05.05.2010 · Der Ölunfall im Golf von Mexiko hat Amerikas Vogelwelt in einer besonders kritischen Zeit getroffen: Das Küstengebiet der Vereinigten Staaten ist für viele Arten ein lebenswichtiges Überwinterungs- und Durchzugsgebiet.
Von Carl-Albrecht von TreuenfelsDen Ingenieuren von BP gelang es am Mittwoch zwar, eines von drei Lecks an der explodierten und untergegangenen Bohrinsel „Deepwater Horizon“ zu schließen, doch war dies nur ein technischer Erfolg: Der Ölaustritt von etwa 800 Tonnen am Tag hielt weiter an, und die Rettungstrupps müssen darauf hoffen, dass mit der 70 Tonnen schweren Abdeckkuppel – sie sollte noch im Laufe des Tages zur Unglücksstelle gebracht werden – die Gefahr einer katastrophalen Umweltverschmutzung gebannt werden kann. Ein Trost war es am Mittwoch auch, dass der Wind günstig stand und der Ölteppich die Küste noch nicht erreicht hat.
Der Ölunfall im Golf von Mexiko hat Amerikas Vogelwelt in einer für sie besonders kritischen Zeit getroffen. Das geschwungene lang gestreckte südliche Küstengebiet der Vereinigten Staaten ist für viele Arten ein lebenswichtiges Überwinterungs- und Durchzugsgebiet, für nicht wenige andere dient es als Brut- und Sommerevier. Das Unglück auf der Bohrinsel passierte, als die ersten Überwinterer schon auf den Weg in ihre nördlichen Brutgebiete aufgebrochen waren und somit von den Folgen verschont blieben. Die Mehrzahl aber hatte sich noch nicht auf ihre lange Reise über den „Central Flyway“, den mittleren kontinentalen Zugweg, über große Strecken nordwärts entlang des Mississippi, auf den Weg gemacht. Sie fressen sich noch die letzten Fettreserven für den langen Flug an. Und sie erhalten gerade in diesen Frühlingswochen Verstärkung von den Arten, die aus ihren Winterquartieren in Süd- und Mittelamerika zum Brüten nach Nordamerika ziehen und die Gewässer und Küsten des Golfes von Mexiko als „Trittstein“ zum Auftanken ihrer Kräfte und zum Pausieren nutzen. Manche bleiben auch hier, um in den Mangrovenwäldern oder auf den Wattflächen und Sandstränden zu brüten und ihre Jungen aufzuziehen.
Kaum ein anderer Küstenabschnitt hat eine derartige Bedeutung für die amerikanischen Vögel wie die Ufergebiete und Flussdeltas zwischen Texas und Florida. Ein gut Teil der mehr als 800 in Nordamerika vorkommenden Vogelarten sind hier zumindest zeitweilig zu beobachten. Daher ist es verständlich, dass sowohl beim amtlichen Naturschutz unter der Federführung des im Bundesinnenministerium angesiedelten „US Fish and Wildlife Service“ als auch bei den Naturschutzorganisationen wie der Audubon Society und den in den Vereinigten Staaten nach Millionen zählenden „birdwatchers“, den Vogelbeobachtern, die Sorge groß ist, es könne zu großen Verlusten unter den Vögeln kommen. Da ist einmal die Gefahr der unmittelbaren Berührung der Vögel mit dem Ölteppich auf dem Wasser oder an Land, die zum Verkleben des Gefieders führt. Damit verlieren sie ihre Flugfähigkeit, die Federn isolieren den Körper nicht mehr gegen Wasser und Kälte. Das betrifft vor allem die Schwimm- und Tauchvögel wie Gänse, Enten, Taucher, Kormorane und Möwen. Aber auch Pelikane, Fregattvögel, Scherenschnäbel und Seeschwalben etwa, die ihre Fischbeute im Stoßtauchen unter oder im Gleitflug an der Wasseroberfläche fangen, können betroffen sein.
Selbst wenn nur kleine Teile des Gefieders mit Öl verschmutzt sind, können die Folgen tödlich sein: Die Vögel versuchen, mit dem Schnabel die verunreinigten Federn zu reinigen und verschlucken dabei die klebrige Masse – mit schlimmen Folgen für den Verdauungstrakt. Genauso fatal wie das Verkleben der Federn ist für die Vögel die Belastung oder Vernichtung ihrer Nahrung durch das Öl. Fische, Austern, Krabben, Schnecken, Würmer, alles was das Meer den vielen Nahrungsspezialisten unter den Vögeln im Brandungsbereich, auf den ufernahen Schlickflächen und den Kiesstränden zu bieten hat, kann Schaden genommen haben. Nicht immer erkennen die Regenpfeifer und Strandläufer, die in großer Artenvielfalt an der Küste des Golfes von Mexiko überwintern, Rast machen oder brüten, dass ihre am Flutsaum aufgenommene Nahrung belastet ist und damit lebensgefährlich werden kann. Für die große Gruppe der Schnepfenvögel ist die Küste des Golfes ein besonders wichtiges Rastgebiet. Daher ist es aus Gründen des kontinentalen Vogelschutzes wichtig, dass besonders die Flachwasserzonen, die Strände und die Flussdeltas, allen voran das des Mississippi, vor dem Öl geschützt werden.
Eigens eingerichtetes Schutzgebiet an der Küste gefährdet
Einige Vogelarten stehen angesichts des sich ausbreitenden Öls ganz besonders im Fokus, denn das betreffende Gebiet ist für sie der einzige Rückzugsraum. So etwa lebt ein kleiner Restbestand von etwa 130 Tieren des Mississippi-Kanadakranichs in einem eigens für sie eingerichteten Schutzgebiet im südlichen Teil des Staates Mississippi unweit der Küste. Es sind die letzten Vertreter dieser Unterart in freier Wildbahn, für die seit Jahrzehnten große Anstrengungen zum Erhalt unternommen werden.