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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Westminster Abbey Als Hochzeitskirche nicht die Krönung

 ·  Westminster Abbey ist eine ziemlich unpraktische Kirche für die bevorstehende Hochzeit von William und Kate: Die Hälfte der Gottesdienst-Gemeinde kann gar nicht erst einen Blick auf den Ort des Geschehens werfen.

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Für große Hochzeiten ist Westminster Abbey ziemlich unpraktisch. Die gotische „Stiftskirche von St. Peter, Westminster“, so ihr vollständige Name, wurde in der gegenwärtigen Form von ihrem Auftraggeber, König Heinrich III. als Krönungskirche konzipiert - dazu waren viel Platz rund um den Hochaltar und die Vierung in der Kirchenmitte notwendig. Das Chorgestühl und die steinerne Chorschranke verschoben der König und die Baumeister deswegen ein ganzes Stück nach Westen, das Kirchenschiff hinunter. Dort versperrt die spitzgotische Sandsteinmauer seither der Hälfte der Gottesdienst-Gemeinde den Blick auf das Allerheiligste.

In der Feudalgesellschaft des englischen Mittelalters war das nicht so ausnehmend schlimm; für Hochadel und Geistlichkeit blieb ja im heiligeren Innern genügend Aufenthaltsraum. Doch das Protokoll der gegenwärtigen königlichen Familie muss auf Hochzeitsgäste aus allen Gegenden der Gesellschaft Rücksicht nehmen, das macht die Sache heikler - und die Kirche voller. Andererseits wird das Brautpaar - nachdem die Braut am Arm ihres Vaters die volle Länge des Mittelganges durchmessen hat und mit dem Bräutigam gemeinsam vor dem Altar steht - inmitten einer intimeren Gästekulisse hinter der Chorschranke weniger befangen sein. Denn die Sitzordnung hat links und rechts vom Altar nur die beiden Familien (rechts die königliche, links die Middletonsche) vorgesehen, dann auf der rechten Seite die Abgesandten der auswärtigen Königtümer (unter ihnen als regierende Häupter die dänische Königin, den Großherzog von Luxemburg, Prinz Albert von Monaco und den Sultan von Brunei) und auf der linken Seite die Familie Spencer, also die Verwandtschaft des Bräutigams mütterlicherseits.

Der Kronprinz von Bahrain sagte seine Teilnahme ab

Earl Spencer, der Bruder der 1997 tödlich verunglückten Princess of Wales, hatte bei der Trauerfeier für seine Schwester in der Westminster-Abtei, einige Schritte von seinem aktuellen Sitzplatz entfernt, eine effektvolle Rede gegen Dianas Verfolger gehalten, zu denen er neben den wilden Pressefotografen in kaum verhohlener Weise auch die königliche Familie zählte. Nun ist der Earl, der sich gerade zu einer dritten Eheschließung anschickt, in der Hochzeits-Sitzordnung seines Neffen ein paar Reihen nach hinten geschoben worden. Ein anderer Platz ist, auf der Seite der auswärtigen Würdenträger, überraschend frei geblieben - der Kronprinz von Bahrain sagte seine Teilnahme ab, nachdem in Großbritannien bei Menschenrechtsgruppen Unmut über die blutige Art und Weise laut geworden war, mit der die bahrainische Herrscherfamilie jüngst in ihrem Lande Demonstrationen niederschlug.

Die Jahrhunderte haben es überdies mit sich gebracht, dass selbst die Zahl der 1900 Gäste, die am Freitag von acht Uhr früh an in die Abtei strömen werden, weit kleiner bleibt als die Zahl derjenigen, die dort dauerhaft zur Ruhe gebettet sind. Etwa 3300 Gräber beherbergt die Kirche. Sie ist das bedeutendste britische Pantheon. Seit Edward der Bekenner, einer der letzten angelsächsischen Könige vor der normannischen Eroberung Englands im Jahre 1066, in dem von ihm erneuerten Benediktinerkloster in Westminster begraben wurde, sind viele seiner Nachfolger diesem Beispiel gefolgt - 17 der 39 Monarchen, die in der Abtei gekrönt wurden, sind in den Seitenkapellen des Bauwerks bestattet.

Das Geläut wird nach der Trauung einsetzen

Später nahm die Kirche auch die sterblichen Reste bedeutender Offiziere, Wissenschaftler und Künstler auf: Charles Dickens ruht in der „Dichterecke“, in der vor wenigen Jahren auch die Asche des Schauspielers Laurence Olivier bestattet wurde; Isaac Newton hat ein prächtiges Grabmal unter der Chorschranke. Die bedeutendste Monarchin, die in der Abtei bestattet wurde, ist wohl Königin Elisabeth I. Ihrer Regentschaft kurz nach der englischen Reformation verdankt die Kirche eine dauerhafte Sonderstellung: Sie hält seither den Status eines „royal peculiar“ und ist, wie einige andere Kapellen königlicher Residenzen auch, direkt dem jeweiligen Monarchen unterstellt, ohne in eine Diözese eingegliedert zu sein. Wenn John Hall, der achtunddreißigste Dekan von Westminster, am Freitag zunächst die Königin und wenig später die Braut vor dem Westportal der Abtei begrüßt, dann agiert er als der unbeschränkte, nur Elisabeth II. verantwortliche Hausherr. Der Bischof von London, der später die Predigt hält, und der Erzbischof von Canterbury, der die Trauung vollziehen wird, handeln im Grunde als Gäste des Dekans. Hall stammt von der anderen Seite der Themse, aus dem Londoner Süden, und hat als anglikanischer Priester den ersten Teil seiner Laufbahn in den weniger idyllischen Londoner Stadtgemeinden Kennington und Streatham verbracht.

Als Dean (Dekan) herrscht Hall in Westminster über ein ausgedehntes Gemeinwesen, zu dem lose auch die Westminster School, eine der besten und berühmtesten englischen Privatschulen, sowie das Internat der Chorknaben von Westminster gehört. Schließlich profitiert der Dekan noch bis heute von der jährlichen Spende der Zunft der Londoner Fischhändler, die der Kirche ihres Schutzheiligen St. Peter regelmäßig einen Lachs zukommen lassen. Das ehrwürdige gotische Gewand der Abtei enthält allerdings auch viele Bestandteile und Applikationen, die nicht auf den ersten Blick als modernes Beiwerk zu erkennen sind: Die zwei Kirchtürme etwa wurden erst im 18. Jahrhundert angefügt. Noch jünger sind viele der Glocken; sie wurden 1971 ersetzt oder neu geweiht. Weitaus älter wiederum ist die Sitte, die Glocken zu sehr besonderen Anlässen - wie der bevorstehenden Hochzeit - in einem „full peal“, einem vollen Geläut, erklingen zu lassen. Das besteht aus mindestens 5000 Sequenzen und dauert länger als drei Stunden. Die Ausführung obliegt der „Gesellschaft der Glockenläuter von Westminster“, einem Verein ehrenamtlicher Honoratioren.

Das Geläut wird nach der Trauung einsetzen, sobald das Paar aus dem Westportal heraustritt - unter dem Bogen hindurch, in den erst vor einigen Jahren auf leere Podeste die Standbilder von zehn „Märtyrern des 20. Jahrhunderts“ montiert wurden. Unter den Statuen, die auf Prinz William und Prinzessin Catherine blicken werden, sind neben Martin Luther King und der russischen Großfürstin Elisabeth (die eigentlich eine hessische Prinzessin war) noch zwei weitere Deutsche: der katholische Priester Max Kolbe, der 1941 in Auschwitz verhungerte, und der evangelische Pfarrer Dietrich Bonhoeffer, der 1945 in Flossenbürg erschossen wurde.

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Jahrgang 1962, politischer Korrespondent in Berlin.

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