02.08.2010 · Wie entsteht eine Massenpanik? Der Mensch sucht das Erlebnis in der Masse, und mit einem Mal wird sie ihm gefährlich. Der Panikforscher Dirk Helbing erklärt im Interview Bedürfnisse, Instinkte und Schockwellen.
Herr Helbing, was war die letzte Großveranstaltung, die Sie besucht haben?
Ich bin nicht so der Massenmensch.
Sind Ihnen Menschenmengen zu gefährlich?
Ich fühle mich da einfach nicht wohl. Aber Sie haben recht. Menschenmassen bergen immer ein gewisses Risiko, selbst wenn sie klein sind. Viele Schlägereien zum Beispiel entstehen, wenn Gruppendynamik außer Kontrolle gerät.
Beinhaltet jede Massenveranstaltung eine Gefahr für Leib und Leben?
Ein Restrisiko bleibt immer.
Warum zieht es Menschen trotzdem zu Mega-Ereignissen?
Gerade in Großstädten leben Menschen heutzutage anonym aneinander vorbei. Der Grad der Individualisierung ist hoch. Aber Menschen sind soziale Wesen. Sie haben ein Bedürfnis nach Anerkennung und suchen Anschluss.
Massenware, Massentourismus: So etwas gilt doch eher als Gegenteil von Qualität und Stil.
Das ist nicht das Einzige, was zählt. Ich finde es zum Beispiel faszinierend, das Leben in italienischen Städten zu beobachten. Im Sommer füllt sich die Piazza jeden Abend mit Menschen. Da kommt das Bedürfnis zum Vorschein, sich als soziales Wesen zu erleben und Teil einer Gruppe zu sein. Es wird aber durch starken Individualismus kompensiert: Jeder hat seinen eigenen Stil, jeder will etwas Besonderes sein. Das sind zwei Pole. Der Mensch versucht, eine Balance zu finden zwischen Individualismus und der Befriedigung sozialer Bedürfnisse.
Ist das die Natur des Menschen?
Zumindest sind viele Errungenschaften unserer Gesellschaft nur durch soziale Interaktion möglich. Eine Hochkultur, ein florierendes Wirtschaftsleben, die Infrastruktur einer Stadt - das alles entsteht nur mit vereinten Kräften. Dafür müssen wir uns auf gemeinsame Werte, auf Konventionen und ein gemeinsames Verständnis von Symbolen einigen.
Spätestens seit Elias Canetti ist klar: Der Reiz von Menschenmengen hängt weniger mit deren Größe als mit einem Gefühl zusammen.
Das hat etwas mit Identitätsfindung zu tun. Unsere Welt hat sich in den vergangenen Jahrzehnten so schnell verändert, dass Menschen ständig auf der Suche sind nach ihrer Rolle. Das macht sie empfänglich für Impulse anderer, die vielleicht schon fündig geworden sind. So entsteht ein Herdentrieb.
Den gibt es wirklich?
Besonders wenn Leute unsicher sind und Orientierung brauchen. Das ist beim Aktienmarkt genauso wie in Situationen, in denen es brenzlig wird. Ist man sich unsicher, ob die Kurse nach oben oder unten gehen, fragt man Freunde nach ihrer Meinung, liest die Zeitung oder orientiert sich an dem, was Börsengurus sagen. Sobald die Informationslage komplex wird, schauen Menschen darauf, was andere tun. Das nennt man „crowd sourcing“. Die Menge dient als Informationsfilter. In gewisser Weise ist das eine Hirnerweiterung. Was der Einzelne nicht verarbeiten kann, wertet die Gemeinschaft aus. Die Frage ist nur: Ist das gut oder schlecht?
Bei Bienen und Ameisen spricht man von Schwarmintelligenz. Menschenmassen unterstellt man, sie seien dumm und manipulierbar.
Es gibt beides: „crowd intelligence“, die Weisheit der vielen, aber auch den Wahnsinn der Massen, „the madness of crowds“. Wir haben vor einiger Zeit ein Experiment gemacht und untersucht, wie Leute Fakten schätzen, über die sie vage Kenntnisse haben. Zum Beispiel die Zahl der Raubüberfälle: Wenn Menschen unabhängig voneinander ihre Schätzung abgeben, liegen die Ergebnisse weit auseinander, aber der Mittelwert kommt der tatsächlichen Zahl sehr nah. Wenn die Leute über die Schätzungen anderer informiert werden, orientieren sie sich aneinander und sind sich am Ende einig. Das Tragische ist, dass das richtige Ergebnis dann oft aus dem Spektrum der Schätzwerte herausfällt.
Was folgern Sie daraus?
Möglicherweise ist es problematisch, dass wir politische und wirtschaftliche Entscheidungen in ständig miteinander diskutierenden Gremien treffen. Man verliert das Bewusstsein für die Fragwürdigkeit der eigenen Position und verwechselt Konsens mit Richtigkeit. Stattdessen sollte man sich der Gefahr eines Irrtums bewusst bleiben und genauer auf abweichende Meinungen hören.
Das passt zu Duisburg: Da sind die Mahner auch nicht beachtet worden.
Das war bei der Finanzkrise nicht anders. Wir müssen ein offeneres Ohr für Minderheitenmeinungen finden. Das kann uns vor schlimmen Fehlern bewahren.
Wie viel hat Massenpanik eigentlich mit Angst und Panik zu tun?
Wenn Menschen sich bedroht fühlen, reagiert ein archaischer Teil des Gehirns, die Amygdala, mit Flucht- und Kampfinstinkten. Das Blut wird in die Muskeln gepumpt, man hat Herzrasen, eine beschleunigte Atmung, Schweißausbrüche. Die Leistungs- und Beurteilungsfähigkeit des Gehirns nimmt ab. Wenn Menschen dann zu flüchten versuchen und andere wegschieben, kann das zum Aufbau unkontrollierbarer Kräfte führen. Bei jedem Körperkontakt übertragen sich Kräfte. Die summieren sich.
Insofern ist ein Überlebensinstinkt für ein tödliches Szenario verantwortlich?
Es ist nicht sicher, dass das in Duisburg so war. Ist wirklich die Panik der Auslöser der Katastrophe? Oder ist es die entsetzliche Enge in der Menge, die eine objektive Bedrohung für Leib und Leben darstellen und deshalb Panik verursachen kann? Vielleicht ist es ein Kreislauf: Die Situation wird als gefährlich empfunden, das führt zu Panik, und die Situation wird dadurch noch brenzliger. Jede dichte Menschenmasse ist ein Gefahrenpotential, auch ohne dass im psychologischen Sinne Panik auftritt.
Nicht die Panik, die Masse ist entscheidend?
Da sind Kräfte am Werk, die man sich kaum vorstellen kann. Während Fußgängerströme normalerweise Flüssigkeiten ähneln, verhält sich der verdichtete Pulk wie granulare Materialien, beispielsweise wie ein Kieshaufen, über den ein Bagger fährt. Das ist im Prinzip Physik. Es bilden sich Kräfte, deren Richtung und Stärke sich plötzlich ändert. So ist es auch im extremen Gedränge. Leute sind eingezwängt, können sich nicht mehr kontrolliert bewegen. Sie werden umhergestoßen wie von den Schockwellen eines Erdbebens. Es wird unglaublich schwer, sich auf den Beinen zu halten. Wenn man stürzt, wälzt sich die Menge fast unweigerlich über einen hinweg.
Dann hat jeder nur noch sein Überleben im Blick und trampelt andere nieder.
Es ist umstritten, ob Menschen in Panik rücksichtslos nur an sich selbst denken. Sie verlieren die Kontrolle; aber die meisten Menschen helfen einander, so weit sie können. Umstritten ist auch, ob Fluchtverhalten rational ist oder nicht: Natürlich ist es vernünftig, sich aus einer misslichen Lage zu befreien. Andererseits können Befreiungsversuche das Drama verschlimmern, weil das noch mehr Druck in der Menge aufbaut. Statt von „Massenpanik“ spricht die Wissenschaft lieber von „crowd disasters“. Das vermeidet solche Interpretationsprobleme.
Sind Sie je in so ein Desaster hineingeraten?
Ja, bei der Weihnachtsvorführung der „Feuerzangenbowle“ mit Heinz Rühmann an der Uni Göttingen, als ich noch studierte - das hatte Kultstatus und war völlig überlaufen. Als sich der Saal füllte, wurde ich von der Menge mitgerissen. Beinahe wäre ich gestürzt. Oder neulich in Siena, da war die Dichte nicht ganz so groß. Dort findet jährlich der Palio statt, ein Pferderennen mit Tausenden Zuschauern auf dem historischen Platz im Stadtzentrum. Plötzlich gab es Stop-and-go-Verkehr, ein Warnsignal dafür, dass der Fußgängerfluss zusammengebrochen ist. Obwohl die Leute etwas gedrängelt haben, fühlte ich mich nicht bedroht, weil der Weg sich nicht verengte. Und es ging bergauf, was gut ist, weil es vor dem Druck der nachschiebenden Menge schützt. In Duisburg war die Lage anders: Da ging es bergab, und durch die Verengung von der Rampe in den Tunnel hinein gab es diesen Trichtereffekt. Das hat zu einer extremen Verdichtung der Menge geführt.
Wäre Ihnen wohler, wenn Veranstaltungen einer gewissen Größenordnung verboten wären?
Ich persönlich brauche keine Massenveranstaltungen. Aber können Sie sich vorstellen, dass der Kölner Karneval verboten wird? Das Entscheidende ist langjährige Erfahrung in der Organisation, um die Komplexität solcher Events zu überschauen. Man kann Großereignisse nicht von heute auf morgen so einfach auf dem Reißbrett entwerfen. Deshalb brauchte es meiner Meinung nach ein mobiles Expertenteam zur Unterstützung lokaler Organisatoren, eine Art Sicherheits-Tüv.
Das sind wir unserem Bedürfnis nach Verschmelzung schuldig?
Bei Massenveranstaltungen wie der Love Parade oder einem Fußballspiel ist die Menge ja nicht passiv. Im Gegenteil: Sie möchte sich kreativ produzieren. Man ist nicht nur Zuschauer, sondern Teil einer Performance. Alle tragen dazu bei, gemeinsam Spaß zu haben. Auf einer großen Party tanzen zu können, ist ein befreiendes, euphorisches Erlebnis. Im Alltag hat man oft wenig Einfluss auf den Lauf der Dinge. Dieses Gefühl von Ohmacht löst sich auf einer tollen Massenveranstaltung auf. Man fühlt sich stärker und genießt es, das Leben unter Kontrolle zu haben. Wenn man dann eingequetscht wird, schlägt dieses Hochgefühl natürlich auf tragische Weise ins Gegenteil um.
Auf Mindermeinungen achten!
Carsten Kröger (Egon-Erwin-Kisch)
- 03.08.2010, 01:55 Uhr
Zwei, Drei Megaphone und die richtigen Sätze ... Teil 1/3
Janosch Kornzweigl (kornzweigl)
- 04.08.2010, 07:15 Uhr
Zwei, Drei Megaphone und die richtigen Sätze ... Teil 2/3
Janosch Kornzweigl (kornzweigl)
- 04.08.2010, 07:17 Uhr
Zwei, Drei Megaphone und die richtigen Sätze ... Teil 3/3
Janosch Kornzweigl (kornzweigl)
- 04.08.2010, 07:21 Uhr