07.08.2010 · Josef Krings war lange Oberbürgermeister von Duisburg. Jetzt, nach der Katastrophe mit 21 Toten bei der Love Parade, ist er wieder da - mit 83 Jahren. Weil der Stadt in der schweren Krise eine große Figur fehlt.
Von Andreas Rossmann, DuisburgEigentlich könnte Josef Krings den ganzen Tag seinen schönen Garten pflegen und, naturverbunden und gut bei Kräften, wie er ist, den Ruhestand genießen. Genug zu tun gibt es immer, das lange Grundstück hinter seinem Reihenendhaus läuft bis in den Wald. Gestern hat er den Rasen gemäht, und so ist die Grenze zum Nachbarn zu erkennen, denn Zäune gibt es in der versteckt gelegenen Siedlung im Duisburger Vorort Großenbaum nicht.
Doch ganz zurückziehen kann und will sich der Pensionär nicht. Heute morgen ist er wieder angerufen worden, ob er nicht am 31. August nach Walsum kommen könne. „Wir hatten an den Sauerland gedacht, aber das geht ja jetzt nicht mehr“, habe, so erzählt es Krings, der Bekannte vom dortigen Seniorenclub erklärt und gefragt: „Jupp, kommst Du?“ Der Jupp wird hinfahren.
Das erwarten die Menschen von ihm, und das erwartet er von sich selbst. Denn Josef Krings war von 1975 bis 1997 Oberbürgermeister der Halbmillionenstadt, ein Sozialdemokrat mit Ecken und Kanten, bei Kumpeln wie Kulturbürgern so beliebt, dass die CDU, als er 1994 zum letzten Mal gewählt wurde, keinen Gegenkandidaten ins Rennen schickte.
Damals herrschte noch die Doppelspitze, die Verwaltung leitete der Oberstadtdirektor, und Oberbürgermeister war ein repräsentatives Amt, das Krings bis zur Pensionierung 1989 neben seinem Beruf als Realschuldirektor im benachbarten Mülheim ausübte. Ganz von der politischen Bildfläche ist er, seit er vor 13 Jahren abtrat, nicht verschwunden, aber jetzt, da er 83 Jahre alt ist, wird er wieder gebraucht. „Die Stadt ist kopflos“, konstatiert er mit bitterem Unterton. Ihn treibt die Frage um, wie es nach der Love-Parade-Katastrophe in Duisburg weitergeht.
Viele städtische Bedienstete werden beschimpft - Politessen, Müllmänner
Vor zwei Tagen hat Krings das Call-Center der Stadt besucht. Eine ehemalige Schülerin hatte ihn angerufen: „Es wäre für uns ganz gut, wenn Sie mal kommen und nur zehn Minuten bleiben könnten“, hatte sie gesagt. Die Mitarbeiterinnen dort haben schwere Tage durchlebt. Bei ihnen kamen die Anrufe der Angehörigen der Opfer an. Frings fragte die Frauen: „Wie haben sie reagiert? Aggressiv?“ Nein, wurde ihm berichtet: „Die eigentlich Betroffenen waren erschrocken, verschreckt, entsetzt und kaum fähig zu reden. Geredet haben andere – und uns beschimpft.“
Inzwischen, so sagt Krings, werden viele städtische Bedienstete beschimpft, Politessen, Müllmänner, Amtsleiter. Für das frühere Stadtoberhaupt ist das schwer erträglich, gerade weil es eine einfache Erklärung gibt. Erst am Morgen hatte auch Adolf Sauerland das Call-Center besucht: „Viel zu spät!“ Und warum hat er, Krings, sich bis nach der offiziellen Trauerfeier nicht öffentlich geäußert? „Aus Sympathie zu Sauerland!“
Sein Nach-Nachfolger habe ihn stets freundschaftlich behandelt, was er von seiner direkten Nachfolgerin, einer Sozialdemokratin, nicht behaupten könne: „Sauerland war mutig und erfolgreich“, sagt Krings von dem CDU-Politiker. „Ich bewerte seine Integrationspolitik sehr positiv. Hinter dem ‚Wunder von Marxloh’, einer journalistischen Überzeichnung, steht harte Arbeit.“ Doch seit dem 24. Juli sei die Stadt aus dem Gleichgewicht geraten. Bürgern, Organisationen und Vereinen fehle der unumstrittene Ansprechpartner.
„Es fehlt die große Geste“, sagt Krings, dessen rheinisch weiche Stimme ein preußisch strenges Äußeres auflockert. „Ich bewundere Margot Käßmann. Versagen, eine Nacht drüber schlafen, am nächsten Tag sagen: ‚Schluss!’ Das finde ich stark. Vielleicht kann das nur eine Frau.“ Adolf Sauerland jedenfalls konnte es nicht: „Das Ausharren im Amt zerschlägt politische Kultur“, sagt Krings, dem die Formel, der Oberbürgermeister müsse die politische Verantwortung übernehmen, nicht weit genug geht: „Wer ein politisches Amt antritt, der hat die Verantwortung. Er trägt sie auch für die Fehler seiner Organisation.“ Allein darum gehe es, sagt der ehemalige Oberbürgermeister, „nicht um Schuld und Sühne, nicht um das Versagen von Polizei oder Feuerwehr, nicht um Kommunikations- oder Planungsfehler.“
Von der Love Parade hat der Operngänger schon vorher nichts gehalten
Dass das Unglück nun in Untersuchungsausschüsse und Expertenbefragungen abgeschoben und zum Gegenstand taktischer Überlegungen wird, macht für Krings alles noch schlimmer: „Die Wut der Menschen steigt, die Distanz zwischen Bürgern und Politik wächst.“ Den Schaden für Duisburg nennt Krings „sehr groß“: „Wenn ich ‚Solingen’ höre, denke ich immer an den Brandanschlag.“ Der erhoffte Imagegewinn habe sich ins krasse Gegenteil gewendet. Wie kann es weitergehen? „Bereit sein zur Verantwortung, das muss die Grundlage politischen Handelns sein“, sagte Krings in seiner Rede auf dem Gedenkmarsch am vergangenen Sonntag: „Hier braucht niemand ein Held zu sein.
Hier werden Menschen gebraucht, die auch ihr Fehlverhalten offen bekennen und eingestehen.“ Und weiter: „Wir trauern auch um unsere Stadt. Doch wir geben nicht auf.“ Josef Krings kennt die Stärken, kennt die „Seele“ seiner Stadt. „Als gebürtiger Düsseldorfer, der mit Bergbau nichts zu tun hatte, hat mich der Besuch in der Zeche sehr beeindruckt. Dieser Zusammenhalt wird, auch wenn es kaum noch Zechen gibt, hier gelebt.“
Von der Love Parade hat der passionierte Operngänger, der mit einer ehemaligen Balletttänzerin verheiratet ist, schon vorher nichts gehalten: „Die Musik ist monoton, aber das ist mein Problem.“ Nein, die Love Parade habe nicht nach Duisburg gepasst: „Zum inneren Stolz hier gehört, dass man alle Großspurigkeit lässt. Die Arbeiter sind skeptisch gegenüber großen Sprüchen. Grandiose Redner haben sie oft über den Leisten gezogen.“ Das „größte Musikereignis der Welt“ hätten die Medien, vorneweg die im Ruhrgebiet tonangebende „WAZ“, angekündigt, wundert sich Krings. Und dann rutscht ihm doch noch ein sarkastischer Satz heraus: „Als die Berliner sie nicht mehr wollten, weil der Tiergarten vollgeschissen war – da kam die Love Parade ins Ruhrgebiet.“