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Golf von Mexiko Ölkommando statt Fischfang

31.08.2010 ·  Die Ölpest hat Fischern am Golf von Mexiko den Lebensunterhalt entzogen. Der Ölkonzern BP hat viele von ihnen angeheuert und zahlt gut. Das verführt zum Bleiben.

Von Roland Lindner, Buras (Louisiana)
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„Momma Bear" hat bewegte Zeiten hinter sich. Das Fischerboot von Dwayne Baham aus dem Hafenort Buras am Golf von Mexiko ist vor fünf Jahren vom Hurrikan Katrina übel zugerichtet worden. Als der Sturm vorbei war, stand das Boot auf dem Kopf. Nach der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko war "Momma Bear" zwischenzeitlich im Auftrag des Ölkonzerns BP im Einsatz. Baham half mit dem Boot beim Eindämmen der Ölpest. Seit zwei Wochen erfüllt die "Momma Bear" endlich wieder ihren eigentlichen Zweck: Nach der Freigabe eines großen Teils des Golfs ist das Boot nun wieder zum Shrimpfang unterwegs. Ein Anlass zur Entwarnung ist das für den 50 Jahre alten Baham aber noch immer nicht: Die Shrimppreise sind rapide gefallen, und ihn bewegt die Frage, welche langfristigen Folgen die Ölpest für den Fischfang in der Region haben wird.

Baham und viele Fischer an der Golfküste haben dramatische Monate hinter sich. Die Ölpest hat ihnen schlagartig den Lebensunterhalt entzogen: Die ölverschmutzten Gewässer wurden weitgehend für den Fischfang gesperrt, den Menschen verging der Appetit auf Shrimps und andere Spezialitäten vom Golf. Das war verheerend für die Region, denn sosehr sich hier auch die Ölindustrie ausgebreitet hat, die Fischerei ist noch immer ein gewaltiger Wirtschaftsfaktor. Fast 70 Prozent der gesamten amerikanischen Shrimpproduktion kommen aus dem am Golf gelegenen Bundesstaat Louisiana.

Die „Spillionaires“

BP hat in den vergangenen Monaten viele zur Untätigkeit verdammte Fischer angeheuert, um mit ihren eigenen Booten bei den Aufräumarbeiten zu helfen. Es hatte eine gewisse Ironie, dass BP auf einmal zum Arbeitgeber der Menschen wurde, die wegen der Ölpest ihrer Beschäftigung nicht mehr nachgehen konnten. Erst recht, weil die Rekrutierten mit der Arbeit für BP oft mehr Geld verdienen als vorher mit dem Fischfang. Manche in der Region sprechen schon von den "Spillionaires" und meinen damit, dass manche von der Ölpest oder dem "Oil Spill" vermeintlich Geschädigte unter dem Strich sogar klar profitieren, jedenfalls für den Moment.

Der Spitzname mag übertrieben sein, aber die Arbeit für BP ist offenbar verlockend genug, dass längst nicht alle Fischer nach der erteilten Genehmigung sofort wieder auf Fischfang gegangen sind, sondern weiter in Diensten des Ölkonzerns stehen. Im Hafen von Buras sind an einem frühen Morgen beide Lager zu beobachten: An einer Stelle versammeln sich Dutzende von BP-Helfern, darunter viele, die im eigentlichen Beruf Fischer sind. Hundert Meter entfernt davon ist das Dock, an dem die Fischerboote ankommen und die gefangenen Shrimps abladen.

Jonathan Dardar gehört zur BP-Fraktion. Der 29 Jahre alte Shrimpfischer arbeitet seit sechs Wochen für den Ölkonzern. Seine Aufgabe ist es, die von BP auf der Wasseroberfläche ausgebreiteten Ölsperren instand zu halten oder auch einzusammeln, wenn sie nicht mehr gebraucht werden. Er bringt sein eigenes Boot für den Job mit und bekommt 1200 Dollar am Tag. Andere Fischer mit größeren Booten können einige hundert Dollar mehr verdienen, erzählt er. Die Hilfskräfte auf den Booten erhalten 300 Dollar.

Dardar will die Arbeit für BP so lange behalten, wie es geht. "Es kann von einem Tag auf den anderen vorbei sein. BP lässt die Leute rotieren, weil die Jobs so begehrt sind", sagt der Vater von zwei Kindern, der wie Baham auch schon von Katrina hart getroffen worden ist. Zwar hat er an guten Tagen mit dem Shrimpfang schon oft so viel Geld verdient wie jetzt bei BP. Im Moment ist das aber wegen der niedrigen Shrimppreise kaum drin. Nach Beginn der Ölpest im Frühjahr sind die Preise zunächst noch deutlich gestiegen, weil die Sperrung des Golfs für den Fischfang das Angebot verknappt hat. Mittlerweile ist es aber angesichts schwacher Nachfrage deutlich nach unten gegangen; die Menschen schrecken vor dem Verzehr von Fisch aus den von der Ölpest heimgesuchten Gewässern zurück.

„Es ist noch immer viel Öl da draußen“

Dwayne Baham ist trotzdem auf Shrimpfang. Kurz nachdem die BP-Helfer den Hafen verlassen haben, läuft er mit "Momma Bear" am Dock ein und liefert seine Beute ab. Baham war vom Vorabend um 19 Uhr bis morgens um 8 Uhr unterwegs, nachts sind Shrimps am besten zu erwischen. Er hat etwas mehr als 700 Pfund gefangen; ein mäßiger Ertrag, in guten Zeiten war es doppelt so viel. Baham bekommt 1,55 Dollar je Pfund, was aus seiner Sicht kümmerlich ist. Im Mai habe das Pfund noch 2,75 Dollar eingebracht. Das Shrimpdock ist noch weit von seiner früheren Betriebsamkeit entfernt. Baham erzählt, dass er früher oft zwei Stunden in der Schlange gewartet hat, bevor er abladen konnte. An diesem Morgen ist niemand vor ihm. Auch Baham ist nicht ganz freiwillig hier: Er war zwischenzeitlich ebenfalls für BP im Einsatz, fiel dann aber der Rotation zum Opfer. "Sonst würde ich das wahrscheinlich heute noch machen", sagt der Vater von vier Töchtern.

Auch unter den BP-Helfern ist die Stimmung gedämpft. "BP könnte uns besser behandeln", sagt der 26 Jahre alte Michael Early, der in normalen Zeiten Krabbenfänger ist. Jonathan Dardar beklagt, dass er auch nach sechs Wochen Arbeit für BP noch kein einziges Mal ausbezahlt worden ist. Und es fällt ihm schwer, sich darauf umzustellen, Anweisungen entgegenzunehmen: "Ich bin daran gewöhnt, dass ich mein eigener Herr auf meinem Boot bin." Wenn Dardar in den Golf hinausfährt, erwartet ihn kein schöner Anblick: "Es ist noch immer viel Öl da draußen. Manche seichte Stellen sind ein einziger Ölschlamm." Die Berichte, dass der größte Teil des Öls mittlerweile verschwunden sein soll, glaubt er nicht. BP will das nicht gelten lassen. "Wir sind an der Golfküste zu 95 Prozent mit dem Entfernen von Öl fertig", sagt Scott Neuhauser, stellvertretender Leiter der BP-Einsatzstelle im nicht weit von Buras entfernten Venice. Neuhauser gibt aber zu, dass an einzelnen Abschnitten der Golfküste noch immer größere Mengen von Öl zu finden sind.

Die Sorgen von Fischern wie Baham gehen indessen über den aktuellen Zustand hinaus: "Ich mache mir mehr Gedanken um das nächste Jahr. Wir haben noch immer keine Ahnung, welche Schäden das Öl hier längerfristig angerichtet hat." Im Moment würde er aber die Shrimps, die er fängt, ohne Bedenken selbst essen, schließlich habe es umfangreiche Sicherheitstests gegeben. Damit stimmt auch Jonathan Dardar überein, wenn auch nicht ohne ein Stück Resignation: "Was soll mir denn sonst noch Schlimmes passieren?"

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Jahrgang 1970, Wirtschaftskorrespondent in New York.

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