15.11.2009, 20:19 Uhr
"Wegen der vielen Opfer", "Wegen der zahlreichen Todesfälle"
Falk Hammer (FalkHammer)
- 15.11.2009, 22:12 Uhr
Schweinegrippe durch Trinkwasser übertragen
Wilfried Soddemann (Soddemann)
- 16.11.2009, 08:49 Uhr
Erbarmen!
J. H. (JohannesLeonhard)
- 16.11.2009, 13:07 Uhr
Was soll der Blödsinn?
Lars Kuntermann (Leserlein)
- 16.11.2009, 14:25 Uhr