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Deepwater Horizon Das Tschernobyl des Öl-Zeitalters?

06.06.2010 ·  Hybris, rufen die Pessimisten. Und warnen die Menschheit, es nicht zu weit zu treiben mit der Technik. Doch Katastrophen haben ihr Gutes: Sie sind der Preis des Fortschritts.

Von Melanie Amann und Winand von Petersdorff
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Vielleicht muss einer der entlegensten Arbeitsplätze der Welt "Perdido" heißen. "Verloren", so kann man den Namen der Ölplattform übersetzen, die Shell 320 Kilometer vor der texanischen Küste in den Golf von Mexiko gerammt hat. Hier bohrt der Konzern zusammen mit BP und Chevron nach Öl - in 2450 Metern Tiefe. Sechs Milliarden Dollar soll das Projekt gekostet haben.

"Eine neue Ära der Innovation!", jubelte Shell zur Eröffnung von Perdido im März. 2,5 Kilometer, das sind sechs Empire State Buildings übereinander, so tief kam noch kein Mensch mit keiner Maschine. In Werbevideos schwärmen Shell-Leute vom Gewusel am Meeresgrund: von seltenen Haien, Quallen, die aussehen "wie Aliens", Kolonien von Krabben. "Großartig, was Mutter Natur hier erschaffen hat", schwärmt ein Ingenieur.

Nicht allzu weit entfernt hat Mutter Natur derzeit schwer zu kämpfen mit dem, was die Kollegen von BP angerichtet haben. Seit die BP-Plattform "Deepwater Horizon" in einer Feuerwolke im Meer versank, sprudeln jeden Tag 800000 Liter Öl aus dem Bohrloch ins Meer und verseuchen alles, was hier krabbelt und schwimmt.

Was für eine Katastrophe! Eine einzigartige Technik richtet einen einzigartigen Schaden an. Die Kulturpessimisten aller Länder klagen laut. Und der für das Desaster verantwortliche Konzern verneigt sich zerknirscht: "Das Herz jedes BP-Mitarbeiters ist gebrochen", sagt Konzernchef Tony Hayward auf einer Investorenkonferenz. Der Konzern will alles bezahlen und erwägt sogar, die Dividende zu streichen. Hayward mag ahnen, dass das ganze Modell, mit dem BP und die meisten Konkurrenten bisher wirtschafteten, in der Krise ist.

Denn die Katastrophe am Golf von Mexiko provoziert neben der Untergangsstimmung ganz grundsätzliche Fragen: Wie soll eine moderne Gesellschaft ihren Fortschritt organisieren? Und: Welche Rolle darf dabei die Technik spielen?

"Kehrt um, übt Demut", fordert die Öffentlichkeit. "Entmachtet die Ingenieure", sekundiert die Wissenschaft. "Die Katastrophe verdeutlicht die technische Hybris der Konzerne. Wir erleben das Tschernobyl des Öl-Zeitalters", sagt der Kulturwissenschaftler Claus Leggewie. Mit ihren Bohrrekorden hätten die Öl-Multis die Bürger fasziniert und begeistert - und sie dabei blind gemacht für die Risiken ihrer Methoden. "Wir haben den Technikern die symbolische Vorherrschaft überlassen", klagt Leggewie. "Diese hätten ihren Grips lieber in weniger riskante Versorgungstechniken gesteckt", findet der Professor aus Essen. Wenn Pessimisten von Risiko reden, dann klingt es immer nach waghalsigen Glücksrittern.

Es hat sich viel gebessert

Was die Ingenieure wirklich treibt, außer der Neugier und der Faszination des Unergründeten, sind die Märkte und die Kunden. Die Ölfirmen und ihre Angestellten meinten, neue komplexe technische Methoden zu finden, die die Versorgung mit günstigem Treibstoff auf Jahre sicherstellen. Allein mit einer Tagesförderung von Perdido hätte man 500 Autos 15 Jahre lang antreiben können, hat Shell ausgerechnet. Katastrophen sind in diesen Rechnungen nicht einkalkuliert und deshalb nicht eingepreist, weder an der Zapfsäule noch im Börsenwert der Konzerne. In dieser Hinsicht haben die Preisbildungsprozesse der Märkte versagt: Man wusste vorher nicht, was passieren kann. "Dafür sind die Methoden zu neu und die Unfallszenarien zu komplex", sagt der Ökonom Ulrich Witt. "Die Atomenergie ist heute sicherer einschätzbar als die Ölförderung in der Tiefsee."

Jetzt wissen es die Märkte etwas besser: BP hat ein Viertel seines Börsenwertes verloren, andere von Tiefseeexploration abhängige Energiefirmen werden neu bewertet. Das ist die schwer zu schluckende Konsequenz: Man braucht erst einmal Katastrophen, um ihre Risiken bewerten zu können. Die Ungewissheit macht zwangsläufig auch die staatliche Regulierung zu einem so schwierigen Geschäft. Sie neigt dazu, Regeln gegen die Katastrophen von gestern aufzustellen mangels Wissen über die Katastrophen von morgen. Hier ähneln die Schwierigkeiten jenen in der Finanzwirtschaft. "Technischer Fortschritt bedeutet immer auch, im Ungewissen zu stochern", sagt Umweltökonom Joachim Weimann. Die Methode folgt dem Trial-and-Error-Prinzip: Lerne aus den Fehlern. Was ist tolerabel?

Eine wichtige Erkenntnis dringt naturgemäß zurzeit kaum durch: dass sich das Prinzip "Lernen an Fehlern" bewährt hat, selbst bei einer Ölpest. In den siebziger Jahren registrierte man im jährlichen Schnitt sage und schreibe 25 schwere Öltanker-Havarien, in den neunziger Jahren nach der "Exxon Valdez"-Katastrophe waren es noch acht im Jahr, seit 2000 sind es jährlich drei Tankerunglücke. Auflagen zur Tankersicherheit und technische Entwicklungen haben sicherere Flotten entstehen lassen.

Katastrophen sind nicht eingepreist

Es war ein teurer Lernprozess, denn die Folgen verschiedener Havarien sind immer noch nachweisbar. Doch langfristig gilt auch, was der Evolutionsbiologe Josef Reicholf so formuliert: "Die Natur ist dynamisch. Sie kommt darüber hinweg."

Die Alternative zum Trial-and-Error-Verfahren, das eine große gesellschaftliche Toleranz für Katastrophen voraussetzt, ist das Vorsorgeprinzip, das Umweltschützer so gerne verbreitet wüssten: Techniken bleiben verboten, bis ihre absolute Sicherheit bewiesen ist. Doch auch in diesem Programm steckt eine Anmaßung, nämlich dass man vorher schon weiß, was absolute Sicherheit ist.

Schwerer noch wiegt ein anderer Gedanke: Das Vorsorgeprinzip erstickt den technischen Fortschritt, weil es die knappen Ressourcen der Menschheit auf die Vermeidung von technischen Risiken lenkt. Es ist, als ob das Erfindungswesen komplett dem Technischen Überwachungsverein überantwortet würde.

Der Zeitgeist, verunsichert durch schockierende Bilder, vergisst die guten Früchte der technologischen Entwicklung, zumindest vorübergehend. "Technologischer Fortschritt ist eine bewährte Methode, Gesellschaften weniger verletzbar gegen die Widrigkeiten aller Art zu machen", schreibt der amerikanische Wissenschaftler Indur Goklany. Zu den großen Plagen der Menschheit gehören bis in dieses Jahrhundert hinein Hunger, schlechter Zugang zu sauberem Wasser, mangelndes Wissen über Hygiene und Infektionen aller Art. In den vergangenen 150 Jahren sind diese Risiken in den armen Ländern deutlich reduziert worden und in den Industriestaaten nahezu eliminiert - dank des technischen Fortschritts. Die Konsequenz daraus ist, dass die Lebenserwartung der Menschen sich in dieser Zeitspanne nahezu verdoppelt habe, schreibt Goklany.

Das macht die Lage nicht unbedingt leichter. Es erzeugt das Dilemma der Technik an sich: Sie schafft es, dass Hunger, Durst, Mobilitätsbedürfnisse und Lebenslust von immer mehr Menschen gestillt werden. So sei es schon in der Landwirtschaft gelaufen, argumentiert Ulrich Witt: Der Getreideanbau wurde von guten Böden auf immer schlechtere ausgedehnt, um die Menschen zu sättigen. Zugleich erhöhte man die Produktivität durch Kunstdünger und moderne Anbaumethoden. Jetzt stößt man global langsam an die Grenzen der Produktivität mit den hergebrachten Anbauerfahrungen. Eine Lösung offeriert die höchst umstrittene Gentechnik.

All dies zeigt: Die Technik ist das Problem. Und sie ist die Lösung.

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