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Befragt: BP-Chef Tony Hayward „Der Unfall wird die Ölindustrie verändern, aber nicht stoppen“

18.05.2010 ·  Die Ölpest im Golf von Mexiko droht zur größten Umweltkatastrophe in der Geschichte Amerikas zu werden. Die Plattform wurde im Auftrag des Ölkonzerns British Petroleum betrieben. Vorstandschef Tony Hayward verteidigt die Ölförderung in der Tiefsee als wichtigen Beitrag zur Energieversorgung.

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Herr Hayward, Sie kämpfen seit Wochen gegen die Ölpest im Golf von Mexiko. Was waren die wichtigsten Erfahrungen, die Sie in dieser Zeit gemacht haben?

Das Wichtigste ist, dass Sie bei einem Unglück dieser Größenordnung als Unternehmensführer nach vorn treten und persönlich die Verantwortung bei der Bekämpfung der Folgen übernehmen müssen. Eine weitere Erfahrung ist, dass diese schwierigen Umstände zu einer außergewöhnlich engen Zusammenarbeit geführt haben - zwischen uns, verschiedenen Regierungsstellen, unserer ganzen Branche sowie weiteren Wissenschaftlern und Ingenieuren. Es ist ein gewaltiges Problem und die Reaktion darauf ist ein groß angelegtes und aufwendiges Teamwork mit gewaltigen Ressourcen. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir das Problem lösen.

BP war bisher stolz darauf, das führende Unternehmen in der schwierigen Tiefsee-Ölförderung zu sein. Haben Sie Ihre technischen Fähigkeiten überschätzt?

Ich denke nicht. Sowohl wir als auch die Ölbranche insgesamt haben in der Tiefsee über viele Jahre hinweg sicher und zuverlässig gearbeitet. Bis zu diesem schlimmen Unfall war die gesamte Sicherheitsbilanz im Golf von Mexiko über mehr als 20 Jahre hinweg sehr gut. Das zeigt, dass wir die Technologie und die notwendigen Fähigkeiten haben, in diesen Tiefen zu arbeiten. Außerdem bestätigen unsere Maßnahmen an der Wasseroberfläche, dass wir bei der Bekämpfung einer derartigen Katastrophe die richtigen Kompetenzen besitzen: Wir haben in großem Maße das Öl auf dem Meer eingedämmt; nur ein sehr kleiner Teil ist an die Küsten gelangt. Der Unfall zeigt allerdings auch, dass unsere Branche mehr Vorkehrungen treffen muss, um notfalls Öllecks auf dem Meeresboden rascher abdichten beziehungsweise den Schaden eines Ölaustritts im Tiefwasser an der Quelle eindämmen zu können.

Würden Sie im Rückblick sagen, dass BP und andere Konzerne auf der Jagd nach dem Öl zu große Risiken eingegangen sind?

Auf diese Frage eine einfache Antwort zu geben ist schwierig. Die Ölförderung in der Tiefsee ist sicherlich riskanter als an Land, aber unsere Industrie ging davon aus, dass wir über die Jahre gelernt hätten, diese Risiken zu beherrschen. Dieser Unfall wird ohne Zweifel uns und die ganze Branche dazu veranlassen, noch einmal über die Risiken und den richtigen Umgang damit nachzudenken. Dennoch sollten wir die Verhältnismäßigkeit wahren.

Inwiefern?

Wir und andere Unternehmen fördern Öl aus solchen Tiefen aus gutem Grund: Die Vereinigten Staaten und die Welt brauchen dieses Öl. Fast 30 Prozent der amerikanischen Ölproduktion wird aus dem Golf von Mexiko gedeckt. Das ist ein wesentlicher Beitrag zur Energieversorgungssicherheit des Landes. Deshalb denke ich, dass dieser Unfall die Ölindustrie verändern, aber nicht stoppen wird. Wir haben nach der Beinahe-Katastrophe der Apollo 13 nicht die Raumfahrt aufgegeben und auch nicht die Luftfahrt, nachdem vergangenes Jahr eine Maschine von Air France unter ungeklärten Umständen über dem Atlantik abgestürzt ist.

Aber ist es wirklich vertretbar, dass Sie in Ihrem Alltagsgeschäft Risiken eingehen wie bei einem Flug zum Mond vor 40 Jahren?

Der Vergleich ist nicht ganz richtig. Was ich ausdrücken will ist, dass die technischen Herausforderungen für uns in der Tiefsee ähnlich groß sind wie in der Raumfahrt. Das kann man sicherlich so sagen.

Wenn BP unter so schwierigen Bedingungen nach Öl bohrt, kann die Öffentlichkeit dann nicht erwarten, dass Sie wissen, was zu tun ist, wenn dabei etwas schiefgeht?

Ja, und an der Meeresoberfläche wussten wir, was zu tun ist. Wir haben die mit Abstand größte jemals auf dem Meer organisierte Katastrophenbekämpfung gestartet, sie übertrifft alle bisher da gewesenen Maßnahmen weltweit um mehr als das Doppelte. Dieser Notfallplan war von den Behörden bereits zusammen mit der Freigabe für die Bohrung genehmigt worden, er war sorgsam ausgearbeitet und wurde in regelmäßigen Abständen gemeinsam mit der Küstenwache geprobt.

Unter Wasser aber fließt das Öl weiter.

Auf dem Meeresboden haben wir das Problem, dass wir mit einer solchen Situation nie zuvor konfrontiert gewesen sind. Es gab weder einen plötzlichen Öl- und Gasausstoß, einen sogenannten Blow- out, in dieser Wassertiefe, noch gab es jemals einen Fall, in dem das Sicherheitsventil, der Blow-out-Preventer, derartig versagt hat. Wie gesagt, wir müssen auf verschiedene Weise die Lehren aus diesem Vorfall ziehen: Wir müssen dafür sorgen, dass sich so etwas niemals wieder ereignet und wir müssen imstande sein, gegebenenfalls auch in diesen Tiefen zu reagieren.

Nach den Ermittlungen des Untersuchungsausschusses im amerikanischen Kongress haben BP und andere Unternehmen offensichtlich vor dem Unfall eine Reihe von Warnsignalen missachtet. Widerspricht das nicht der von Ihnen zuvor ausgerufenen Maxime, dass die Sicherheit oberste Priorität habe?

Definitiv nicht. Dieser Unfall ereignete sich auf einer Bohrplattform, die einem anderen Unternehmen gehörte und von diesem auch betrieben wurde. Dieses Unternehmen war für die Sicherheit auf der Plattform verantwortlich und ist dafür rechenschaftspflichtig. Ich will hier niemandem eine Schuld zuweisen - es ist die Aufgabe der staatlichen Ermittlungen, herauszufinden, was passiert ist und wer verantwortlich ist. Aber ich versichere Ihnen, dass die Betriebssicherheit im BP-Konzern für mich an erster Stelle steht, und dieser Unfall unterstreicht nur, wie wichtig das ist.

Warum wurde zum Beispiel auf eine Vorrichtung verzichtet, mit welcher das Absperrventil am Meeresboden notfalls ferngesteuert bedient werden kann?

Der Blow-out-Preventer der Transocean-Plattform hatte mehrere Sicherheitsstufen und verschiedene Kontrollmöglichkeiten - alle haben in diesem Fall versagt. Wir müssen unbedingt klären, warum diese versagt haben - aber ich kann mit Sicherheit sagen, dass dies nichts mit dem Fehlen eines einzelnen Kontrollsystems zu tun hat. Das ist schlicht irrelevant.

Sie haben bei BP in den vergangenen Jahren stark die Kosten gesenkt und auch von Dienstleistern wie dem Plattformbetreiber Transocean Preissenkungen verlangt. Ging das möglicherweise zu Lasten der Sicherheit?

Ich bin mir absolut sicher, dass bei den in den vergangenen drei Jahren angestoßenen Veränderungen die Sicherheit in allen Bereichen unseres Unternehmens oberste Priorität hatte. Die genannten Einsparungen und Effizienzmaßnahmen haben daran nicht das Geringste geändert.

Der Börsenwert von BP ist seit dem Unfall um rund 20 Milliarden Pfund geschrumpft. Ist das überzogen?

Es wäre unangemessen für mich, die Marktbewertung von BP zu kommentieren.

Aber wäre BP in der Lage und willens, gegebenenfalls für Schäden auch in einer solchen Größenordnung aufzukommen?

BP ist es ein sehr großes Unternehmen mit hinreichenden Mitteln, die Kosten aus diesem Vorfall zu bewältigen. Und wir haben gesagt, dass wir unserer Verantwortung voll gerecht werden und dass wir allen gerechtfertigten Schadenersatzforderungen nachkommen. Ich glaube, noch klarer können wir uns nicht ausdrücken.

Haben Sie trotz dieser Umweltkatastrophe im Verwaltungsrat der BP ausreichenden Rückhalt, um Vorstandschef von BP zu bleiben?

Meine Aufgabe ist es jetzt, dafür zu sorgen, dass das Ölleck geschlossen, der Ölteppich auf dem Meer eingedämmt und die Küste gereinigt wird, wenn das Öl an Land kommt. Darin unterstützt mich der Verwaltungsrat von BP. Wir werden letztlich an der Qualität und Wirksamkeit unserer Maßnahmen gemessen. Und ich habe keinen Zweifel daran, dass wir letztendlich erfolgreich sein werden.

Zur Person

Tony Hayward ist der Vorstandsvorsitzende von BP. Der 52 Jahre alte promovierte Geologe arbeitet seit fast drei Jahrzehnten für BP und steht seit 2007 an dessen Spitze.

Die Fragen stellte Marcus Theurer.

Quelle: F.A.Z.
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