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Festival-Veranstalter „Das war fahrlässige Tötung“

29.07.2010 ·  Nach der Tragödie von Duisburg fürchten die Festival-Veranstalter um ihren Ruf - und kritisieren die „amateurhafte Vorbereitung“ der Loveparade.

Von Peter Badenhop
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Die Ordner tragen T-Shirts mit der Aufschrift „Metal Guard“. Bestimmt, aber freundlich kontrollieren sie an den großen Eingangsschleusen jeden Besucher, leiten den Menschenstrom auf das Festivalgelände. Vor den drei Bühnen sichern sie die Absperrungen. Und wenn es nötig ist, öffnen die Männer, oft kahlgeschoren und groß gewachsen, die Fluchtwege. Ihr robuster Auftritt wirkt. Beim alljährlichen Heavy-Metal-Festival in Wacken sind die Sicherheitsleute keine „Gegner“, sie gehören in der ohnehin oft recht martialisch auftretenden Metal-Szene gewissermaßen zur Familie.

In Zukunft wird das Sicherheitspersonal auf den sommerlichen Musikfestivals in Deutschland genauer beäugt. Denn nach der Katastrophe von Duisburg steht ein ganzer Wirtschaftszweig im Licht der Öffentlichkeit. Die deutschen Festival-Veranstalter befürchten, dass der „Irrsinn“ und die „amateurhafte Vorbereitung“ eines einzelnen Mega-Events die gesamte Branche mit all ihren Organisatoren, Veranstaltern und Agenturen in Verruf bringen könnte. Manche wollen sich deshalb gar nicht zu der tödlichen Massenpanik vom Samstag äußern, andere suchen dagegen die Öffentlichkeit.

„Laientheater mit Todesfolge“

Als einer der ersten hat sich Marek Lieberberg zu Wort gemeldet, der Altmeister der Festival-Macher, der Anfang der siebziger Jahre die ersten Open-Airs in Deutschland und in diesem Jahr zum 25. Mal sein „Rock am Ring“ mit 85.000 Zuschauern in der Eifel veranstaltet hat. „Es war von Anfang an ein Rezept für den Untergang“, sagt Lieberberg über die Love Parade. „Diese Veranstaltung war nach meinem Urteil überhaupt nicht genehmigungsfähig. Die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Das war kein Unglück, das war fahrlässige Tötung.“

Der größte Festival- und Konzertveranstalter Europas steht mit seiner Kritik nicht allein. Auch Folkert Koopmans, Geschäftsführer der Hamburger Konzertagentur Scorpio, spricht mit Blick auf die Love Parade in Duisburg von Fahrlässigkeit und Verantwortungslosigkeit. „Die haben es drauf ankommen lassen. Wenn es nicht auf dem Hinweg passiert wäre, dann spätestens auf dem Rückweg. Das wirft ein schlechtes Licht auf die Branche.“ Ein Veranstalter aus Ostdeutschland bezweifelt, „ob ein Fitness-Ketten-Betreiber überhaupt das nötige Know-How für eine solche Veranstaltung hat“, ein anderer sagt über Love-Parade-Organisator Rainer Schaller und sein Team: „Die waren arrogant und hatten keine Ahnung.“ Und Nikolaus Schär, der am Wochenende 60.000 Techno-Fans zu seinem Festival „Nature One“ im Hunsrück erwartet, sieht „ein Laientheater mit Todesfolge“.

„Das weiß doch jeder australische Schafhirte besser“

Lieberberg spricht vom „verhängnisvollen Zusammenwirken von völlig überforderten Behörden und inkompetenten Organisatoren“. Und damit trifft der Vierundsechzigjährige, der sein alljährliches Festival am Nürburgring mit Hilfe von Videoüberwachung, festen Eingangs- und Ausgangsschleusen, rund 1000 Ordnern und einem ausgeklügelten Zugangssystem zu den Zuschauerbereichen immer weiter aufgerüstet hat, den Tenor in der Branche. „Das weiß doch jeder australische Schafhirte besser“, sagt Scorpio-Geschäftsführer Koopmans. Ein einziger Zu- und Abgang für so viele Menschen: „völlig absurd“.

Beim „Hurricane“-Festival im niedersächsischen Scheeßel, zu dem jedes Jahr zwischen 50.000 und 70.000 Besucher auf eine Motorrad-Sandrennbahn kommen und auf den umliegenden Wiesen zelten, arbeiten Koopmans und sein Veranstaltungsteam mit drei separaten Eingängen, festen Schleusen, einem getrennten Ausgang und 600 Sicherheitsleuten, um der Menschenmassen Herr zu werden. Ähnlich ist es bei den zehn anderen Open-Air-Veranstaltungen, die Scorpio jedes Jahr in Deutschland und in der Schweiz organisiert. Selbst bei viel kleineren Festivals sind die Vorkehrungen ausgefeilt.

Ein geschulter Sicherheitsdienst gehört zum Standard

Chris Jäger vom Festival „Bang Your Head“ im baden-württembergischen Balingen will nicht viel zur Love Parade sagen: „Aber wenn ein Gelände für 250 000 Leute zugelassen ist, und dann kommen doppelt so viele, noch dazu durch einen Tunnel – da muss man doch nur eins und eins zusammenzählen.“ Auf dem Messegelände in Balingen werden jedes Jahr zwei Eingänge und ein Ausgang sowie eine Reihe fester Notausgänge eingerichtet – für höchstens 20 000 Besucher. „Außerdem haben wir einen Sicherheitsdienst, der geschult ist und sich auskennt.“

Auch für Carsten Simon ist das eine Grundvoraussetzung für den reibungslosen Ablauf einer Großveranstaltung. „Das Personal muss eingespielt sein und die Spielstätte kennen, die Polizei kann das nicht leisten“, sagt der Geschäftsführer der Frankfurter Sicherheitsfirma Safe, die unter anderem für „Rock am Ring“ den Ordnungsdienst stellt.

„In Wacken ist es traditionell friedlich“

Nach Ansicht von Marek Lieberberg hat der Sicherheitsdienst bei der Love Parade versagt und die Besucherströme nicht geleitet. „Nach meinem Eindruck hätten bei einem Event dieser Größenordung – ,Rock am Ring’ ist doch eine Club-Veranstaltung dagegen – mindestens 4000 bis 5000 Ordner im Einsatz sein müssen. Es kann sich aber nur um einen Bruchteil davon gehandelt haben. Außerdem muss deren Professionalität entschieden angezweifelt werden.“

In Wacken ist das anders. Bei dem Metal-Festival in der schleswig-holsteinischen Provinz, das sich in den vergangenen sechs Jahren in seiner Größe mehr als verdoppelt hat und mit mehr als 70 000 Zuschauern neben „Rock am Ring“ inzwischen zu den größten Open Airs in Deutschland zählt, sind die Ordnungskräfte nicht nur zahlreich, sondern auch gut ausgebildet. Darauf legt Sicherheitschef Thomas Hess Wert. Seine „MetalGuards“ – gut 600 sind jeweils auf dem Festivalgelände im Einsatz – agieren sicher und souverän. „In Wacken ist es traditionell friedlich“, sagt Hess, der auch schon bei vielen anderen Veranstaltungen wie etwa dem Weltjugendtag in Köln aktiv war. „Aber wir haben auch genug Platz, falls es doch mal eng wird.“

Die meisten der Branche sehen die Hauptschuld beim Veranstalter

Genug Platz hat auch „Nature One“-Organisator Nikolaus Schär zur Verfügung. Trotzdem muss er sich seit Tagen Fragen zu seinem Sicherheitskonzept gefallen lassen. Am Freitag beginnt seine Techno-Veranstaltung, zu der er auf der ehemaligen Raketenbasis Pydna bei Hasselbach im Hunsrück etwa 60 000 Fans erwartet – Platz wäre für mehr als 100 000 Besucher. Wie die meisten in der Branche sieht Schär die Hauptschuld für die Ereignisse von Duisburg beim Veranstalter. „Profis wären nie auf dieses Gelände gegangen und hätten schon gar nicht diesen Zugang gewählt.“ Gleich am Montag habe er mit den für sein Festival zuständigen Vertretern von Polizei, Feuerwehr, Ordnungsamt und Rotem Kreuz gesprochen. Man sei gemeinsam zu dem Schluss gekommen, dass am bestehenden Konzept für „Nature One“ mit separaten Ein- und Ausgängen und großzügigen Fluchtwegen nichts zu ändern sei.

Noch viel mehr Besucher als in Pydna werden am Wochenende an der deutsch-polnischen Grenze zur „Haltestelle Woodstock“ erwartet. In der Nähe der Stadt Kostrzyn (Küstrin) soll auf einem früheren Truppenübungsplatz das größte kostenlose Freiluftfestival Europas stattfinden. Das Sicherheitskonzept ist nach den Worten von Uwe Hädicke vom deutschen Kooperationspartner, der Kindervereinigung Seelow, schon lange besprochen und genehmigt. Im übrigen sei die Organisation „hoch professionell“ und es würden etwa 2000 sorgfältig geschulte Ordner eingesetzt. Angesichts der erwarteten Menschenmassen ein Muss, die Veranstalter rechnen nämlich mit etwa 400 000 Zuschauern – unter ihnen immerhin rund 40 000 Besucher aus Deutschland.

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