24.07.2010 · BP muss sich derzeit um mehrere Brandherde kümmern: Die Ölpest im Golf von Mexiko ist noch nicht unter Kontrolle, ein Wissenschaftler wirft dem Ölkonzern vor, Forscher zum Schweigen bringen zu wollen. Und die Sicherheitsstandards auf der gesunkenen Ölplattform wurden offenbar nicht eingehalten. Ungeachtet dessen will BP in Kürze wieder in der Tiefsee bohren - diesmal im Mittelmeer.
Gegen den Ölkonzern British Petroleum (BP) gibt es neue Vorwürfe: Ein führender amerikanischer Wissenschaftler behauptet, der Ölkonzern wolle angesehene Forscher zum Schweigen bringen. Und ein leitender Techniker berichtete vor einem staatlichen Ermittlungsausschuss in den Vereinigten Staaten, dass das Alarmsystem auf der gesunkenen Ölbohrplattform abgeschaltet war.
Der Techniker Mike Williams, der sich bei der Explosion auf der „Deepwater Horizon“ nur durch einen Sprung ins Wasser retten konnte, sagte, der Sirenen-Signal sei in der Unglücksnacht nicht aktiviert gewesen: „Sie wollten nicht, dass die Leute um drei Uhr nachts durch Fehlalarme geweckt werden“. Elf Menschen kamen bei dem Unfall ums Leben. 115 der 126 Menschen auf der Bohrinsel wurden damals gerettet.
Der Alarm sei schon ein Jahr vor der Explosion der Bohrinsel „Deepwater Horizon“ am 20. April abgeschaltet worden. Damals begann die bis heute andauernde Ölpest, die größte Naturkatastrophe vor der amerikanischen Küste. Da das Alarmsystem nicht vollständig funktionierte, sei die Evakuierung der
Plattform behindert worden. Unklar sei allerdings, ob man mit voll funktionierenden Alarm die elf Todesfälle hätte verhindern können, schreibt die „New York
Times“.
Er habe seine Vorgesetzen über den abgeschalteten Alarm informiert, sagte Williams weiter - doch die hätten ihm klargemacht, dass dies Absicht sei. Die Computer hätten zwar gefährliches Methangas noch gemessen, aber keinen akustischen oder optischen Alarm ausgelöst.
Neue Bohrungen in wenigen Wochen
Ungeachtet dessen will BP die nächste Tiefseebohrung im Mittelmeer vor der Küste Libyens starten. „Die Bohrungen werden in wenigen Wochen beginnen“, sagte BP-Sprecher David Nicholas am Samstag. Die Quelle soll spätestens in einem halben Jahr erschlossen sein. In dem Feld soll es große Mengen Erdöl und bis zu 850 Millionen Kubikmeter Erdgas geben. Der Energiekonzern wies Sicherheitsbedenken über die neue Tiefseebohrung zurück.
Die Bohrung erfolgt in der Mittelmeerbucht Große Syrte. Etwa 200 Kilometer westlich der Hafenstadt Bengasi liegt die Quelle in rund 1750 Metern Tiefe. Damit wird dort 250 Meter tiefer nach den beiden Energierohstoffen gebohrt als bei der Tiefseebohrung im Golf von Mexiko. Zwischen den beiden Bohrfeldern gebe es allerdings keine Parallelen, betonte BP-Sprecher Nicholas. Hohe Sicherheitsstandards seien vor Libyen gewährleistet.
Die Rechte für die Erschließung der Ölquelle hatte BP vor drei Jahren von Libyen für 900 Millionen Dollar (675 Mio Euro) gekauft. BP-Chef Tony Hayward bezeichnete den Deal als bis dahin größte Einzelinvestition. Der Konzern bestätigte, der britischen Regierung unter Premierminister Tony Blair damals zu einer schnellen Einigung über einen Gefangenenaustausch geraten zu haben. Die Vereinigten Staaten werfen BP vor, die vorzeitige Freilassung des libyschen Lockerbie-Attentäters Abdel Basset al-Megrahi vor einem Jahr vorangetrieben zu haben, um das Millionengeschäft zu starten.
Al-Megrahi wurde wegen einer Krebserkrankung im Endstadium von den Schotten begnadigt. Zur Begründung hieß es damals, seine Tage seien gezählt. Er lebt heute in seiner Heimat. Bei dem Flugzeug-Attentat nahe dem schottischen Lockerbie waren 1988 insgesamt 270 Menschen ums Leben gekommen, unter ihnen 189 Amerikaner. BP hatte seine Ölgeschäfte in Libyen 1971 einstellen müssen, weil Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi die britischen Besitztümer verstaatlichte. BPs Partner bei der neuen Quelle ist die staatliche Libyan Investment Corporation, die 15 Prozent der Erträge bekommt.
Vorwurf der Einflussnahme
Der Vorsitzende des amerikanischen Professorenverbandes AAUP, Cary Nelson, warf im Gespräch mit dem britischen Sender BBC dem Ölkonzern vor, das Unternehmen wolle Wissenschaftler mundtot machen. BP habe angesehene Forscher unter Vertrag genommen, um Informationen eine Zeit lang unter Verschluss zu halten. „Ein wahrlich gigantischer Konzern versucht das Schweigen von Hochschullehrern in einem umfassenden Ausmaß zu erkaufen“, sagte Nelson. Der Londoner Ölkonzern hat nach eigenen Angaben mehr als zwölf amerikanische Wissenschaftler engagiert, bestreitet aber, dass es für die Experten Beschränkungen gebe.
Nelson warf dem Konzern vor, BP wolle sich mit den Informationen der Forscher einen Vorteil bei bevorstehenden Gerichtsprozessen verschaffen. Anwälte des Energiekonzerns wollen die Wissenschaftler laut den Verträgen, die der britische Sender am Samstag dokumentierte, an das Unternehmen binden. Die Forscher müssten demnach enge Absprache über ihre Arbeit mit den Anwälten des Konzerns führen. Ein besonderes Anliegen in der Vereinbarung über das geistige Eigentum ist „strenge Vertraulichkeit“. Ergebnisse der Forschung dürfen frühestens nach drei Jahren veröffentlicht werden - oder früher, falls die amerikanische Regierung über den Wiederaufbauplan für die gesamte Golfregion vorher zustimmen sollte.
Die amerikanische Anwaltskanzlei Brunini hat laut dem BBC-Bericht unter anderem das Meeresinstitut der Universität von South Alabama kontaktiert. BP habe die gesamte Abteilung verpflichten wollen, sagte Institutsleiter Bob Shipp. Er habe jedoch darauf bestanden, die volle Kontrolle über alle Daten zu haben und an Kollegen weiterzuleiten. Daraufhin habe er nichts mehr von BP oder der Anwaltskanzlei gehört.
Dagegen habe Irv Mendelssohn von der Louisiana State University bei der Unterzeichnung seiner Vereinbarung mit BP nichts Ehrenrüchiges gesehen. Mit den amerikanischen Umweltbehörden verlaufe die akademische Zusammenarbeit ähnlich.
Kampf gegen Ölpest unterbrochen
Im Golf von Mexiko mussten die Experten am Freitag ihren Kampf gegen die Ölpest wegen eines nahenden Unwetters stoppen. Der Tropensturm „Bonnie“ schwächte sich zwar zu einem Tief ab, wie das Nationale Hurrikan-Zentrum in Miami mitteilte. Eine Sturmwarnung bestehe aber weiterhin für Teile der amerikanischen Küste, berichtete CNN. Einsatzleiter Admiral Thad Allen hatte den Abzug der meisten Schiffe nahe der Unglücksstelle angeordnet. „Jetzt ist es unsicher, daher verlassen wir die Region“, sagte Allen.
Insgesamt werde der Kampf gegen die Ölpest durch das Unwetter vermutlich um 10 bis 14 Tage zurückgeworfen. Das Nationale Hurrikan-Zentrum geht davon aus, dass erste Vorboten der Schlechtwetterfront am späten Samstagabend (Ortszeit) die Region der Umweltkatastrophe vor der amerikanischen Küste erreichen. Bereits zuvor fegte „Bonnie“ mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 56 Stundenkilometern über Florida hinweg. Es blieb unklar, ob das Unwetter noch an Kraft zunimmt, bevor es die Stelle erreicht, wo im April die Bohrinsel sank.
Die Kappe, die das Ölleck in 1500 Meter Tiefe seit einer Woche erfolgreich abdichtet, soll bis auf weiteres verschlossen bleiben, hieß es. Eine Beobachtung der Abdeckung ist wegen „Bonnie“ bis auf weiteres nicht möglich.
IEA fordert stärkere Überwachung
Die Internationale Energie-Agentur (IEA) forderte angesichts der Öl-Katastrophe eine stärkere Überwachung der Ölkonzerne. Der Chefökonom der IEA, Fatih Birol, sagte der „Berliner Zeitung“ (Samstag-Ausgabe): „Eine bessere Regulierung der Ölindustrie ist möglich und überaus nötig. Wir brauchen neue Regeln und am dringlichsten eine bessere Überwachung der Ölkonzerne durch staatliche Aufsicht.“ Birol sprach sich dennoch dafür aus, neue Tiefseeprojekte anzugehen. „Wir dürfen nicht vergessen, dass ein sehr großer Teil der neuen Ölquellen, die sich noch anzapfen lassen, um unseren steigenden Bedarf zu decken, unter dem Meer liegen.“
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