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Loveparade Schaller und die Schuldfrage

27.07.2010 ·  Der Chef der Loveparade Rainer Schaller schiebt die Verantwortung für die Massenpanik von sich - und greift die Polizei an. Für den Wissenschaftler Dirk Oberhagemann, dem Dreharbeiten am Tunnel verweigert wurden, steht fest: „Diese Veranstaltung hätte so nie und nimmer stattfinden dürfen.“

Von Michael Müller
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Dirk Oberhagemann kann es noch immer nicht fassen. „So etwas habe ich noch nie erlebt.“ Auch er war am Samstag auf der Love Parade in Duisburg, die ein so tragisches Ende nahm. Aber Dirk Oberhagemann wollte nicht tanzen, er war aus beruflichen Gründen in Duisburg.

Der Katastrophenforscher ist Koordinator der Studie „Risiko Großveranstaltung: Planung, Evakuierung und Rettungskonzepte“, die das Bundesforschungsministerium vor einem Jahr in Auftrag gegeben hat.

Dirk Oberhagemann forscht schon seit Jahren über Schutzmaßnahmen und Evakuierungsmöglichkeiten bei Großveranstaltungen. Dem 41 Jahre alten Wissenschaftler genügte denn auch ein kurzer Blick auf das Duisburger Veranstaltungsgelände, um festzustellen: „Der Tunnelbereich ist ein ganz sensibler Punkt. Mir war schnell klar, dass da was passieren wird.“ Der Tunnel war der einzige Zugang auf das Veranstaltungsgelände. Er wurde am Samstag zur tödlichen Falle für die ankommenden Menschenmassen.

„Die wussten genau, dass hier ein heikler Punkt ist.“

Oberhagemann wollte seine Befürchtungen überprüfen und zu Forschungszwecken im Tunnelbereich filmen – wie schon so oft auf Großveranstaltungen in Deutschland. Bei der Kieler Woche, auf dem „NRW-Tag 2009“ in Hamm oder auch beim Kölner Lichterfest. Daher bat er nach eigenen Worten den Veranstalter der Love Parade, die Lopavent GmbH, um eine Dreherlaubnis.

Eigentlich reine Routine, dachte Oberhagemann. Denn „noch nie hat jemand Einwände dagegen gehabt.“ Doch der Veranstalter verbot Oberhagemann, in der Nähe des Tunnels zu filmen: „Das ist ein sehr sensibler Punkt. Dort wollen wir keine Externen haben.“ Der Wissenschaftler sagt: „Die wussten genau, dass hier ein heikler Punkt ist. Deshalb wollten sie mich nicht dabei haben.“

Oberhagemann fuhr dennoch nach Duisburg: Doch was er aus dem 14. Stock des Hoist-Hochhauses zu sehen bekam, macht ihn noch immer fassungslos. Als um 14 Uhr die ersten „Floats“, die Musikwagen, auf dem Veranstaltungsgelände losfuhren, waren nur 70.000 Menschen auf dem Gelände. Der Rest war noch in der Stadt unterwegs. „Schon zu diesem Zeitpunkt war doch klar, dass es später zu einem Massenandrang kommen muss.“

„Zweifelsohne absolut ungeeignet“

Ersten Schätzungen vom Samstagnachmittag zufolge waren 1,4 Millionen Besucher auf der Love Parade, später wurde dann immerhin noch von 700.000 Besuchern gesprochen. Das Gelände war aber ausgelegt für höchstens 250.000 Besucher. „Also hat man damit kalkuliert, dass mehrere hunderttausend Menschen umsonst an die Sperrzäune kommen würden.“ Oberhagemann fragt: „Und denen wollte man dann sagen: Danke, dass ihr gekommen seid, aber ihr müsst jetzt alle wieder gehen!?“

Ein Tunnel als einzigen Zugang für so einen Massenandrang sei „zweifelsohne absolut ungeeignet.“ Eine solch große Veranstaltung dürfe man nur mit einem Einbahnstraßensystem zulassen. Zu- und Abgang müssten auf jeden Fall voneinander getrennt werden. „Ein Eingang und ein separater Ausgang – so und nicht anders.“

Chef der Loveparade ist sich keiner Schuld bewusst

Rainer Schaller, Geschäftsführer des Veranstalters Lopavent GmbH und damit Chef der Loveparade, ist sich im Gespräch mit der Deutschen Presseagentur hingegen keiner Schuld bewusst. „Alle Behörden haben die Eingangssituation abgenickt, sonst hätten wir das nicht gemacht.“ Der Tunnel sei als einziger Zugang „extrem intensiv geprüft und die Genehmigung erteilt worden“.

Die Auswertung des Videomaterials und die Rücksprache mit den 2000 Mitarbeitern der Großveranstaltung laufe auf Hochtouren. An einer Überfüllung des Geländes lag es aus Schallers Sicht jedenfalls nicht. Das lasse sich beweisen. „Das Gelände war zu dem Zeitpunkt zu 75 Prozent ausgelastet. Es waren etwa 187.000 auf den Gelände.“

Wissenschaftler: „Über Sicherheitsbedenken hinweggesetzt“

Eine solche Aussage macht Oberhagemann wütend. „Nur völlig Realitätsferne können ernsthaft gedacht haben, dass an dieser Stelle nichts passieren wird.“ Deshalb kommt der Wissenschaftler auch zu einem klaren Schluss: „Diese Veranstaltung hätte so nie und nimmer stattfinden dürfen.“ Es habe zuvor genügend Warnungen gegeben. „Man hat sich über sämtliche Sicherheitsbedenken hinweggesetzt.“

Rainer Schaller geht unterdessen in die Offensive. Er glaubt zu wissen, was die Katastrophe in Gang setzte: eine angebliche Anweisung der Einsatzleitung der Polizei, den Hauptstrom der Technofans unkontrolliert und ungebremst in den Tunnel zum Veranstaltungsgelände fließen zu lassen. Dafür gebe es mehrere Zeugen, behauptet Schaller. „Für den Fall der Überfüllung sollten die Schleusen geschlossen werden.“ So sei es geplant gewesen, deswegen seien die Schleusen schließlich installiert, und so sollte das Nadelöhr „Tunnel“ als neuralgischem Punkt der Veranstaltung unter Kontrolle gehalten werden.

Weil schon früh am Samstag eine Überfüllung des Tunnels drohte, hätten seine Mitarbeiter bis 14 Uhr 10 der 16 Schleusen geschlossen gehalten. So sollte der Andrang gebremst werden. Aber dann sei „diese verhängnisvolle Anweisung“ ergangen, alle Schleusen vor dem westlichen Tunneleingang an der Düsseldorfer Straße zu öffnen. Warum, könne er nicht sagen, beteuert Schaller. Jedenfalls sei von dort der Hauptansturm auf den Tunnel erfolgt, von Osten seien weit weniger Menschen gekommen.

Kölner Polizei weist Vorwürfe zurück

Die mit den Ermittlungen beauftragte Kölner Polizei hat Schallers Vorwürfe als verfrühte Spekulation zurückgewiesen. „Wir sind zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht in der Lage zu sagen, was der Auslöser war für das Ganze, wie es sich ereignet hat. Das kann man jetzt noch nicht seriös feststellen“, sagte eine Sprecherin der dpa am Dienstag. „Wir fänden es gut, wenn sich Herr Schaller nicht in Spekulationen verlieren würde.“

Schaller jedenfalls bekräftigt, sämtliche Auflage erfüllt zu haben. „Wir haben nie Druck auf eine Herabsetzung der Sicherheit ausgeübt. Das gesamte Konzept war in jedem Punkt in wöchentlichen Sitzungen mit Polizei, Feuerwehr und Stadt abgestimmt.“

Schaller: „Alles wurde von den Behörden abgenickt“

Auch Oberhagemann glaubt, die Ursachen für die Katastrophe seien eher bei der Stadt Duisburg zu suchen. Die Schwächen im Sicherheitskonzept sind seiner Meinung nach vor allem den Sparmaßnahmen der klammen Stadt Duisburg geschuldet. „Das Veranstaltungsgelände einzuzäunen diente doch nur dem Zweck, dass dann der Veranstalter für die anschließende Reinigung des Areals zuständig war, und eben nicht die Stadt, wie das in Berlin immer der Fall war.“

Auch Schaller behauptet, die Einzäunung des Geländes sei von den Behörden aus Sicherheitsgründen verlangt worden. „Wir haben ungern eingezäunt. Das haben wir auch in Essen und Dortmund nicht gemacht.“ Alle Einzelheiten seien in Duisburg „von den Behörden abgenickt oder vorgegeben worden“.

Oberhagemann sieht denn die Schuld auch nicht ausschließlich bei Love-Parade-Chef Rainer Schaller. „Egal welches Konzept der Veranstalter erstellt, alles muss letztendlich von der Stadt abgesegnet werden.“ Für die Zukunft müsse man nun dringend die richtigen Konsequenzen für die Organisation von Großveranstaltungen ziehen. „So etwas kann einfach nicht von einer Stadt alleine geplant werden“, sagt Oberhagemann. Deshalb empfiehlt der Wissenschaftler, eine zentrale Stelle einzurichten. „Das kann das Innenministerium sein oder auch eine andere Institution mit den notwendigen Kapazitäten.“

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