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Nach der Loveparade-Katastrophe So wollte niemand recht bekommen

 ·  Die „Europäische Kulturhauptstadt Ruhr 2010“ setzte von Anfang an auf Großveranstaltungen und war bemüht, alles Mögliche zur Kultur zu erklären - auch die Loveparade. Dagegen gab es durchaus Kritik.

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Bis zum späten Samstagnachmittag hatte die „Europäische Kulturhauptstadt Ruhr 2010“ gute Aussichten, als ein Jahrgang in die wechselhafte Geschichte dieses renommierten kulturellen Europapokals einzugehen, der die Identität der geschundenen und immer noch von Klischees verstellten Region nach innen gestärkt und seine Strahlkraft nach außen erhöht hat; als eine Institution, die alte Städtepartnerschaften reanimiert und neue initiiert, die soziale Integration von Migranten befördert sowie vor allem dem Ruhrgebiet einen Modernisierungsschub gegeben und es auf dem mühsamen Weg des Strukturwandels weitergebracht hat.

Mit neuen Museen wie dem Museum Folkwang in Essen und dem Ruhr Museum in der dafür umgebauten Kohlenwäsche der Zeche Zollverein XII, mit der kulturellen Umnutzung anderer Industriedenkmäler wie dem „U“ der früheren Unionsbrauerei in Dortmund, mit Erweiterungsbauten wie auf der Küppersmühle am Duisburger Innenhafen oder auch fragwürdigen neuen Wahrzeichen wie einer Herkulesfigur von Markus Lüpertz auf dem Turm der stillgelegten Zeche Nordstern in Gelsenkirchen, schließlich mit vielen kleineren Ausstellungs- und Veranstaltungsorten, Foren und Instituten, die geplant oder zufällig, lange überfällig oder schnell noch angepackt für das Großereignis fertig wurden oder noch fertig werden sollen.

Jedes noch irgendwie kulturell einzustufende Ereignis

Die tragischen Ereignisse am Gelände des Duisburger Güterbahnhofs aber haben die Europäische Kulturhauptstadt mit unfassbarem Leid überzogen und sie mit einem schwarzen Trauerrand versehen, den sie, wie publikumsattraktiv und überwiegend erfolgreich das Jahr auch bilanziert werden sollte, nicht mehr ablegen wird.

Denn auch die Loveparade gehört zum Programm von „Ruhr 2010“. Nicht ihrer Intention und ihren Inhalten nach, dafür ist sie zu traditionsreich und eigenständig. Auch hatte sie schon vorher im Revier festgemacht: 2007 kam sie nach Essen, im Jahr darauf brach sie in Dortmund alle Rekorde, 2009 wurde sie in Bochum aus Sicherheitsbedenken abgesagt, und im kommenden Jahr sollte sie, so war bis zum Samstag die Planung, in Gelsenkirchen fortgesetzt werden.

Die Loveparade kam unter das Dach der Europäischen Kulturhauptstadt, weil diese so gut wie alle auch nur irgendwie als kulturell geltenden oder einzustufenden Ereignisse, die in diesem Jahr zwischen Duisburg und Dortmund, Hamm und Hamminkeln, Wesel und Witten stattfinden, unter ihr Dach genommen hat: Nicht nur die mehr als dreihundert Veranstaltungen, die sie selbst angeregt, ausgewählt und ausgerichtet hat, sondern selbstverständlich auch die hier jährlich stattfindenden Festivals wie Ruhrfestspiele und Ruhrtriennale, Mülheimer Theatertage und Oberhausener Kurzfilmtage, Duisburger Akzente, Klavierfestival Ruhr oder Extraschicht der Industriekultur und schließlich auch Treffen, die jedes Jahr die Stadt wechseln und wegen der Kulturhauptstadt 2010 im Revier Station machten, darunter die Deutschen Meisterschaften im Poetry Slam oder Kongresse von Architekten, Ingenieuren und Denkmalpflegern.

Einwände waren „nur“ kulturkritisch

Diese Tendenz der Europäischen Kulturhauptstadt Ruhr 2010, alles und jedes zu adoptieren und in ihr Programm aufzunehmen, ihr dadurch starker, ja bestimmender Zug ins Beliebige und Allesmögliche, die massive Ausrichtung auf populäre, massenkompatible Events und mithin große Besucherzahlen – diese einerseits facettenreiche, andererseits durch Überfülle kaschierte Konzeptionslosigkeit war von Anfang an der zentrale Punkt, auf den sich die Kritik am Programm der Kulturhauptstadt richtete.

Insbesondere an den vielen Großveranstaltungen, mit denen der Rekord von Liverpool 2008, als 9,7 Millionen Besucher gezählt wurden, geknackt werden soll, machten sich die Bedenken fest.

Dass den Bedenkenträgern jetzt und so wie in Duisburg geschehen recht gegeben wurde, ist von zusätzlicher Tragik. Denn die Einwände waren „nur“ kulturkritisch, nicht sicherheits- oder logistikkritisch gemeint. So wollte niemand und nie jemand recht haben.

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Jahrgang 1952, Feuilletonkorrespondent in Köln.

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