02.12.2009 · Die Schweinegrippe grassiert - und parallel dazu die Angst vor der Impfung, deren Zusammensetzung und vor allem den möglichen Nebenwirkungen, geschürt von militanten Gegnern, die gern Panik verbreiten.
Von Stefan LockeDie Botschaft erreichte per E-Mail Freunde, Familie und Kollegen. „Wer es noch nicht weiß: Die beiden Impfstoffe gegen die sogenannte Schweinegrippe . . . enthalten als Adjuvans (Impfverstärker) Squalen“, schrieb vor zwei Wochen eine gewisse Juliane Sacher, Fachärztin für Allgemeinmedizin aus Frankfurt. Squalen sei auch bei Golfkrieg-Soldaten als Impfverstärker eingesetzt worden und habe das Golfkriegssyndrom verursacht. Chronische Müdigkeit, Fibromyalgie (Muskelrheuma), Gedächtnisstörungen, Erschöpfung, Schmerzen sowie Verdauungsprobleme und Hautausschlag seien die Folgen. „Wenn die Bundesregierung ihren Willen durchsetzt und 35 Millionen Menschen geimpft werden, ist damit zu rechnen, dass 8 bis 9 Millionen Bundesbürger für die nächsten Jahrzehnte unter chronischer Müdigkeit und Fibromyalgie etc. leiden werden. Geben Sie diese E-Mail an möglichst viele Ihrer Bekannten weiter.“
Die Kettenmail verbreitete sich in Windeseile in ganz Deutschland. Golfkrieg, Schmerzen und Syndrom waren Schlüsselwörter, die obendrein durch die schaurig illustrierten Folgen vor allem Unsicherheit, aber auch Angst verbreiteten. Die Botschaft hatte nur einen Haken: Sie war falsch. Squalen sei ein natürliches Zwischenprodukt des menschlichen Stoffwechsels sowie Bestandteil der Körperzellen und vieler Lebensmittel, klärte das für Impfstoffe und Arzneimittel zuständige Paul-Ehrlich-Institut auf. Ein Zusammenhang zwischen Anthrax-Impfung und Golfkriegssyndrom sei mehrfach untersucht, aber nicht gefunden worden, zumal der Impfstoff überhaupt kein Squalen enthalten habe. „Zur Sorge gibt es deshalb keinen Anlass.“
Gestorben seien damals nur die Geimpften
Inzwischen ist Frau Sacher, die keine Kassenzulassung mehr besitzt, die Angelegenheit ein bisschen peinlich. Sie habe sich auf andere Arbeiten bezogen, schreibt sie auf ihrer Internetseite. „Ich gebe zu, dass das nicht so geschickt war, weil einige Autoren später darlegten, dass das Golfkriegssyndrom nichts mit Squalen zu tun gehabt haben kann, weil in dem Impfstoff kein Squalen vorhanden gewesen sein soll.“ Für ihre Panikmache entschuldigte sie sich freilich nicht und verweigert auch die Auskunft, wie es zu dem „Missgeschick“ kommen konnte. Als Quelle der Hysterie gilt allerdings der Münchner Max Daunderer, auf dessen Internetseite sich die Squalen-Behauptungen finden.
Daunderer ist ein aggressiver Impfgegner, dessen absurde Thesen allenfalls etwas für hartnäckige Verschwörungstheoretiker sind. So leugnet er auf seiner Internetseite unter anderem, dass es die sogenannte Spanische Grippe, die nach dem Ersten Weltkrieg zwischen 25 und 50 Millionen Tote in aller Welt forderte, jemals gegeben habe. Gestorben seien damals nur die Geimpften, behauptet Daunderer, verschweigt allerdings geflissentlich, dass es zu dieser Zeit noch gar keine Grippeimpfung gab.
Impfungen machten krank und seien völlig unnötig
„Ich bin schockiert, dass gerade auch viele Ärzte diese E-Mail weitergeleitet haben“, sagt Susanne Stöcker, Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts. „Und das offenbar nur, weil sie von einer Ärztin kam.“ Obwohl mit lediglich ein, zwei Klicks die Urheberin samt Hintergrund zu ermitteln gewesen wäre, drückten viele auf „Weiterleiten“. „Durch das Internet haben es die Impfkritiker sehr leicht, ihre Behauptungen zu verbreiten“, sagt Stöcker. Gibt man in Suchmaschinen etwa das Wort „Impfen“ ein, tauchen ganz oben die Seiten der Impfkritiker auf; meist sind es mehr als die Hälfte der ersten zehn Links, darunter solche mit bezeichnenden Namen wie impfschaden.info und impfkritik.de.
Letztgenannte Seite wird betrieben von Hans Tolzin, einem gelernten Molkereifachmann, der das Anti-Impf-Blatt „Impf-Report“ herausgibt und auch als Vortragsreisender jegliches Impfen verteufelt. Impfungen machten krank und seien völlig unnötig, wenn die Schulmedizin ihren Tunnelblick aufgeben und nach den wahren Ursachen für Krankheiten forschen würde. Stattdessen diagnostizierten die Ärzte im Kartell mit der Pharmaindustrie Modekrankheiten wie die Schweinegrippe und verschrieben - selbst Gesunden - dagegen Medikamente, die wiederum Grippesymptome verursachten und damit die Existenz der Krankheit bestätigten. Ohnehin sei fraglich, ob die Grippe überhaupt ansteckend ist.
Impfgegner sind sehr präsent
Tolzins Thesen, die er sich weder durch stichhaltige Beweise noch durch plausible Argumente nehmen lässt, sind mit wenigen Klicks im Netz, auch persönlich vorgetragen auf „Youtube“, zu finden. Das Robert-Koch-Institut (RKI) zur Verhütung von Infektionskrankheiten schätzt die Zahl der Impfgegner und -verweigerer in Deutschland zwar nur auf drei bis fünf Prozent der Bevölkerung. Allerdings sind diese sehr präsent und untereinander gut vernetzt. So verschickt Juliane Sacher bis heute E-Mails „mit grundlegenden Informationen zur Schweinegrippe“, um damit „über Ursachen und Zusammenhänge aufzuklären“. Letzteres überlässt sie dann kommentarlos Leuten wie Hans Tolzin und Verschwörungstheoretikern wie Gerhard Wisnewski, der etwa die Anschläge der RAF und des 11. September für Komplotts der Geheimdienste sowie die Mondlandung für erfunden hält und heute Politikern und Pharmaunternehmen im Zusammenhang mit der Schweinegrippe „Impfterror“ sowie „Bioterrorismus“ vorwirft.
„Das Internet erleichtert die Verbreitung solcher Thesen erheblich“, sagt Susanne Glasmacher, Sprecherin des RKI. Wer Impfinformationen suche, finde eben häufig zuerst die Gegner-Seiten, auf denen nicht nur die Schweinegrippeimpfung, sondern das Impfen generell bekämpft werden. „Und wer erst einmal verunsichert ist und den Behauptungen glaubt, der ist für andere Argumente nicht mehr so offen.“ Diese Vermutung wurde nun erstmals wissenschaftlich bestätigt - und sie hat Folgen. „Impfkritische Informationen im Internet führen zu verstärkter Unsicherheit bei Impfentscheidungen“, erklärt die Psychologin Cornelia Betsch von der Universität Erfurt, die in einer Studie mit 350 jungen Eltern diesen Zusammenhang erforschte.
Der Impfnutzen ist nicht bewiesen
„Bereits nach kurzer Suche auf impfkritischen Seiten verändert sich die Risikowahrnehmung erheblich“, sagt Betsch. „Die Intention, das eigene Kind impfen zu lassen, sank nach dem Besuch dieser Seiten signifikant.“ Und die Entscheidung zur Nichtimpfung ist bleibend, wie eine weitere Untersuchung fünf Monate später ergab. „Vor allem die ausführlich geschilderten Einzelfälle tatsächlicher oder vermeintlicher Impfschäden nahmen die Eltern als bedrohlich wahr“, sagt Betsch. Viele hätten anschließend jedoch nicht nach Gegenargumenten, sondern ausschließlich weiter nach das Risiko bestätigenden Informationen gesucht.
Den Impfgegnern ist das freilich nur recht. „Ich bin froh, dass die Menschen endlich wach und kritisch werden“, sagt Bärbel Engelbertz vom „Schutzverband für Impfgeschädigte“, in dessen Internet-Forum neben drohenden Erfahrungsberichten („Das kann dir passieren, wenn du dich impfen lässt!“) vehement gegen das Impfen polemisiert wird. Sie sei nicht generell gegen Impfungen, sagt Engelbertz, die allerdings wie viele ihrer Kritikerkollegen auf folgenden Behauptungen besteht: Der Impfnutzen ist nicht bewiesen. Die Natur hilft sich selbst. Die Pharmaindustrie will nur verdienen.
Zunehmende Impf-Verunsicherung gerade bei jungen Eltern
Die Radikalität der Impfgegner sorgt jedoch nicht nur bei Wissenschaftlern für Kopfschütteln, sondern auch bei Impfskeptikern für Empörung. „Wir distanzieren uns entschieden von den Fanatikern, weil sie kontraproduktiv für unsere Arbeit sind“, sagt Sieglinde Kaufmann. Die dreiunddreißigjährige Dresdnerin gründete die Gruppe „Eltern für Impfaufklärung“ und hat selbst vier Kinder im Alter von eins bis neun, die noch ungeimpft sind. „Das ist keine endgültige Entscheidung. Ich halte das momentan für vertretbar, informiere mich aber ständig.“ Nur sei der unkritische Umgang mit Informationen aus dem Internet gefährlich, wie sie auch aus Gesprächen mit verunsicherten Eltern weiß. „Die extremen Kritiker agieren mit den gleichen Methoden, die sie ihren Gegnern vorwerfen: Angst, Hysterie und Fanatismus.“
Die zunehmende Impf-Verunsicherung gerade bei jungen Eltern spüren auch die Hebammen. „Es herrscht ein unglaublich großes Misstrauen“, sagt Edith Wolber vom Deutschen Hebammenverband, der Impfungen auch skeptisch, aber keinesfalls ablehnend gegenübersteht. Am Anfang sei die Haltung zur Schweingrippeimpfung durchaus positiv gewesen, doch nach der auch durch Sachers E-Mail ausgelösten Hysterie um Impfverstärker überwiege die Verunsicherung. „Wenn deshalb jetzt selbst wichtige Impfungen wie gegen Tetanus oder Tollwut vernachlässigt werden, hielte ich das für die größte Katastrophe“, so Wolber.
Das sieht auch der Verband der Kinder- und Jugendärzte so, die in der Regel erste Ansprechpartner für Impfungen sind. „Die Diskussion um die Schweinegrippeimpfung hätte schlechter nicht laufen können“, sagt Sprecher Ulrich Fegeler, der in Berlin praktiziert. „Die Leute kommen mit vielen Vorbehalten gegen diese Impfung.“ Dafür sei neben den Hardcore-Verweigerern jedoch auch die Ständige Impfkommission (Stiko) mit verantwortlich, da deren Vertreter selbst unterschiedlicher Ansicht waren und das auch öffentlich äußerten. Das sei gerade wegen der vorhersehbaren Mobilisierung der Gegner „völlig unverständlich“ und obendrein schädlich für das Impfen gewesen, sagt Fegeler. Noch aber habe sich die dadurch entstandene Skepsis in seiner Praxis „erfreulich wenig“ auf klassische Impfungen übertragen. „Das wäre dann auch außerordentlich gefährlich.“